Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 16-17 (22.4.1910)
- Date
- 1910-04-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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dann werden sie sich nicht mit Phantastereien abgeben!" Fängt sich ein etwas freierer Geist und Sinn zu regen an, nun, so soll er durch vervielfachten Druck eben gründlich herausgepreßt werden. Und so kam es, daß den Söhnen Israels das Leben noch saurer und schwerer .gemacht wurde, als es bisher war. Natürlich bekamen jetzt die neunmal Klugen erst recht Oberwasser, Und sie grinsten und höhnten: „Da habt ihr es! Wir haben es euch ja vorher gesagt. Wir baten euch: Um Himmels willen nur nicht die Obrigkeit reizen. Jetzt seht ihr es, was diese Schädlinge über uns gebracht haben. Wir haben euch immer gewarnt und gesagt: ein Sklave muß stillsitzen; sich ganz klein machen, damit man ihn nur nicht bemerkt, damit man ihn vergißt.44 So sprachen die Klugen, die immer recht behalten und immer alles vorher gesagt haben. Und es begab sich etwas Schreckliches: Moses, der große und starke Moses, erlebte damals einen Augenblick von beschämender Schwäche und Mutlosigkeit. Und er ging zu Gott hin und sprach bittere Worte; „Seitdem ich zu Pharao kam, um in deinem Namen zu reden, hat er es schwerer gemacht diesem Volke, und erlöst hast du dein Volk doch nicht!" Moses wußte damals vielleicht noch nicht, daß die Freiheit eines Volkes nur unter Schmerzen geboren werden kann. Beinahe hätte Moses den Ruhm und die Größe seines Lebens verloren. Aber ein alter Weiser belehrt uns, warum ihm Gott diesen Kleinmut verziehen hat. „Gott sah, daß Moses durch die schwere Not seiner Brüder so tief litt und nur aus dieser Seelenpein heraus jene kleinmütigen und bittern Worte sprach, darum sprach er mit ihm mild und väterlich liebevoll." Und er ließ ihn Einblick tun in die tiefen Geheimnisse dts Geistes und in die verschlungenen Zusammenhänge der Menschheitsentwicklung. Und er lehrte ihn, mit Geduld und zäher Ausdauer das begonnene Werk der Befreiung betreiben. Und er schärfte ihm ein: „Sieh, meine Kinder sind widerspenstig, aufbrausend, mühebeladen. Sollten sie auch nach dir mit Steinen werfen, — du mußt deine große Sendung zu Ende führen, du mußt Ihnen unbeirrt voranschreiten!" So ging Moses zu seinem Volke, sprach und weckte, ermutigte und richtete auf. Freilich, „sie hörten nicht auf Moses, teils wegen Enge des Geistes, teils wegen schwerer Arbeit". Die einen waren zu feige und engherzig und wollten nicht ihre einzigen Vorteile, Stellungen, einen Schein von Ansehen, gesellschaftliche Beziehungen und dergleichen mehr riskieren. Die andern aber, die große Masse des Volkes, keuchte und stöhnte zu sehr unter der erdrückenden Last des Lebenskampfes, als daß sie sich hätten aufraffen können bis zur Höhe eines freien Ideals und sieghaften Glaubens. Darum war die Arbeit mühevoll und dauerte lange. Endlich kam das Wunder. Das herrliche Wunder, das zum Glücke der Menschheit in der Geschichte unaufhaltsam waltet. Das Wunder, daß die Tyrannei an der eigenen Fäulnis und Morschheit zusammenbrechen muß. Das Pharaonenreich stand ja schon lange auf zwei faulen und morschen Pfeilern, — auf Gewalt von der einen und dumpfer Knechtschaft von der andern Seite. Da mußten endlich die düstern und verwüstenden Plagen hervorbrechen, die Gewalt und Sklaverei im Gefolge führen. Es floß das Blut in Mengen, das Ungeziefer kroch widerlich herum, die Heuschrecken streckten ihre Fangarme nach allem und jedem aus, die Pest war ständiger Gast im Lande, eine Flutwelle von abscheulichem Schmutz ergoß sich über das Land, allerlei wilde Tiere, Raub- und Mordgesindel kroch aus allen Verstecken und Schlupfwinkeln hervor. Und es lagerte sich eine schwere Wolke von Finsternis über den Geistern. Aber noch immer saßen die Erstgeborenen fest, noch immer saßen die Ersten in ihrer Macht, die aus ihrer Geburt das Recht ableiten, freie Menschen zu knebeln und zu bedrücken. Endlich geschah auch das letzte Unvermeidliche: „Als schon stockfinstere Mitternacht war, da schlug Gott alle Erstgeborenen im Lande Mizraim, vom Erstgeborenen Pharaos, der am Throne sitzt, bis zum Erstgeborenen der Sklavin, der Kerkermeister geworden". Die Gewalt lag in Trümmern, und die Freiheit hatte freie Bahn. Als der Morgen anbrach, da sahen die Söhne Israels in der Ferne, gegen Südosten zu, einen kleinen roten Punkt aufleuchten, der immer heller und größer wurde — wie eine Sonne. Das war der Sinai. Nun warfen die Sklaven die Ketten ab und zogen aus und gingen dieser Sonne entgegen, um dann erleuchtet und erwärmt auf die Suche nach einem eigenen Heim zu gehen. Freilich nicht in schnurgerader Linie. So leich wird aus Knechten nicht ein freies Volk. Es muß noch vieles vergessen und vieles gelernt werden. Es muß der dumpfe Trotz und die stumpfe Widerspenstigkeit vergessen werden. Und es muß gelernt werden die aufrechte Haltung und der offene Blick und der klare Gedanke. Nun, die Söhne Israels werden es schon lernen, vielleicht aber auch erst ihre Söhne. So kam Israel bis ans Meer. Da erlebten sie den ersten Sieg über ihre Verfolger und Bedrücker, die noch einmal für einen kurzen Augenblick aufflackerten, um dann endgültig zu verlöschen. Nach diesem Siege fühlte Israel das Herz laut und freudig in der Bfust pochen. Es stimmte den ersten Gesang an. In dieser Stunde ward es als Volk geboren. Nun ist es schon gewiß: Die Söhne Israels werden bis an den Sinai vordringen, sie werden immer mehr und immer hellere Offenbarungen erleben. Und dann? Dann werden sie wohl noch manchmal straucheln, aber fallen werden sie nicht. Und ihre Bestimmung? Sie werden leben und leuchten. Jawohl, — sie werden leben und leuchten!