Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 15 (15.4.1910)
- Date
- 1910-04-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316406-3316422--53112-3346856- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
NO. 15 DIE ELT 333 der Wissenschaft sollte sich zuerst über das Thema orientieren, das er behandelt). Wir würden dieses schmutzstarrende Bekenntnis einer schönen Seele mit Verachtung überhören, wenn nicht der Prager Universitätsprofessor Dr. Hueppe in einem Zeitungsartikel behauptet hätte, daß die Deutschen den Juden nie feindlich gesinnt seien. In Österreich stehen nämlich Wahlen bevor. Herrn Hueppe sei diese Nummer der „Hochschulstimmen" angelegentlicher Betrachtung empfohlen. Die jüdischen Universitätsvereinigungen nennt dort die altdeutsche Ausdrucksweise „Gesellschaften". Dann ist die Rede von der „Verlogenheit der jüdischen Rasse", von der „Hebräergesellschaft, die schon durch ihre bloße Existenz provokatorisch auf jeden Deutschen wirken muß", von den „spezifiziert jüdischen Gewerben des Lügens, Defraudierens, Wucherns". Das sind nur einige Löffel aus dem Kübel Spülwasser. Des weitern beschäftigt sich der Artikel mit den feigen Überfällen auf die jüdischen Studenten, die natürlich abgeleugnet werden, und will die Mißhandlung jüdischer Studentinnen in folgenden Worten in Abrede stellen: „Was diese jüdischen „Märtyrerinnen" anlangt, sei ein für allemal festgestellt, daß der deutsche Student nie und nimmer in allzu nahe Berührung mit diesen russisch-hebräischen Barrikadendirnen geraten ist oder geraten will". So schreiben Nachkommen der 48er Legionäre. Was unterscheidet denn einen solchen Wotansbekenner von Purischkewitsch, der in der Duma die Geschichte von dem „Juristen weibchen" erzählte? Doch nur die staatliche Zugehörigkeit! Der Vollständigkeit halber und um ein richtiges Urteil zu erzielen, wollen wir noch mitteilen, daß die Geistesgenossen des anonymen Preisschimpfers im vorigen Jahre in Wien die jüdischen und slawischen Studenten aus der von jüdischen Geld unterhaltenen mensa hinausgetrieben und dann das jüdische Geld seelenruhig eingesteckt haben. Einem Kampf mit den jüdischen Kommilitonen wissen diese tapfern Kämpen immer rechtzeitig vorzubeugen, indem sie sich mit dem famosen Waidhofener Beschluß salvieren und Ohrfeigen ebenso still entgegennehmen wie — jüdisches Geld. Non olet! „Cairnrona" Man sagt, daß Elend und Unglück die Leidensgefährten für einander empfänglich und verträglich stimmt, daß der Kummer zwischen Menschen Brücken schlägt. Man erzählt zum Beweis die rührseligsten Gedichte. Wir wollen hier ein neues erzählen. Ganz einfach und schlicht. Also die „Cairnrona", ein englischer Dampfer, der Auswanderer nach Amerika trug, geriet im Kanal in Brand. Als die Matrosen zuerst die Frauen, der Mehrzahl nach Jüdinnen, bergen wollten, widersetzten sich dem die andern Auswanderer, die Männer. Im Getümmel wurde ein Kind getötet, 20 Personen schwer verletzt. Es waren hauptsächlich polnische, russische und deutsche Auswanderer, die in der Seenot, in der gemeinsamen Gefahr, ein einigendes Moment fanden. Die abscheulichsten Szenen wiederholten sich bei der Landung in Dover, wo Polizei aufgeboten werden mußte, um die jüdischen Geretteten zu schützen. Das ist das neue Gedicht, das wir nicht erst zu erzählen brauchten. Es steht in allen Zeitungen, die von dem Brand der „Cairnrona" am vorigen Mittwoch berichteten. Der Kampf gegen den Alkoholismus Das ist das neuste Schlagwort, das gegen jüdische Familien sich geltend macht. Es handelt sich um die Schänkerfrage in Galizien und in der Bukowina. 3000 jüdische Familien in dem letztgenannten Lande, 24 000 in Galizien. stehen vor ihrer Aushungerung, wenn dem Verlangen der Allpolen, der polnischen Volkspartei und der Ruthenen Rechnung getragen wird, es seien die Schankkonzessionen in erster Linie an die (antisemitischen) Gemeinden und dann an die (antisemitischen) landwirtschaftlichen Genossenschaften zu verleihen. Nur so -— wird gesagt — könne man die Bevölkerung vor der Trunksucht schützen. Es ist wohl nicht das erstemal, daß eine Niederträchtigkeit, die gegen Juden begangen werden soll, ein sozialpolitisches, humanitäres Mäntelchen bekommt. Es ist auch nicht das erstemal, daß alle Welt zu der bevorstehenden Ungeheuerlichkeit schweigt. Denn sie schweigt immer, zeigt sich nicht unterrichtet, um dann die schöne Ausrede zu gebrauchen: „Wir wußten es nicht." Nein, seit Jahren weiß man in Österreich davon, daß das Propinationsrecht in den östlichen Kronländern Ende 1910 erlöschen wird. Seit Monaten sprechen die jüdischen Abgeordneten im Parlament von der furchtbaren Gefahr, vor der an 150 000 Menschen stehen. Aber die österreichische Öffentlichkeit, die in zornige Empörung gerät, wenn ein dalmatinisches Nest keine Eisenbahn erhält, ist stumm wie ein Grab. Alle Parteien, von den edlen Sozialdemokraten über die diversen Nationalliberalen bis zu den Ruthenen, sind einig, diese Gefahr totzuschweigen. Weil nämlich diese Gefahr ausschließlich und nur Juden betrifft. o o o o o o o r*— o o o o o o o i I AUS DER BEWEGUNG ({ o o ö 3> o o o o o o o Sitzung des Engeren Aktionskomitees Am Sonntag den 10. und Montag den 11. April fand im Zionistischen Zentralbureau zu Köln eine Sitzung des Engeren Aktionskomitees statt, an der sämtliche Mitglieder desselben, Präsident Wolffsohn, I. H. Kann und Prof. Warburg, teilnahmen. Außerdem wurden zu den Beratungen zugezogen der Vorsitzende des J. N. F., Herr Dr. Bodenheimer, der Direktor des J. N. F., Herr J. Kremenezky aus Wien, sowie der Direktor des Zentralbureaus Herr S. Hoofien und Herr Dr. M. Rosenblüth als Sekretär. Im Mittelpunkt der Beratungen standen verschiedene Projekte bezüglich der Arbeit in Palästina. Herr Kann und Herr Prof. Warburg erstatteten eingehenden Bericht über die in Palästina in Aussicht genommenen Unternehmungen. Es wird beschlossen, an den J. NLF. mit dem Ersuchen heranzutreten, sich an den vom E. A. C. geplanten größern Unternehmungen im Rahmen seiner Befugnisse zu beteiligen. Es wird ferner beschlossen, aus den Mitteln der David- und Fanny-Wolffsohn-Stiftung mit dem Bau von zunächst 15 Arbeiterhäusern, die über einige jüdische Kolonien verteilt werden sollen, sofort zu beginnen und den Bau anderer Arbeiterhäuser mit dem J. N. F. zusammen vorzubereiten. Es wird beschlossen, das Museum des Bezalel auszugestalten und die nötigen Schritte zur Bildung eines Museumsvereins zu unternehmen. Der Präsident macht Mitteilung davon, daß für das Jahr 5670 noch keine Schekelgelder eingegangen sind, während die Bedürfnisse der Organisation von Tag zu Tag wachsen. Es wird beschlossen, einen dringenden Appell an die Landesorganisationen zu richten und diese aufzufordern, den Schekel sofort einzusammeln und abzu-