Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 15 (15.4.1910)
- Date
- 1910-04-15
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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No. 15 DIE2 Brief aus Österreich (Von unserm Berichterstatter) Ernüchterung In der deutsch-israelitischen Wählerschaft der Leopoldstadt 'geht eine bemerkenswerte Wandlung vor sich. Die bevorstehenden Gemeinderatswahlen führten bei der Aufstellung der Kandidaten zu einem Zwiespalt. Der Überrest der einst herrschenden liberalen Partei, das deutsch-demokratische Häuflein, lebt nur von jüdischen Stimmen. Die Juden Wiens sind die einsamen Bannerträger des „Deutschen Freisinns". ,Man sollte glauben, daß die „Deutschdemokraten" sich wohl hüten werden, ihre jüdischen Wähler zu brüskieren. Noch hat Baron Hock Wien nicht zurückerobert, noch hat er den Juden Wiens nichts gebracht als seinen Hinauswurf aus dem deutschfortschrittlichen Reichratsklub, doch wagt eres schon, sich asemitisch zu gebärden. Sein sehnlichster Wunsch ist, möglichst wenig Juden in der Kandidatenliste zu sehen, Konfessionslose werden bevorzugt, und Täuflinge sind die geborenen Vertreter der jüdischen Wählerschaft. Nichts kennzeichnet den sittlichen Niedergang der politische Eroberungen erstrebenden Assimilation so deutlich wie das widernatürliche Verhältnis des jüdischen Wählers zum Renegatentum. Was in Ländern geschlossener jüdischer Siedlung und in den Schichten des Judentums, in denen das jüdische Ehrgefühl lebendig ist, als eine Würdelpsigkeit, als eine schmachvolle Demütigung empfunden wird, ist in Östereich alltäglich geworden. In keinem Lande wird Juden zugemutet, daß sie einen Verächter und Feind ihres Volkstums, ihrer Sitte und Art, oder daß sie einen Fahnenflüchtigen, der zur Taufe gegriffen, um der jüdischen Gemeinschaft zu entgehen, als Mann ihres Vertrauens in einen Vertretungskörper entsenden. Nur in Österreich bekunden „Israeliten" ihre deutsche Treue, indem sie „Heil" rufend für detftsch-nationale Rassenantisemiten stimmen und ihre Wahlfonds füllen. Nur in diesem Lande werben Renegaten Salontäuflinge schlimmster Art, die weder aus Not noch aus Überzeugung zum Taufbecken schritten, widerspruchslos um jüdische Stimmen. Auch den Leopoldstädter Juden sollen Täuflinge als Kandidaten aufgedrängt werden. Es ist ein Zeichen politischer Ernüchterung und des erwachenden Selbstgefühles, daß nach Jahren gedankenloser Ergebenheit und bedingungsloser Gefolgschaft unter den Juden Wiens eine Opposition gegen die liberalen Kaffeehausgrößen rege wird, daß die Aufstellunggetaufter „Deutschdemokraten" als eine Mißachtung der jüdischen Wählerschaft empfunden wird. Die Strömung ist so ernst, daß das Organ der Kultusgemeinde, auf die Gefahr hin, eine Spaltung des mächtigen Freisinnheeres herbeizuführen, den Gegnern der Taufe als eines politischen Reifezeugnisses seine Spalten öffnet. Es muß nicht verletzter Mannesstolz, jüdisches Ehrgefühl die Triebkraft der Oppositionellen sein. Die Furcht vor dem Hockschen Satz von der Unvereinbarkeit der Würden eines Kultus- und Gemeinderates mag manche Kreise rebellisch machen. Aber bezeichnend ist es, daß man die Sympathien der Massen zu gewinnen sucht, indem man die Vertretung jüdischer Interessen durch „Meschumodemokraten" als eine Zurücksetzung und Brüskierung hinstellt. Vom Emigrationskongreß In Wien, Tarnow, Chrzanöw und andern Städten haben in den letzten Wochen Versammlungen stattgefunden, die das jüdische Emigrationsproblem behandelt haben. Die Versammlungen wurden von den Poale-Zion-Organisationen einberufen und waren überall recht gut besucht. In den angenommenen Resolutionen wird die Einberufung eines jüdischen Emigrationskongresses und die Schaffung einer Volksorganisation zur Regelung der Emigration als notwendig bezeichnet. Die Referenten befaßten sich auch mit der sonderbaren Haltung des Wiener Initiativkomitees, das in strenger Abgeschiedenheit, ohne vor allem mit der jüdischen Öffentlichkeit Österreichs und den Judenmassen Galiziens in Fühlung zu sein, eine so bedeutsame Konferenz nach Wien einzuberufen gedenkt. In Wien wurde nach einem Referat Dr. Goldhammers über die jüdische Emigration und einer Rede Kaplanskys über die Aufgaben der Volksorganisation zur Regelung der Wanderung folgende Resolution angenommen: 1. „Die jüdische Auswanderung hat einen eigenartigen Charakter und unterscheidet sich wesentlich von der Emigration anderer Völker; sie ist eine dauernde Erscheinung im Leben des jüdischen Volkes und hat ihre letzte Ursache in der abnormalen wirtschaftlichen Lage der Juden. Eine endgültige Lösung dieser Frage erblicken wir nur in der radikalen Umgestaltung des jüdischen Wirtschaftslebens durch die Konzentration und Ansiedlung der jüdischen EEI_T ' 337 Massen im eigenen Lande, deren Tendenzen schon jetzt wahrnehmbar sind. Die Regelung der jüdischen Auswanderung, deren bisheriger Zweck es nur war, die Leiden der jüdischen Emigranten zu lindern, kann durch private Gesellschaften und Wohltätigkeitsvereine nicht hinreichend durchgeführt werden; nur durch die Zusammenfassung der unter öffentlicher Kontrolle stehenden Volksorganisationen, als deren Grundlage wir die demokratisch umgestalteten jüdischen Gemeinden und die Gemeindeverbände betrachten, können die Interessen der wandernden jüdischen Volksmassen in den Ländern der Aus-, Durch- und Einwanderung wahrgenommen, kann der Ausbeutung und Bedrückung der Emigranten durch Agenten, Schiffahrtsgesellschaften und .Behörden wirksam entgegengetreten, anderseits die wirtschaftliche und politische Lage dar jüdischen Massen in den Einwanderungsländern günstig beeinflußt werden. Wir betrachten daher die Einberufung eines Emigrationskongresses für förderlich zur Erweckung und Entwicklung des Gedankens der Notwendigkeit einer jüdischen 'Volksorganisation, können ihn aber nur dann als zweckdienlich betrachten, wenn sich an ihm Organisationen derjenigen Volksschichten beteiligen, die an der Emigration am lebhaftesten interessiert sind, in erster Peine die Organisationen des jüdischen Proletariats. Wir erwarten daher von dem bestehenden Emigrationskomitee in Wien, daß es mit seinen Plänen und Absichten in die Öffentlichkeit trete, den Kongreß in Übereinstimmung mit der gesamten jüdischen öffentlichen Meinung organisiere und den jüdischen Arbeitern die Teilnahme am Kongreß sowie an seiner Vorbereitung ermögliche ..." Brief aus Ungarn (Von unserm Berichterstatter) Die ungarischen Juden und die neue Regierung Illusion war alles, was wir von der Ablösung des abgewirtschafteten Koalierten Parteiregimes erhofften. Das Schiff wurde umgetauft und hat den Steuermann gewechselt, die Flagge gestrichen; aber der Kurs hat sich kaum geändert. Unter dem Regime Franz Kossuths hat Monsieur Chauvin, der rotweißgrün getünchte Nationalist, die Fahnenstange gegen uns geschwungen; jetzt tun es die Männer von der ecclesia militans. Der Klerikalismus, der bis jetzt ein Parasitendasein gefristet und sich am Mark der übrigen Parteien fett gemästet hat, fühlt sich nunmehr stark genug, um die Erzeugnisse aus seinem Eigenbau ins Parlament zu tragen. Graf Szapäry und Domherr Gießwein haben das erstemal die Fahne der christlichsozialen Partei für die Wahlkampagne entfaltet. Die Sympathien, die sie an höchsten Stellen und in den tiefen Niederungen des ungarischen Landes gewinnen, läßt befürchten, daß sie einen Siegeszug ins Haus der Gemeinen halten werden, um so mehr als Fleisch von ihrem Fleische, Graf Johann Zichy, am Regierungstische als Minister für Kultus und Unterricht sitzt, und dieser, der erst jüngst erklärt hat, er wolle das christliche Ungartum zum Tragbalken des magyarischen Staates machen, seinen Gesinnungsfreunden sicherlich nicht wehe tun wird. Von dem Organisator des katholischen Volksbundes, dessen politischer Vergangenheit die Gründung der antisemitischen Volkspartei angehört, der als Schüler des Kalksburger Jesuitenkollegiums den Weg zur Macht gefunden hat, ist es erfreulich, daß er sein politisches Kredo taghell offenbart. Traurig ist es aber, daß Juden beim Ziehen des Regierungskarrens ihre Prügel von den Gegnern des früheren Regimes in der Form von faustgroßen Steinen an den Kopf geworfen bekommen. Das geschah in Arad. Die abgelebte Kossuthpartei, die von achtzehn mosaischen Abgeordneten im Parlament unterstützt wurde, hat es zuwege gebracht, die jüdischen Begleiter des Grafen Tisza, der als Apostel der neuen Regierung für diese auf einer Agitationstournee Stimmung machte, mit antisemitischen Rohheiten pöbelhafter Art zu regaliren. Kulturerscheinungen Noch immer haben die jüdischen Kulturvereinsmagyaren, die' jüdische Intelligenz de non intelligendo, die geistreiche Wahrheit des Satzes in seiner ganzen Tiefe nicht erfaßt, wonach sich unser Antisemitismus von dem des Westens wesentlich unterscheidet. „Bei uns ist jeder" — meint „Pesti Naplö" — „der die Juden nicht über Gebühr haßt, liberal." „Nirgends wird das konfessionelle Bekenntnis des Nebenmenschen so stark unter die Lupe genommen, und nirgends herrscht so offenkundig das Bestreben die leitenden Stellen Männern zu übertragen, die nicht mit dem Odium eines nicht gut zu machenden Geburtsfehlers behaftet sind, wie bei uns." Der Repräsentationschrist ist der hervorstechende Typus unseres anormalen magyarischen Vegetierens.