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Die Welt · 1910-04-15 · 15 (15.4.1910) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
15 (15.4.1910)
Date
1910-04-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
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keine große Leistungsfähigkeit besitzen kann. Br weiß, daß der Westzionismus, wie er ihn auffaßt, keine Pioniere für die zionistische praktische Arbeit zu liefern imstande ist. Er findet aber gleich Beruhigung im Hinblick darauf, daß es noch Ostjuden gibt, die bereits ihre Koffer gepackt und „nächstes Jahr in Jerusalem" zu sein wünschen. Also fällt auch die praktische Aufgabe des Zionismus dem Ostjuden zu. Was bleibt also für die Westzionisten übrig, die ja weder Träger der Idee noch Pioniere der praktischen Arbeit sein können? Folgt nicht daraus, daß die Ostjuden, die allein das Material für den zionistischen Bau liefern können, ihn auch zu überwachen haben? Und warum sollten sie auf ihre nationalen und kulturellen Motive im Zionismus verzichten, wenn es sich schließlich doch um ihre Sache handelt? Etwa wegen der Mithilfe der Westjuden? Diese Fragen werden noch verschärft. Oppenheimer führt auch einen ökonomischen Qrund für den Zionismus der Ostjuden an. „Für sie ist daher der Zionismus eine im höchsten Grade praktische Bewegung, ein Ziel des gesundesten wohlberatenen Selbstinteresses." Für den Westzionisten aber „ist er eine idealistische Bewegung, ein Ziel des uninteressierten Altruismus." Demnach liegt der Schwerpunkt des Zionismus in der Judenheit des Ostens. Mit welchem Rechte also wird die Forderung gestellt, den Zionismus nach dem Geschmacke der Westler zu reformieren? * X * Und nun kommen wir zu der Qualifizierung der Ostjuden. „Die Ostjuden müssen Kulturjuden sein, soweit sie nicht durch eine überaus seltene Gunst der Erziehung bereits Kultureuropäer geworden sind — denn die mittelalterliche jüdische Kultur steht gerade so hoch über der osteuropäischen Barbarei, wie sie tief unter der westeuropäischen Hochkultur steht." „Wir können nicht Kulturjuden sein, denn die jüdische Kultur, wie sie in den Ghetti des Ostens aus dem Mittelalter herübergerettet worden ist, steht unendlich tief unter der neuzeitlichen Kultur, deren Träger unser Volk ist." In einigen Sätzen und en passant wird so eine nach Jahrtausenden zählende Kultur abgeurteilt! Wahrlich, diese Bequemlichkeit, schwerwiegende Behauptungen ohne jegliche Begründung aufzustellen, würde sich der Verfasser wohl kaum sonst gestatten, ■■— aber jüdische Angelegenheiten sind schon längst daran gewohnt, in dieser legeren Art behandelt zu werden. Man kann sich des Gefühls einer schmerzlichen Beschämung nicht erwehren, wenn man die jüdische Kultur gegen eine solche kuriose Anschauung verteidigen soll. Und diese Beschämung wird vertieft, wenn man bedenkt, daß es die Anschauung eines Zionisten ist, ja, einer führenden Persönlichkeit im Zionismus. Wir sehen hier, wie sich die Vernachlässigung der Kulturarbeit im Zionismus rächt. Wäre eine solche Bewertung der jüdischen Kultur seitens eines Zionisten denkbar, hätte der Zionist es für seine vornehmste Pflicht gehalten, die jüdische Kultur näher kennen zu lernen? Er müßte in den 14 Jahren „zionistischer Bewegung" erfahren haben, daß das Judentum nicht im Mittelalter stehen geblieben ist; daß sich die hebräische Sprache und Literatur in einer fortwährenden Entwicklung befinden; daß der Genius unseres Volkes nicht aufgehört hat, jüdische Kulturwerte zu schaffen. „Die jüdische Kultur, wie sie in den Ghetti des Ostens aus dem Mittelalter herübergerettet worden ist, steht unendlich tief unter der neuzeitlichen Kultur." Wird damit die moderne ostjüdische Kultur gemeint, deren Repräsentanten ein Achad-Haam, Berdyczewski, Bialik, Tschernichowsky, Sokolow und a. m. sind? Diese gehören wohl zu den Glücklichen, die „durch eine überaus seltene Gunst der Erziehung Kultureuropäer geworden sind". Soll also unter dieser' Ghettokultur das traditionelle Judentum verstanden werden, die große jüdische Masse im Osten, die noch nicrit „aufgeklärt" ist? Abgesehen davon, daß die überaus „seltene Gunst" auch in diesen Kreisen schon lange nicht mehr selten ist, bedeutet es doch eine folgenschwere Disorientierung an der ethischen Kultur der Menschheit, wenn die großen Kulturwerte des traditionellen Judentums „unendlich" niedriger als die neuzeitliche Kultur eingeschätzt werden. Hat nicht vielmehr die neuzeitliche Kultur es noch immer nötig, in ihrem ethischen Entwicklungsgang die jüdische Kultur als ein noch fernes Ziel anzustreben? Wo finden wir mehr von dem herübergeretteten Mittelalter, — in der jüdischen oder neuzeitlichen [Kultur? Und steht die neuzeitliche Kultur mit ihren Sitten und Rechten, ihren mittelalterlichen Blutmärchen und Gewaltakten an einem Volke unendlich höher als die jüdische Ghettokultur, — wie wäre es nun zu begreifen, daß ein Ghettojude durch jene „Gunst" Kultureuropäer werden könnte? Und jedenfalls: welche Bedeutung kann ein jüdisches Stammesbewußtsein beanspruchen, das auf einer solchen „stolzen" Auffassung des Judentums beruht, — und der Stolz ist ja nach Oppenheimer die Voraussetzung und Bedingung für das Stammesbewußtsein. Nun soll gar dieses Bewußtsein für einen Zionismus ausreichen! * * * Man sieht, es ist das Mißverhältnis zur jüdischen Kultur, das diese Begriffsverwirrung in unserm Lager entstehen lassen konnte; das gar eine Erschütterung der Grundlagen des Zionismus ermöglichen konnte. Man kann beim besten Willen nicht ein intimes Verhältnis zum Zionismus gewinnen und auf die Dauer erhalten, wenn man ihn nicht als eine national-kulturelle Renaissance aufzufassen vermag. Der Glaube an die Erreichung des praktischen Zieles des Zionismus darf wohl als Phantom verlacht werden, wenn er sich nicht auf die historische Macht unserer nationalen Idee berufen kann. Bedeutet der Zionismus bloß ein praktisches Programm ohne die Grundlagen der nationalen Gesinnung, so haben unsere Gegner recht, daß es eine phantastische Unterschätzung der realen Faktoren sei, ein Riesenwerk, das die Arbeit mehrerer Geschlechter erfordert und mit den größten Hindernissen zu kämpfen hat und noch haben wird, mit unsern unzulänglichen „praktischen" Mitteln unternehmen zu wollen. Nur wer an die Macht der jüdisch-nationalen Idee glaubt, hat das Recht, den Vorwurf der Utopie für den Zionismus zurückzuweisen. Im Vertrauen auf diese Macht verzagen wir auch nicht angesichts mancher symptomatischer Versuche, die dem Zionismus seine nationalen Grundlagen entziehen wollen. Und wie sehr wir uns auch dessen bewußt

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