Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 15 (15.4.1910)
- Date
- 1910-04-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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332 DIE3$EELT No. 15 doch klar erscheinen, daß Herr Zangwill auch dieJetzten Hoffnungen verloren hat, die er nicht nur in bezug auf unsere Bewegung, sondern auch auf sein mit Recht so beliebtes J. T. O.-Projekt gehegt hat. Er sagt nämlich: „Wenn die einzig mögliche Zukunft für die Juden darin besteht, als friedliche Bürger und in einer konfessionellen Minorität zu leben, dann wäre es für sie besser, amerikanischer zu sein als die Amerikaner, als daß sie türkischer als die Türken werden sollten". Ein Ratschlag, der sich auf einer im Raum schwimmenden Hypothese aufbaut ist nicht viel Hilfe. Er zeigt nur die armselige Entwicklungsstufe, zu welcher Herrn Zangwills glühende Prophezeiungen von politischer „_ Größe gediehen sind, mit denen er seine Hörer ehedem zu unterhalten liebte. Für den ratlosen Pessimismus, in dem er .jetzt schwelgt, können wir ihm aber ein tröstendes Wort sagen: Die jüdischnationale Idee ist so alt wie das Judentum selbst, und die Arbeit, sie in Leben umzusetzen, wird nie aufhören, solange es Juden auf der Welt gibt. C. ooooo POLITISCHE REVUE Mißklänge Unser Konstantinopeler Korrespondent schreibt uns: Es war die unerschütterlichste Grundüberzeugung der kosmopolitischen Judenliberalen, daß mit vorschreitender Freiheit und Gesittung der Mehrheit der Judenhaß immer mehr zurückweichen und schließlich ganz verschwinden müsse. Wir und die Geschichte haben diesen Glauben stets bekämpft. Wir haben behauptet, daß gerade die Freiheit, die Entbinderin aller Kräfte, die Erzeugerin der freien Konkurenz, das wirtschaftlich und politisch sich hebende Judentum mit den sich gleichfalls, aber langsamer entfaltenden nichtjüdischen Wirtschaftspotenzen zusammenprallen und so die alte abgetane Verachtung des Juden in einen aus Konkurrenzfurcht geborenen Haß umschlagen lassen müsse. Deutschland, Österreich, Frankreich, Rußland (ja, auch Rußland!) haben uns recht gegeben und jetzt tritt auch die Geschichte des ottomanischen Reiches beweisführend hinzu. Also auch in diesem letzten Trostlande unseres Golus erfüllt sich das eherne Gesetz der Judengeschichte, oder vielmehr die Geschichte der jüdischen Unfreiheit, Schwäche und Zerstreuung. Die Fesseln der jüdischen Völker sind gefallen; alle Stämme, in mehr oder weniger friedlichem Wettbewerb, beginnen sich zu heben, sich den Platz an der gemeinsamen Staatssonne zu erobern, sich überall da, wo ihre Kräfte es gestatten, den politischen und wirtschaftlichen Vorrang zu sichern; auch die Juden. Diese mancherorts, infolge ihrer außerordentlichen Rassefähigkeiten, sogar zuerst. Daher der bereits beginnende Haß der andern Elemente, auch — es muß gesagt sein — des türkischen, das, seiner historischen Jugendlichkeit 'zufolge, so ziemlich am letzten in der Skala der durch die neue Freiheit gegebenen Selbstentfaltung kommt. Nur so verstehen sich die auffallenden kommunalpolitischen Vorgänge in Salonik. In dieser Stadt, in der die Juden eine Majorität der Bevölkerung bilden, wie sonst nur noch die in Jerusalem, sind jüngst in die Stadtverwaltung neben wenigen Christen und vierDönmSs (sabbationistische Proselyten) auch vier jüdische Stadtväter hineingewählt worden. Diese Tatsache hat die Jungtürken Saloniks, die bekanntlich in der ersten Reihe der Organisation des Freiheitskomitees stehen, böse aufgebracht Sie hatten ihre eigenen Kandidaten nominiert, Mohammedaner, und, in Ermanglung eigner Wählermassen, wohl darauf gerechnet, daß die bescheidenen, gefügigen und patriotischen Juden es als ihre Plicht ansehen würden, gerade diese Kandidaten zu unterstützen. Daher die bittere Enttäuschung, als keiner von ihnen durchging. Sie mochten die gewählten vier mohammedanischen DönmSs, wie schon wiederholt beobachtet, nicht als Vollmuselmanen, sondern als Juden ansehen, während die Juden eben diese Dönmes als mohammedanische Türken betrachten mochten, als sie ihnen zum Siege verhalten. Kurz, man schlug auf jungtürkischer Seite Alarm, das Organ des Komitees, der „Rumiii", stellte sich offen an die Spitze der Bewegung, und in ziemlich feindseligen Tönen, die etwas Drohendes in sich verbargen, verlangte man einfach den Rücktritt jüdischer Stadträte zugunsten jungtürkischer. Es zeugt von sehr tiefer Einschätzung der jüdischen Nation, daß man es wagen konnte, diese erniedrigende Zumutung an sie zu stellen. Die einfache Schlachzizenpolitik ins Jungtürkische übertragen! Die jüdische Bevölkerung Saloniks erwies sich aber in diesem Falle noch tiefer stehend, als die Nichtachtung der Gegner voraussetzen konnte: nämlich — sie gehorchte! Oder vielmehr um die Ehre der unschuldigen Massen zu wahren, es fand sich einer, der gehorchte, einer der vier jüdischen. Gewählten, der in der Heldenpose des sich selber überwindenden „Patrioten" die demütige Unterwürfigkeit aufbrachte, einer Würde zu entsagen, um den jungtürkischen „Herren" Platz zu machen. Man sagt, es wäre ihm hinter den Kulissen die duftende Lockspeise eines Senatorensitzes von den Mächtigen des Komitees gezeigt worden. Das hindert aber nicht, daß der selbstbewußte Teil der jüdischen Saloniker Presse, nicht bloß die zionistische, sein Verfahren als Knechtseligkeit und Fahnenflucht kennzeichnet. Damit ist aber das traurige Heldenepos noch nicht zu Ende. Die Jungtürken waren mit diesem einen Siege noch nicht befriedigt, sie verlangten einen zweiten Sitz eingeräumt zu erhalten, und die „Rumiii" verschmähte es nicht, einen zweiten jüdischen Kandidaten anzugreifen, der freilich nicht vom Platze wich. Nun ereignete sich aber das Sonderbare, daß diesem Kandidaten seine Erwählung vom Gouverneur nicht offiziell angezeigt und er zur Konstituierung der Ratsversammlung nicht eingeladen wurde. Eine Beschwerde beim Gouverneur traf auf taube Ohren. Man wandte sich an den Wali, aber auch der erwies sich in diesem Falle als unzugänglich. Die Saloniker Judenschaft mußte sich daher erst an den Großrabbiner wenden, damit dieser über die offenbare gröbliche Rechtsverletzung' beim Minister des Innern Klage führe. Telegraphische Order des Ministers an den Wali mag nunmehr endlich den Saloniker Juden ihr konstitutionelles Recht gegeben haben. Der ganz betrübliche, aber lehrreiche Vorgang hat hoffentlich unsern, politischer Ideengänge nicht völlig unfähigen Sephardim den Abgrund gezeigt, dem sie eine Vernachlässigung ihrer nationalen Interessen entgegenführen könnte, und ihnen einen kräftigen Ruck zu festerm Zusammenschluß und politischer Organisierung gegeben. Österreichische Hochschulstimmen Vor uns liegt eine Nummer der „Österreichischen Hochschulstimmen", des Organs der deutschvölkischen Hörerschaft der Wiener Hochschulen. Dort findet sich ein vier Spalten langer Erguß über den Kampf der jüdischen Studentenschaft, der eine Besprechung eines Flugblattes sein soll, das „auf dem im Dezember 1909 in Karlsbad enthaltenen Zionistenkongreß" verteilt wurde. (Nebenbei sei dem anonymen Artikelschreiber verraten, daß ein Kongreß abgehalten, nicht enthalten wird; zweitens hat in Karlsbad niemals ein Zionistenkongreß stattgefunden. Ein Jünger