Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 16-17 (22.4.1910)
- Date
- 1910-04-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Die Historie des jüdischen Stammes äst reicher an Analogien, denn an Geschehnissen. Mit einem Ruck erhebt sich das Volk und schafft sich seine Freiheit, sein Land, den Frieden. Und was dann kommt, ist ein ewiger Kampf um Scholle und Recht, um Würde und Willen. Und all das Streben, das durch Jahrhunderte hindurch in immer ungeschwächtem Impuls immer wieder von neuem begann, fand alljährlich seinen stärksten Ausdruck in dem Fest, in dem der sinnende Mythus die Befreiung der Erde aus den Fesseln des Winters und das Freiwerden der Nation aus der ägyptischen Unterdrückung zu einem freudigen Gedenken vereint hatte. Strahlt die Sonne über Feld und Flur, erlöst ihr warmes Licht Blumen und Blüten, so trägt Moses, dessen Riesenfigur dort aufragt, wo sich Sage und Geschichte im grauen Nebel treffen, Strahlen auf der Stirne, steht in überirdischem Licht dem Volke gegenüber, dem er den reichsten Schatz schenkt: „Ihr sollt mir ein heiliges Volk sein!" Er lehrt es, auf die Reinheit seines Volkstums, auf die Freiheit des einzelnen, auf die Achtung vor Menschenrecht und Menschenwürde stolz sein. Und er gibt ihm, wie die Sonne im Lenz und-im heißen Sommer ihre ganze Wärme dem Boden schenkt, damit er den Winter überdauert, köstliche Gaben: Gesetz und Sitte. Das war der Schutz für den Winter der Verbannung. D^nn nton rwb Der Frühling ist da. In junger Kraft sprengt die Erde das Eis. Und das junge Judentum, das an seiner Befreiung arbeitet, sieht mit hoffenden Augen nach der Sonne, regt fleißig die Hände, legt Geld auf Geld und Schatz auf Schatz und sammelt. Und es ist in ihm jener alte Geist aufgelebt, der einstmals ein waffenstarrendes Heer sprengte und niederwarf, weil es ihm den Weg zum Heim verlegen wollte. Es gibt unwägbare Empfindungen im Herzen des Volkes, deren man nicht spotten darf. Es gibt Gefühlsmomente, die scheinbar verschwinden mögen, die aber in voller Kraft wieder erwachsen, wenn man allzu hart an ihnen rührt. Und so hat sich das jüdische Volk, aus tausend Wunden blutend, in tausend Herren Ländern leidend und lebend auf sich besonnen. Als die Not am höchsten war, als wieder ein Meer von bittern Zähren sich sammelte, Verfolgung, Austreibung und Abfall sich zeigten, da stand ein Mann auf aus seinem Blut, aus seinem Stamm, sprach ihm Trost und Hoffen zu und wies ihm den Weg nach Hause. Er zeigte dem Volke, daß es ein Volk des Bodens sei, daß es sich befreien müsse, so wie die Erde sich befreit. Und so sind wieder dieZeiten da, wie sie waren. Die Gegenwart — sagt ein englischer Dramatiker — ist nur die Vergangenheit, die durch eine andere Türe eintritt. Wir sitzen gerüstet nieder, vorbereitet äuf den Weg in unser Heim. Die Unterschiede zwischen den Gliedern des Volkes sind gefallen. Es gibt keine scheidenden Schranken im Judentum mehr. Alle traf gleiches Geschick, allen öffnet sich gleicher Ausweg. Einen Feind haben wir alle. Und eine Rettung gibt's für uns. . . . Mögen wir sie bald schauen! Julius Löwy EINE KURZE „HAGGADAH" Von Dr. O. Thon, Krakau Er ist uns gesagt worden: „Und sind wir auch alle klug, alle weise, alle schriftgelehrt, — wir müssen doch immer wieder vom Auszuge aus Ägypten erzählen. Und je eifriger einer vom Auszuge ausÄgypten erzählt, desto löblicher handelt er." Vom Auszuge aus Ägypten möchte ich hier erzählen, Ich möchte erzählen von der langen Knechtschaft und ihrer Mühsal, vom Werden Moses und seiner Werke, von der Befreiung und ihren Ausblicken. Möglich, daß meine „Haggadah" einen leisen Stich ins Moderne bekommen wird, einfach dadurch, daß mir da und dort ein Wort, eine Wendung mit unterläuft, die aus dem Sprach- und Begriffschatze des modernen Menschen geholt ist. Möglich auch und sogar wahrscheinlich, daß sich von meiner Haggadaherzählung da und dort eine Beziehung herüberspinnt zu unsern jetzigen Leiden und Wünschen, zu unsern jetzigen Sorgen und Hoffnungen. Warum auch nicht? Die Erzählung berichtet ja vom ewigen Auf und Nieder der Menschheit, von Knechtschaft und Auflehnung, von Gedrücktheit und Stolz, von Verzagtheit und Hoffnung, von Leiden und Wollen, von Sklaverei und Erlösung. Darin und damit ist es in den Jahrtausenden nicht anders geworden und wird wohl schwerlich bald anders werden. Doch ich will nicht belehren. Ich will meine „Haggadah" bloß erzählen, sie so erzählen, wie sie mir verständlich geworden ist. Ich erzähle also. Die Söhne, die Nachkommen Jakob-Israels, sind entwurzelt. Sie sind nicht mehr in ihrem Heimatlande Kanaan, sie sind ein Gastvolk in einem fremden Lande, in Ägypten. Wie sie dorthin gekommen sind? Warum sie entwurzelt wurden? Ach, es ist eine lange Kette von Ursachen und Wirkungen. Der erste Ring dieser verschlungenen Kette heißt: Bruderhaß und Verrat. In der Mitte liegt die ewige Emigrationsursache, die Not, der Hunger. Der letzte Ring aber ist ein groß und mächtig gewordener Sohn Israels. Und Joseph gelangte zu hohen Ehren und noch höherer Macht. Er war ja auch ein sehr kluger Staatspolitiken Er hat wohl nicht das ägyptische Volk, aber doch die ägyptische Dynastie stark und reich gemacht. Freilich mußte dabei das Volk schwer fronden und den fünften Teil seines Bodenertrages als Steuer an Pharao abgeben. Joseph hat eben nicht Sozialpolitik gemacht, sondern Staats-