Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 15 (15.4.1910)
- Date
- 1910-04-15
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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man die Vereinigung dieser orthodoxen Rabbiner, die fast ausnahmslos jüdisch-national und zionistisch gesinnt sind und die Verkündung des Schekeltages selbst besorgen, als den Anfang großer künftiger Leistungen auf dem Gebiete der zionistischen Propaganda begrüßen. Der Verband trat letzte Woche zum erstenmal vor die Öffentlichkeit, und die Massen jubelten ihm stürmisch zu. Die Federation of American Zionists schickte an den Waad Horabonim aus diesem Anlasse ein Begrüßungsschreiben, in welchem den Rabbinern u. a. für ihre bisherige schätzenswerte Tätigkeit für den Zionismus der Dank ausgesprochen wird, und in dem sie zugleich ersucht werden, auch« weiterhin ihre Kraft und ihren Einfluß in den Dienst unserer Sache zu stellen. — Der Waad Horabonim bezweckt die Hebung der Lage* der Orthodoxie in Amerika, Erziehung der Kinder in religiösem und nationalem Geiste, Organisation aller orthodoxen Gemeinden und schließlich eine gründliche Abstellung der vielfachen Mißbräuche, die hier mit dem Namen Rabbiner getrieben werden. Dieses Ziel will der Verband erreichen durch Massenversammlungen, Herausgabe von Broschüren und eventuell einer Zeitschrift. Ein bemerkenswertes Ereignis der letzten Zeit ist auch die Vortragstournee Reuben Brainins durch die Vereinigten Staaten. Seine Vorlesungen haben zur Erweckung eines gesteigerten Interesses für die hebräische Sprache und Literatur, sowie zur Begeisterung der Jugend für das Zionideal viel beigetragen. Brainin wurde überall mit Jubel begrüßt und an den zu seinen Ehren veranstalteten Abenden haben sich die Spitzen der jüdischen Gesellschaft in Amerika lebhaft beteiligt. Herr Brainin und seine Gemahlin sind dieser Tage vom Präsidenten Taft in Privataudienz empfangen worden. Sie werden demnächst die Heimreise antreten. Dr. S. B. Rußland Regierungsantiseinitismus Unser Petersburger Berichterstatter schreibt uns : Auf der vom Finanzministerium einberufenen Konferenz zwecks Festsetzung der Frachtsätze für Getreide ereignete sich folgender unglaubliche Fall von Regierungsantisemitismus: Bei der Eröffnung der Sitzung machte der Vorsitzende die Mitteilung, daß unter anderm Material den Mitgliedern der Konferenz auch eine „Die Zeitfragen" betitelte Broschüre vorliege. Diese Broschüre erwies sich nun als eine Agitationsschrift des „Schwarzen Hunderts", die sich in der bekannten Manier in Hetzereien gegen die Juden erging und natürlich mit den Fragen der Konferenz nicht das geringste zu tun hat. Als der Vorsitzende darauf aufmerksam gemacht wurde, erklärte er, daß er für den Inhalt dieser Schrift keineswegs verantwortlich sei......... Die Judenausweisung aus Kiew Eine Gruppe von Kaufleuten in Kiew richtete an den Generalgouverneur ein Gesuch, in dem sie bitten, den letzten Ausweisungsbefehl, demgemäß 1200 jüdische Familien am 15. April a. St. aus der Stadt ausgewiesen werden sollen, aufzuheben. Auch der Bürgermeister hat eine Eingabe gemacht, in der er nachweist, daß die Ausweisung der Juden die ökonomische Lage der Bevölkerung in hohem Grade schädigen würde. Daraufhin beschloß der Generalgouverneur, die Entscheidung dieser Frage der Gouvernementsverwaltung anheirnzustellen. Jüdische Militärärzte In der Dumasitzung vom 21. März sprach bei Beratung des Budgets für die militärärztliche Verwaltung der Referent der Kommission am Schlüsse seines Referats den Wunsch aus, daß den Juden die Aufnahme in die Militärakademie verweigert werde. Markow II. forderte die Ausdehnung dieser Maßregel auch auf getaufte Juden, da in der letzten Zeit viele Juden sich taufen ließen, um auf diese Weise die Beschränkungsgesetze zu umgehen. Er verstieg sich zu der Behauptung, daß die jüdische Religion den Juden verbiete, einem Christen ärztliche Hilfe zu leisten. Demgegenüber wies der jüdische Abgeordnete Nisselowitsch u. a. auf die tapfere Hältung der jüdischen Ärzte im russisch-japanischen Kriege hin. Auch viele andere Abgeordnete wiesen die böswilligen Verleumdungen Markows mit Entrüstung zurück. Schließlich wurde mit den Stimmen der Oktobristen die Aufnahme von Juden in die militärärztliche Akademie verweigert. Aus der hebräischen Kulturbewegung In einem soeben in Warschau erschienenen Aufruf wird die Notwendigkeit des Wiedererscheinens der „Hazefirah" unter der Leitung N. Sokolo ws dargetan und das hebräischlesende Publikum zur Förderung des Planes aufgerufen. Die hebräische Tageszeitung „Hazefirah", die vor einigen Jahren infolge der politischen Verhältnissein Rußland ihr Erscheinen einstellen mußte, hat bekanntlich unter der ausgezeichneten Redaktion Sokolows jahrzehntelang an der Spitze der hebräischen Presse gestanden und einen außerordentlichen Einfluß auf die ganze jüdische Welt in- und außerhalb Rußlands ausgeübt. Unter den Unterzeichnern des Aufrufs finden sich die Namen der ersten Vertreter der hebräischen Literatur und Wissenschaft, u. a. Bialik, Levinski, Dr. Poznanski, Dr. Klausner usw. Der Aufruf besagt u. a., daß bereits ein Fonds von über 20 000 Mark zusammengekommen ist, und daß die Unterzeichner sich verpflichten, ihn bedeutend zu erhöhen, wenn sie der Anteilnahme des Publikums gewiß sind. Vorausgesetzt daß bis dahin 5000 Abonnementsbestellungen eingelaufen sind, soll die erste Nummer des neuerstandenen Blattes am 1. Juli dieses Jahres erscheinen. Das Zentralkomitee der zionistischen Organisation für Rußland in Wilna unternimmt die Übersetzung und Herausgabe der Schriften Mathias Achers in hebräischer Sprache. Auch hat es die Ausgabe von Pinsker bekannter Kampfschrift „Autoemanzipation" in hebräischer Sprache beschlossen und keinen Geringeren als Bialik mit dieser Aufgabe betraut. Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Die innerpolitische Lage Eine Reihe von Wochen waren in seltener Friedlichkeit dahingegangen.. Das Ministerium Hakki Pascha, das nach außen hin eine so glückliche Politik getrieben hatte, erfreute sich auch nach innen allgemeiner Anerkennung, und es gab sich mit Eifer der Arbeit für das Land hin. Nur zwei Ressorts hatten nicht an dem allgemeinen Vertrauen teil, das des Efkafministers und des Ministers für die öffentlichen Arbeiten. Bislang aber hatte die Unzufriedenheit mit diesen beiden Verwaltungen noch zu keinen schwerwiegenden Vorgängen geführt. Erst diese Woche verdichtete sich die Mißstimmung gegen den Arbeitsminister zu einer Interpellation, die ihm vollkommene Untätigkeit zum Schaden des Gemeinwohls, das Fassen phantastisch weitfliegender, aber völlig unrealisierbarer Projekte und das Vernachlässigen der realisierbaren Wünsche der Bevölkerung vorwarfen. Der Verlauf der Diskussion über diese Interpellation, die zwei Tage beanspruchte, war ein sehr absonderlicher. Moralisch war Haladschian Effendi zweifellos in der Kammer der Unterlegene. Trotzdem wurde ihm das Vertrauensvotum der Majorität nicht vorenthalten. Es trat ziemlich geschlossen die jungtürkische Blockpartei für ihn ein, wie man sagt, just weil sie dieses „armenische" Ministerium keinem Energischeren in die Hand geben möchte. Gegen ihn stimmten die gemäßigt Liberalen. Es ist nun aber nach dem Fallen der Entscheidung eine für die Komiteepartei höchst unerquickliche Folge eingetreten, nämlich der erneuerte Abfall einer Anzahl von Mitgliedern, unter ihnen einige hervorragende. Es ist nach diesem. Ausgang trotz des Sieges des Arbeitsministers doch nur noch eine beschränkte Amtsdauer desselben anzunehmen, wenn nicht das Gesamtministerium in Gefahr geraten soll. Nicht ohne Einfluß dürfte das Gehen oder Bleiben Haladschian Effendis auf die Gestaltung der Bodenkreditgesetzgebung werden, die binnen kurzem die Kammer beschäftigen wird. Wie es heißt, ist Haladschian für, eine Beschränkung der Rechte der Agrarkredttinstitute zugunsten der staatlichen Banque agricole in dem Sinne, daß den Privatunternehmungen nur die Gewährung von Kredit auf städtische, nicht aber auf ländliche Böden gestattet werden solle. Der Katasterminister ist jedoch diesem Standpunkte entgegengesetzt, und das Gesamtkabinett scheint dessen Stellungnahme zu teilen. — Im Efkafministerium ist seit dem Aufhören der Wirksamkeit des energischen und judenfreundlichen Hamada Pascha eine unfruchtbare Verwirrung eingetreten, die wohl auch auf keine lange Amtsdauer des Ministers dieses Ressorts kaum schließen lassen. Die jüdische „Gefahr" In. Stambul wird wieder einmal gegen die Juden Front gemacht. Es ist natürlich unser alter „Freund" Ebbusia Tewrik, der mit seinem „Taswiwi Efkiar" wie im vergangenen Sommer Sturm reitet gegen die „jüdische Invasion". Er läßt sich in einer Spezialkorrespondenz aus Jerusalem die beängstigende Tatsache melden, daß Juden, nämlich der Direktor der Anglo-Palästina-Bank und der Direktor der Allianceschule, mit dem Mutessarif von Jerusalem, General Abdurrkahim Pascha, in Unterhandlungen wegen Ankaufs von Terrains in der Jerichoebene getreten seien. Das Blatt stößt infolge dieser Meldung durchdringende Alarmrufe aus und wirft dem Gouverneur vor, daß er zum Ruine des Landes wirke.