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Die Welt · 1910-04-15 · 15 (15.4.1910) · page 14

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
15 (15.4.1910)
Date
1910-04-15
Page
– (sequence 14)
Language
German
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338 DIE^ELT Nö. 15 Die leitenden Männer in dem ungarisch-jüdischen Kulturverein reiten nach wie vor das ungarisch-nationale Steckenpferd." Ihr Zweck ist die Erzielung eines Generalrekords in der Verbreitung der ungarischen Sprache. Und tun sich die ehrwürdigen Herren Kuttenträger neolog-assimilatorischer Observanz zusammen, um über den Niedergang des jüdischen Empfindens zu beraten, so ist alles, was ihre Weisheit im Sinne der längst verwehten Geistes der Reform produziert, die Verdrängung des Hebräischen aus der Synagoge und dem Schulplan. Im offiziellen Fachorgan der ungarischen israelitischen Rabbinerzunft neologer Prägung wird von einigen „Seelsorgern" diesem herostratischen Fackelbrand verwegen das Wort geredet. Je weniger hebräisch, um 50 kräftiger israelitisch, ist die Quintessenz der Salbaderei des Herrn Dr. Rubinstein im „Magyar Israel". Und mit ihm will ein gleichgestimmtes Orchester alles, was an nationale Vergangenheit und Zukunft erinnert, aus dem Siddur musikalisch streichen. Das orthodoxe Judentum hingegen ist schwer aus dem altgewohnten Geleise zu bringen. Es geht seinen konventionellen Schritt und kümmert sich wenig um den Wellenschlag, der das Golus in seiner Abgrundtiefe aufwühlt. Selbst der geharnischte Aufruf des Rabbiners Dr. Lerner, Altona, den er durch Vermittlung der Charifuspresse unseren Massen zuführte, vermochte keine größere Emotion hervorzurufen. Einzig Rabbiner Weiß von Karlburg nahm Gelegenheit, die Form seiner Zustimmung zur Idee der „Moriah" — übrigens der einzigen, die der „Wajlaket Jossef" abdruckte — in eine Verleumdung gegen den Zionismus zu kleiden, und alles in einen breiten Phras?nschwall von Maggidus ausklingen zu lassen. Die leitende Stelle desselben Blattes, die der ernsten Mahnung des Altonaer Oberrabbiners Raum bot, beschäftigte sich in Nr. 13 d. J. mit dem aktuellen Problem: „ob man seiner jüdischen Pflicht Genüge getan hat, wenn man am Purim seine Gabe einem Konfessionsgenossen geschenkt hat, der — zwei Köpfe auf dem Hals hat." Soll man dann noch bei uns Mauro vor der Mauria haben. Die jüdischen Gemeinden und der Zionismus Wie wir bereits in Nr. 13 berichtet haben, ist die orthodoxe jüdische Kultusgemeinde in Neutra als solche dem dortigen zionistischen Verein „Ahawath Zion" beigetreten, hat den Schekel bezahlt und dem jüdischen Nationalfonds einen Jahresbeitrag von 20 Kronen bewilligt. Wie uns nunmehr mitgeteilt wird, dürfte demnächst auch die neologe jüdische Gemeinde in Neutra, deren Rabbiner unserer Organisation angehört, einen gleichen Beschluß fassen. Die ungarische Landesorganisation wird sodann unter Berufung auf diese zwei Beispiele an sämtliche jüdischen Gemeinden des Landes mit dem Ersuchen herantreten, ihren Anschluß an die zionistische Organisation in gleicher Weise zu vollziehen. J. Bleibtreu. Brief aus Stockholm Am 22, März d. J. hielt der hiesige Rabbiner, Prof. Dr. G. Klein, einen Vortrag im Hörsaal der Stockholmer Oberrealschule. Nicht etwa über ein Thema aus der jüdischen Geschichte und Literatur oder aus der jüdischen Gegenwart Unser Herr Rabbiner steckt sich höhere Ziele. Er fühlt sich gedrängt und berufen, das Christentum zu retten und für die Geschichtlichkeit der Person seines Stifters gegenüber den Drewsschen Ausführungen mit Feuereifer einzutreten. In seinem Vortrage schilderte er im Sinne der radikalsten alttestamentlichen Kritik den Entwicklungsgang der israelitischen Religion vom Nomadenglauben über den kanaanitischen Opferkultus zur Prophetenreligion, dann wieder die Trübung des Prophetismus durch die Priesterreligion und die Zeremonialgesetze, bis endlich der Stifter des Christentums gekommen sei und die Reinheit der prophetischen Lehre mit ihren ethischen und messianischen Idealen wieder hergestellt und zur höchsten Vollendung gebracht habe. In den Evangelien seien die Zustände und Ereignisse im damaligen Judentum so lebenstreu und anschaulich geschildert, daß diese Berichte allein als vollgültige Beweise für die geschichtliche Existenz des Stifters der christlichen Religion angesehen werden können. Der Redner meinte, das Christentum sei eben durch die Persönlichkeit seines Stifters und durch dessen Auftreten so klar geprägt wie keine andere Religion, und keine andere sei so frei von mystischen Zutaten und abergläubischen Vorstellungen. Er' wies ferner darauf hin, daß das Christentum sich für die Entwicklung der Menschheit fruchtbringender erwiesen habe als irgendeine andere Religion, und faßte seine Ausführungen wie folgt zusammen: „Es hieße der Menscheit das Herz aus der Brust reißen und sie in die tiefste Barbarei zurücksinken lassen, wollte man ihr jetzt den Glauben an einen historischen Christus rauben. Wer Ohren hat zu hören, der höre!" Fürwahr, dieser Vortrag aus dem Munde des „geistlichen,fc Oberhaupts der schwedischen Judenheit verdient es als ein zeitgeschichtliches Dokument von höchstem Interesse verewigt zu werden. — Das die schwedischen Juden unter den Auspizien eines derartigen Seelsorgers massenhaft dem Christentum zustreben, wird man wohl begreiflich finden. In der Tat haben hier die Mischehen und Taufen einen Umfang erlangt, wie in keinem anderen Lande der Welt. Herr Rabbiner Klein macht auch gar kein Hehl daraus, daß er gegen die Mischehe vom Standtpunkte seiner jüdischen Religion nicht das geringste einzuwenden hat. In einer seiner Predigten wies er zur Rechtfertigung der Mischehe triumphierend auf Ruth hin, die Ahnfrau des Königs David, die ebenfalls von nichtjüdischem Stamme war. . . . Zur Vervollständigung des Charakterbildes dieses Rabbiners sei erwähnt, daß derselbe keineswegs als westeuropäischer Reformrabbiner angesehen werden kann, dem die assimilatorische Richtung eben in Fleisch und Blut übergegangen ist. Der Vorkämpfer des geschichtlichen Christentums und der religiösen Mischehe stammt vielmehr aus — Galizien. Es gibt hier in Stockholm außer den eingeborenen und wie gesagt völlig assimilierten schwedischen Juden auch eine Anzahl osteuropäischer Einwanderer. Dieselben sind gezwungen, ihre schulpflichtigen Kinder an dem Religionsunterricht teilnehmen zu lassen, den eben dieser Rabbiner persönlich erteilt. Herr Rabbiner Dr. Klein hält es nun für angebracht, auch seine Schüler im Religionsunterricht mit den Lehren des Christentums vertraut zu machen, setzt ihnen z. B. auseinander, daß der Sabbath des Menschen wegen und nicht der Mensch des Sabbaths wegen da sei, daß nicht dasjenige unrein sei, was in den Mund des Menschen, sondern was aus seinem Munde kommt usw. Auf diese Weise werden alle Bemühungen der glaubenstreuen Väter, ihren Kindern selbst einige Kenntnisse in der jüdischen Religion beizubringen (denn die jüdische osteuropäische Kolonie ist nicht in der Lage, eine Talmud-Thora- Schule zu unterhalten oder einen geeigneten Religionslehrer für ihre Kinder anzustellen), vollständig paralysiert. Es ist wiederholt vorgekommen, daß Kinder osteuropäischer Eitern, nachdem sie den Konfirmandenunterricht des Herrn Professors „genossen" hatten, ihren Vätern ins Gesicht lachten, wenn sie ihnen die Lehren und Gebote der jüdischen Religion erklärten. Der Herr Professor müsse es doch besser wissen, und der habe die Beobachtung der Sabbathruhe, der Speisegesetze usw. für krassen Aberglauben erklärt, dessen sich ein vernünftiger Mensch schämen müsse .... So wird unsere Jugend systematisch uns und dem Judentum entfremdet, ohne daß wir bei unserer geringen Anzahl und der Ungunst unserer wirtschaftlichen und sozialen Stellung in der Lage wären, diesen unheilvollen Einflüssen entgegenzuwirken . . . Zioni. New Yorker Brief (Von unserm Berichterstatter.) Sie haben bereits über die Reorganisierung der hiesigen jüdischen Gemeinde (Kehilla) berichtet, die ihre erste Jahreskonferenz zur Heranziehung neuer tatkräftiger Elemente benutzte und in mancher H nsicht Erfolge aufzuweisen hat. Allein es wäre übertrieben, wenn man an die Jahreskonferenz der Kehilla allzu große Erwartungen knüpfen wollte, da es voraussichtlich trotz der Mitarbeit einer Anzahl angesehener Männer, der Kehilla schwer fallen wird, die Sympathie der jüdischen Massen zu gewinnen und diese zum Anschluß zu bewegen. Ganz besonders ziehen die orthodoxen Juden gegen die jüdische Gemeinde ins Feld, da sie dieselbe wohl für eine Notwendigkeit halten, aber in ihrer gegenwärtigen Verfassung und Zusammensetzung als eine ihren Anforderungen und religiösen Grundsätzen nicht entsprechende Einrichtung ansehen. Das Vertrauen zu Dr. Magnes, den zionistischen Führer dieser neuen Bewegung, ist jedoch auch in diesen Kreisen so allgemein, daß ein großer Teil der früher abseits stehenden Orthodoxen in das Lager der Kehilla übergegangen ist. Einen nicht zu unterschätzenden Faktor in der Bekämpfung der jüdischen Gemeinde muß man in dem orthodoxen Rabbinertum sehen, das sich jüngst unter dem Namen „Waad Horabonim Weehamatifim" (Vereinigung der Rabbiner und Prediger) organisiert hat. Die Haltung der vereinigten orthodoxen Rabbiner ist ohne Zweifel von großem Einfluß auf viele Tausende im Ghetto New Yorks, wo die Kehilla ohne ihre Mithilfe sehr schwer wird Fuß fassen kann. Der Waad Horabonim, die Vereinigung der orthodoxen Rabbiner in New York, steht übrigens dem Zionismus sehr freundlich gegenüber, Wenn man bedenkt, welche Mühees der Federation of American Zionists stets gekostet hat, die Proklamierung des Schekeltags in den orthodoxen Synagogen durchzusetzen, und wie sie alle Hebel in Bewegung setzen mußte, um den Sammlern die Arbeit einigermaßen zu erleichtern, so muß

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