Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 15 (15.4.1910)
- Date
- 1910-04-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE^ELT 331 No. 15 sind, daß der Zionismus der Westjuden noch der Klärung und Vertiefung bedarf, können wir doch nicht seine Bedeutung für die zionistische Zukunft so gering einschätzen, wie es Oppenheimer tut. Wir sind der Zuversicht, daß die Westjuden von der Macht der nationalen Idee des Zionismus, der ihnen nicht weniger zu geben vermag als den Ostjuden, — ergibt ihnen ihre verlorene Seele wieder, den jüdischen Qeist, Würde und Stolz, — allmählich besiegt werden müssen. Und auch jene „Dennoch-Zionisten", die sich den Luxus eines Zionismus ohne Aufgabe der kulturellen Assimilation leisten möchten, werden nochmals besiegt werden müssen, bis sie von der Erkenntnis der tiefsten Konsequenzen des zionistischen Postulats durchdrungen und für die strengen nationalen und kulturellen Forderungen reif werden. Unsere geehrten Abonnenten, deren Bezugszeit am 31. März 1910 abgelaufen ist, ersuchen wir um gefl. rechtzeitige Erneuerung des Abonnements, damit in der regelmäßigen Zustellung der Blätter keine Unterbrechung eintritt. Gleichzeitig geben wir bekannt, daß die nächste Ausgabe der „Welt" als Passah-Festnummer wie alljährlich in reichhaltiger Ausstattung erscheint. — Während der Passah-Woche gelangt keine Nummer zur Ausgabe. Die Expedition der „Welt". Neuestes von Zangwill Herr Israel Zangwill hat sein so lange und ängstlich beobachtetes Schweigen aufgegeben. Er hat einen langen Artikel in der Londoner „Fortnightly Review" über „Zionismus und Territorialismus" geschrieben, in welchem er seine neuesten Ansichten und Meinungen über die jüdisch-nationale Bewegung zum Ausdruck bringt. Es ist unmöglich, in einer kurzen Darstellung Zangwills Bemerkungen über die Geschichte, die Entwicklung und die Aussichten derzionistischen Bewegung genügend zu beleuchten. Aber es genügen wenige Zeilen, um den Qeist, in welchem der Artikel geschrieben ist, und die Schlußfolgerungen zu zeigen, zu denen er gelangt. In dem ersten Absatz sagt Zangwill, daß er versuchen wolle, so objektiv als möglich zu sein, aber ein einziger Blick auf die letzte der 11 Seiten des Artikels genügt, seine subjektive Auffassung; eines „objektiven Standpunktes" zu beweisen. Seine Absicht, das englische Publikum über unsere Bewegung zu informieren und aufzuklären, ist an sich lobenswert. Aber was er darüber sagt, sein Bericht über die Lage ist von solchem Vorurteil_ infiziert, daß es uns lieber gewesen wäre, er hätte seine Philosophie schweigend betrieben. Er gibt vor, ein Freund des Zionismus zu sein. Aber das ist ein sonderbarer Freund, der solches schreibt. „Die ursprüngliche („original") zionistische Organisation ist in Palästina keinen Schritt vorwärts gekommen. Die Ablehnung des Ostafrika-Angebots ist ihr einziges Stück praktischer Arbeit gewesen." Entweder Herr Zangwill weiß, was für Fortschritte unsere praktische Arbeit in Palästina gemacht hat, oder er weiß es nicht. Wenn er es nicht weiß, dann war es seine Pflicht, sich zu erkundigen, bevor er seinen Artikel schrieb; wenn er es aber weiß, dann hat er sich der bewußten Verschweigung wesentlicher und bedeutsamer Tatsachen schuldig gemacht, welche die ganze Angelegenheit in einer von der seinen grundverschiedenen Beleuchtung zeigen. Wir beabsichtigen nicht, hier die verschiedenen Palästinaunternehmungen aufzuzählen wie z. B. die A.P.C., den J.N.F., die P.L.D.C., den BezaleL das hebr. Gymnasium und andere wirtschaftliche und kulturelle Unternehmungen. Diese sind selbst dem jüngsten Rekruten der zionistischen Armee geläufig. Es ist umso erstaunlicher, daß ein Mann, der noch vor wenigen Jahren einen glühenden Enthusiasmus für Palästina als ,,das einzige Land für das jüdische Volk" gezeigt hat, heute eine solche Unkenntnis der neueren Entwicklung jenes Landes beweist. Heute spricht Zangwill von dem „kleinen, halbwüsten Gebiete" Palästinas. Aber es ist noch nicht lange her, seit er in London eine lange und glänzende Rede über die wirtschaftliche Zukunft Palästinas gehalten hat, in der er in überzeugender Weise darlegte, daß das heilige Land genügend groß und fruchtbar sei. Er hat in die'ser Rede gesagt, „das Land ist gut genug", und in einem Dithyrambus ausgerufen: „Wir können die Wildnis erblühen machen wie eine Rose!" Aber das menschliche Gedächtnis ist fehlbar, und Herr Zangwill wird uns verzeihen, wenn wir sein Gedächtnis auffrischen. Er sagt weiter: „Als eine praktische politische Lösung der Judenfrage ist der palästinensische Zionismus schon bankrott!" Es scheint uns, daß hier der Wunsch wieder einmal der Vater des Gedankens war. Jedenfalls beweist Zangwill eine Kurzsichtigkeit, wie sie ein Mann nicht zeigen soll, der Anspruch auf staatsmännische Weisheit erhebt. Einer Weltbewegung, die noch nicht 13 Jahre im Gange ist, ihre Zukunft mit Sicherheit zu prophezeihen, ist nicht nur voreilig, sondern absurd. Herr Zangwill wäre nicht er selbst, wenn er nicht mit Paradoxen und Antithesen spielen würde, und was er sagt, ist mehr verblüffend als wahr. Nach einer oberflächlichen Besprechung der momentanen Lage des Zionismus sagt er z. B.: „Wenn die Zionisten darauf bestehen: Palästina oder gar nichts, — dann werden sie wahrscheinlich gar nichts erreichen." Schade, daß er über die Resultate so schlecht unterrichtet ist, die wir in dem Land unserer Ahnen in den letzten Jahren trotz der Unterminierung unserer Organisation, für welche ja Herrn Zangwills verfehlte Politik verantwortlich zu machen ist, erreicht haben. Das hervorstechendste Moment in dem Artikel des Herrn Zangwill ist, daß er kein Wort über die nationale Idee sagt. Er hat vollkommen die Grundprinzipien des Zionismus vergessen, und für ihn besteht die Judenfrage nur in dem Suchen nach einem Heilmittel für den Judenschmerz. Seine Schlüsse zeigen die charakteristische Zweideutigkeit eines Orakels, lassen es aber