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Die Welt · 1910-04-22 · 16-17 (22.4.1910) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
16-17 (22.4.1910)
Date
1910-04-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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No. 16 DIEE^ELT 353 politik, und seinem Herrn Pharao diente er treu. Es wird berichtet, daß Pharao sogar für diesen treuen Dienst dankbar war, bloß daß - diese Dankbarkeit nicht viel nützte, da sie im Volksbewußtsein keinen Widerhall weckte. Doch davon später. Joseph starb, reich an Jahren und an Ehren und an Gütern. „Und es starb Joseph und seine Brüder und diese ganze Generation." Solange dieses erste Geschlecht lebte, haben die Ägypter die Israeliten nicht geknechtet. Das war ja auch durchaus natürlich. Erstens „war die Zahl aller Seelen, die aus Jakobs Lenden hervorgingen, siebzig Seelen." Eine geringe Menschenzahl, die nicht recht bemerkt wurde. Zweitens wohnten sie abgeschlossen in ihrem Ghetto, in Gosen und wreideten ihre Schafe und kamen niemandem ins Gehege. Das alles aber ist allmählich anders geworden. Erstens: „Und die Söhne Israels waren fruchtbar, hatten viele Kinder, vermehrten sich und waren zahlreich* sehr, sehr." Man mußte sie also schon sehen. Dann aber: „Und das Land war voll von ihnen." Sie kamen aus ihrer Abgeschlossenheit hervor und wohnten nun überall. Sie rückten in manche alte, erbgesessne ägyptische Stellung vor, versuchten wohl ein Wort mitzureden dort, wo die Geschicke des Landes bestimmt und entschieden wurden. Kurz, den eingeborenen Ägyptern wurde es einigermaßen eng mit ihnen, und man fing an, sie als Fremde, ja als lästige Fremde zu empfinden. Lästige Fremde aber pflegt man, wenn man ihrer nicht bedarf, zu vertreiben, oder aber, wenn man ihren Kopf oder ihre Hände noch braucht, durch entsprechende Maßregeln zusammenzuquetschen und klein zu machen. Die ägyptischen Staatsmänner wählten das letztere. Einen Augenblick sträubte sich noch Pharao gegen allzu gewaltsame Unterdrückung. Es wird erzählt: „Als die Ägypter zu Pharao kamen und ihm mit aller Entschiedenheit erklärten: «Wir müssen trachten, diesem Fremdvolke energisch beizukommen,» versuchte er einen Augenblick ihnen ins Gewissen zu reden, und sprach zu ihnen: «Narren, die ihr seid, wir leben ja von ihnen. Wäre nicht Joseph bei uns als Retter in der Not erschienen, wir wären ja alle verhungert.» Die Ägypter ließen nicht locker und bedrohten Pharao mit der Absetzung. Da sagte sich Pharao: «Schließlich ist der alte Pharaonenthron ein bißchen Gewissenbisse wert» und er gab nach." Gar zu sentimental pflegten aber die Pharaonen nicht zu sein. Und so ging die Unterdrückung wacker los. * Und was taten die Ägypter? Sie ließen die Söhne Israels arbeiten, schwer und bitter und im blutigen Schweiße. Nun, das ist nicht gar so schlimm. Arbeit, wenn auch schwer und lästig, zerbricht nicht und kann sogar das Leben recht erträglich ausfüllen. Freilich — vSie bauten prachtvolle Städte dem Pharao, Pithom und Raamses." Das ist schon recht unerquicklich, das tut weh und bedrückt die Seele, daß man für andere arbeiten muß, daß man den Lohn seines Schweißes und den Ertrag seiner harten Arbeit nicht genießen darf. Und vielleicht war es nicht bloß die Arbeit des Körpers, sondern auch die Mühe des Geistes, die die Söhne Israels habenwegtragen müssen. Aber immerhin, — so schwer es auch sein mag, von Arbeit verkommt kein Volk. Im Gegenteil, es wird stark und kann auch mutig werden. Dannaberwehedem Bedrücker! Diese schwieligen Hände, die die Arbeit gehärtet, sind wie Stahl fest, und wenn sie erst gelernt haben, sich in Fäuste zu ballen, — dann wehe dem Tyrannen! Sklaven haben schon die Ketten zerrissen, auch wenn sie noch so fest geschmiedet und noch so eng geschlossen waren. Allerdings ist dazu der starke und willensmächtige, der kluge und kühne Führer erforderlich. Es muß der Mann kommen, der die gekrümmten Rücken gerade macht und die schweren Fäuste lenkt. Es mußte also dafür gesorgt werden, daß kein Mann den Söhnen Israels erstehe. Und so ward befohlen: „Jeden Sohn, der den Hebräern geboren wird, sollt ihr im Wasser ertränken, bloß die Töchter lasset am Leben!" Schwache, willenlose, passive, weibliche Geschöpfe sollen sie haben, je mehr, je besser. Bloß Männer soll man ihnen nicht wachsen lassen. So wrerden sie schon immer tiefer versklavt werden. Und doch wurde der Mann geboren. Ein Schöner und ein Starker und ein Mutiger. Als die Mutter ihn sah, wie er zur Welt kam, da erbebte ihr Mutterherz in stolzer Vorahnung. „Sie sah, wie schön er war!" Sie sah den Blitz in seinen hellen Augen. Soll sie ihn in eine weiche Wiege legen und ihm zarte und milde Lieder vorsingen? Nein, seine Wiege soll vom rollenden Wellenschlag und dröhnenden Wasserfall umrauscht werden! Und dieMutterübeiiießden Sohn seinemGeschicke. Dieses aber trug ihn bald hoch, sehr hoch hinauf, bis an den Hof des Pharaonen. Wird Moses noch einmal daran denken, daß er ein Sohn Israels ist, wird er auch noch zu seinen Brüdern zurückkehren? Die Ägypter glaubten es nicht. Sie glaubten vielmehr unerschütterlich an die Macht der Pracht und des Wohllebens. Moses wird ein stolzer Prinz sein, also wird er die Sklaven verabscheuen. Und doch! Je größer das Herz, desto tönender die Stimme des Blutes" Und Moses hörte die Stimme des Blutes und ging zu seinen Brüdern. Er ging immer häufiger. Vielleicht half er, vielleicht lehrte er, vielleicht ermutigte er, vielleicht richtete er auf. Und einmal geschah es, daß er sah, wie ein Ägypter wütend auf einen Israeliten losschlug. Der Israelite duckte sich wohl, weil er meinte, daß der Israelite zum Geschlagenwerden geboren würde, wie der Ägypter zum Schlagen. Das sei schon so die altgeheiligte Ordnung der Dinge. Moses aber hatte keine Sklavenpsychologie studiert, und auch die Sklavenlogik war ihm fremd. Er hatte warmes Menschenblut in den Adern, und das fühlte er kochen. Und so schlug er auf den Peiniger los und erschlug ihn. Blut für Blut. Und Moses kam immer wieder. Einmal erbebte er. Er sah, wie zwei Hebräer wütend miteinander rauften. Und er rief dem Angreifer zornerfüllt zu: „Bösewicht, warum schlägst du deinen Genossen, deinen Leidensgenossen?" Er mag wohl so zu ihnen gesprochen haben: „Elende Wichte, die ihr seid! Ist euch denn die Pein von außen noch nicht genug, daß ihr sie noch vergrößert? Könnt ihr nicht da tief unten, wohin man euch herabgedrückt hat, wenigstens zusammenhalten und aneinander Trost und Stärke suchen und finden?" So mag er zornig gesprochen haben. Aber da geschah etwas Furchtbares. Die Sklaven hatten es inzwischen bemerkt, daß Moses gar nicht ein fremder, gar nicht ein echter Prinz sei, und sie hatten vor ihm jeden Respekt verloren. Und so rief ihm einer der Raufbolde die frechen Worte zu: „Wer hat dich denn zum Herrn 2

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