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Die Welt · 1910-04-22 · 16-17 (22.4.1910) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
16-17 (22.4.1910)
Date
1910-04-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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DIE KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 31 ELT ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XIV. JAHRG. KÖLN, 22. April 1910 KD*niVä \DV V' No. 16/17. m PESSACH © © ' Ö^lö.ff In den Dörfern ägyptischer Arbeitssklaven beginnt die Geschichte. Blutige Male sind an die Zeltpfosten gezeichnet und an die Querbalken über den Türen zu den Hütten aus dem Nilschlamm. Durch ein großes, sich weithin dehnendes Land zieht sich Dorf auf, Dorf ab überall das gleiche Zeichen. Hier wohnen Menschen aus gleichem Stamm und gleichem Blut, von gleichem Schicksal getroffen. Fremd aus einem fernen Land, an dessen Küsten das gleiche Meer spielt wie an denen dieses Landes. Und sie warten voll rührender Geduld, in naivem Glauben auf das Zeichen zum Aufbruch, zum Marsch nachhause, in die Freiheit. Denn einer aus -ihrem Stamm, den wundersame Fügung hoch hinaufgetragen hatte in die Reihen ihrer Bedrücker, hatte zu ihnen gesprochen in ihren Lauten. Er hatte sie an der Stätte ihrer Fron aufgesucht, ihre Mühen gesehen, ihrem Schmerz gelauscht und vielleicht auch ihren Liedern, die sie des Abends vor ihren Hütten sangen. Und sie hatten voll Vertrauen ihm von ihrer Armut und von ihren Träumen erzählt. Und ihm war so heiß ums Herz geworden, und da er ihr Leben sah, da wurde es ihm klar, daß in seinen Adern dasselbe Blut sang wie in den ihren. Und als er einmal einen ihrer Wächter mit harter Faust niedergeschlagen, daß der nichts mehr rührte, da verschwand er plötzlich auf lange Zeit. Und als er wiederkam, war er ein anderer geworden. Er stand vor ihnen, den Müden und Gebeugten, und sprach wieder zu ihnen. Groß und stolz, glühendes Feuer in den dunkeln Augen; er schalt ihre Feigheit und ihren armseligen Mut. ,»Schließt euch zusammen!" sagt Gott euch durch mich. Sippe an Sippe, Stamm an Stamm. Und wartet auf das Zeichen, das ich euch geben werde, wenn ich mit dem Herrn dieses Landes gesprochen haben werde/' Und dann ging es wie ein Raunen durch das Land von der nahenden Befreiung, und als die Regenzeit kam und der nährende Strom des Landes tobend stieg, da war die Stunde da, als drinnen in den volkreichen Städten ein unerklärliches Sterben durch die Paläste schritt und Eltern sich schreiend über die Leichen ihrer Söhne warfen. In den Lehmdörfern gingen Boten, und wo sie das befohlene Blutzeichen auf den Türen sahen, dort traten sie ein. „Auf! Die Zeit ist erfüllt!" Und da standen sechshundertausend Männer auf, bahnten sich in einer einzigen Nacht den Weg zur freien Wüste, in die sie hinaus mußten, gingen durch das Feindesland hindurch. Ein einziges, einiges Volk voll zorniger Freiheitssehnsucht, die Schmach der Sklaverei in der Seele. Und als der Pharao den Abzug hindern wollte, da ward das Meer rot vom Blut; da schlug das Sklavenvolk, das seine Ketten gebrochen hatte, in einer Nacht sein reisiges Heer jauchzend in Trümmer. Und dann schwang sich jenes prachtvoll jubelnde Lied mit seinem klirrenden Rhythmus auf zum Himmel: ,,. . . Roß und Reiter im rasenden Meer . . unnn \di Im Frühlingswerden feiern wir das Andenken der Befreiung und auch der Zeit, da das jüdische Volk, friedlich erbgesessen in seinem Land, frei auf seiner Väter Boden, dankend für die Freiwerdung nach Jerusalem zog. Das erstemal im jungen Jahr strebten an diesem Fest die Abordnungen aus dem ganzen Gebiet der Zentrale des Reiches zu und trugen von dort den Einheitsgedanken — ein Volk, ein Gott, eine Sprache — wieder heim. Das Adelsvolk, das sich inmitten der brandenden Völkerwogen, die allenthalben, in steter Veränderung begriffen, in ewigem Kriege lebten, ein ruhiges, geordnetes, blühendes Gemeinwesen geschaffen hatte, um die Außenwelt nicht kümmerte und stolz auf seine schwer errungene Stellung, auf seine Eigenart, sein Volkstum und seine Freiheit, niemals von der Antastung und Einengung fremden Wesens etwas wissen wollte, fand sich im prangenden Frühling in seiner Metropole zusammen, adelig durch die Bebauung des Feldes, durch das stete Zusammensein mit der freien Natur. Und alle nahmen ein stolzes Bewußtsein des eigenen Wertes wieder mit nach Hause, wenn sie in Jerusalem von den fremden Händlern, die sich da wohl eingefunden hatten, von Mord und Krieg hörten, von all der Unruhe ringsum.

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