Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 16-17 (22.4.1910)
- Date
- 1910-04-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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und Richter über uns bestellt! Oder willst du mich vielleicht umbringen, wie du den Ägypter ermordet hast?!" Moses fühlte, daß ihm eine zarte, vielleicht wohl die zarteste Saite in der Seele gesprungen war. Diese Menschen wollte er aus der Erniedrigung erheben! Diese wollte er erlösen! Aber das sind ja verkommene Golusmenschen! Eine alte Quelle berichtet, daß Moses in diesen furchtbaren Augenblicken erschüttert dastand und also dachte: „Immer hat mich der Gedanke gequält, warum denn Israel mehr als andere Völker geknechtet wird. Nun begreife ich es: sie haben Denunzianten und Verräter in ihrer Mitte! Jetzt kenne ich die Ursache ihrer Erniedrigung!" Und Moses erlebte schaudernd die bitterste Enttäuschung, sie gab ihm einen Stich mitten ins Herz, und er fühlte, wie ihm ein heller Lebensbaum zur Seele hinausflog. Er zog nun fort und ging in ein anderes Land, zu andern Menschen. * Aber seinem Schicksale entrinnt ein Mensch nicht. Am allerwenigsten ein großer Mensch einem großen Schicksale. Moses ist ein schlichter Hirte geworden. Er wollte königlichen Träumen entrinnen. Aber sein Traum ging mit ihm. Und einmal, — er ging gerade sinnend hinter seiner Herde her, — hörte er in der Seele eine merkwürdige Stimme Gottes: „Gehe hin, ich will dich schicken, und führe hinaus mein Volk, die Söhne Israels, aus Mizraim!" Moses erschrak. War das nicht der wieder hörbar gewordene Traum seiner Jugend? Und Moses wehrte sich. Er sprach: „Wer bin ich denn heute, daß ich hingehen sollte und die Söhne Israels aus Mizraim herausführen?" Einst, ja einst, war er ein Prinz und träumte königlichen Traum. Einst wollte er Menschen führen, ein Volk freimachen. Aber heute? Nein, er sei bloß ein Hirte und wolle bloß sanfte und stille Schafe weiden. Mehr wolle er nicht, — bei der Ruhe seiner Seele! Aber Gott rief weiter. Und Moses sagte bange und zagend: „Sie werden mich ja fragen, in wessen Namen ich komme, was soll ich ihnen antworten?" Er wußte es: die bloße innere Schönheit und Helligkeit des Ideals, das er ihnen bringt, wird den Sklaven nicht gar sehr an die Seele greifen. Sie werden nach der Herkunft dieses Ideals forschen, nach der Autorität, die es amtlich geeicht und bestätigt hat. Moses zögerte. Aber die Stimme Gottes rief weiter. Und Moses sprach: „Aber sie werden mir ja nicht glauben, sie werden sagen: Gott hat sich dir nicht geoffenbart!" Er wußte es ja, daß die Söhne Israels im harten Golus so sehr das Gefühl für Freiheit verloren haben, daß sie es einem Sohne ihres Stammes nicht werden glauben können, daß er wirklich dieses fremdgewordene Ideal in seiner Seele erlebt hat. Moses zögerte noch immer. Aber die Stimme Gottes rief unablässig. Und Moses sprach: „Ich habe ja einen schweren Mund und eine schwere Zunge!" Kann man denn ohne donnernde Beredsamkeit ein Volk für sich gewinnen und fortreißen? Moses dachte: Was kann ich denn den Sklaven sagen? Bloß die schlichten zwei Worte: Werdet frei! Da werden aber die andern kommen, und sie werden eine Zunge haben, wie ein geschliffenes Messer so scharf, und eine Lunge, wie ein Blasebalg stark, und werden sprechen: „Hört nicht auf den Phantasten! Hier, seht ihr, ist eine Partei, die frei gesinnt ist bis in die Fingerspitzen. Sie will uns wirklich wohl. Dienen wir ihr nur treu. Sie wird schon für uns sorgen." Und andere werden auftreten und werden laut wie eine Trompete sprechen: „Laßt euch nicht verführen! Hier, seht ihr, ist eine Partei, die gegen jede Unterdrückung kämpft. Dienen wir ihr nur treu, und wenn erst alle Unterdrückung aufgehört, kommen auch wir an die Reihe!" Und dann werden kommen die Pächter und die sonstigen Satten und werden sprechen klug und überzeugend: „Was wollt ihr denn eigentlich? Zwiebel und Knoblauch habt ihr die schwere Menge, und der Fisch und das Fleisch brodeln so schmackhaft in den Töpfen. Nein, wirklich, es geht euch gar nicht so schlecht. Bleibt nur ruhig im Lande und ernährt euch redlich!" So werden sie sprechen von allen Seiten her, heiß und kühl, betäubend und überzeugend. Und wie soll ich da mit meinen schlichten Worten: „Werdet frei!" durchdringen?! So dachte Moses und zagte und zögerte. Aber die Aufgabe seines Lebens brannte ihm auf die Seele, und endlich ging er. Ahron wird schon für ihn schön und laut reden. Er aber wird das Werk der Erlösung lenken und leiten. So kam er wieder zu seinen Brüdern. # Erst wandte er sich an die Ältesten, an die Führer. Einen Augenblick schien es, als ob er manche von ihnen gewonnen hätte, denn sie schlössen sich ihm an, um ihn zu Pharao zu begleiten. Eine alte Chronik weiß aber zu berichten: „Unterwegs haben sich die Ältesten bald einzeln, bald zu zwei zurückgezogen, und bis man vor das Schloß Pharaos kam, war kein einziger von ihnen mehr da." Die Ältesten waren eben vorsichtig. Sie würden ja, so dachten sie klug und bequem, Zeit haben, einzuspringen, wenn erst ein Erfolg da sein wird. Wozu sich ins Ungewisse begeben! Also: „Nachher kamen bloß Moses und Ahron und sprachen zu Pharao." Wie sprachen sie? Sie sprachen nicht frei und klar, — von der Seele weg. Sie sagten nicht: Höre, Pharao, der Gott unserer Väter ist ein Feind aller Knechtschaft. Er hat seinem Volke so viel Seele, so viel Geist und Gemüt, so viel edle Begabung und kühnen Schwung auf den Lebensweg mitgegeben, daß er es nicht in Sklaverei verkümmern lassen will. Er will die Söhne Israels nun endlich aufrichten und groß und stolz wachsen lassen, weil sie ungeheure Reichtümer auf sich und die Menschheit auszuschütten haben. Laß also dieses Edelvolk frei werden und seiner großen Bestimmung entgegenziehen! So sprach Moses nicht. Er sprach vielmehr klug und diplomatisch, aber nicht groß und frei. Er sagte: „Lasse uns einen Weg von drei Tagereisen ziehen in die Wüste, damit wir opfern Gott unserm Herrn!" Bloß von einer religiösen Übung sprach Moses, als ob er sagen wollte: Sieh, wir erheben gar nicht den Anspruch, als ein Volk anerkannt zu werden. Wir sind bloß eine Religionsgenossenschaft und wollen nur ungestört unsern Kultus ausüben. Das war freilich nicht gut. Doppelt nicht gut. Den wachsamen Feind täuscht man nicht und seinen eigenen freien Stolz drückt man herab. Einen Erfolg hatte also diese Diplomatie nicht. Im Gegenteil, — die alte pharaonische Regierungskunst ..fing erst recht in allen Farben zu schillern an, jene Regierungskunst, die schon so oft Reiche und Völker zugrunde regiert hat. Das Mittel ist alt: „Lasset die Arbeit noch schwerer lasten auf diesen Menschen. . . .