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Die Welt · 1910-04-15 · 15 (15.4.1910) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
15 (15.4.1910)
Date
1910-04-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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No. 15 DIE3q£ELT 327 können. Und wenn Herr Dr.N. mit uns einverstanden ist, denn „Wichtigeres, als Landerwerb kann es überhaupt nicht geben", so hängt die Verwirklichung dieses Landerwerbs hauptsächlich von der Schaffung langfristigen Bodenkredits ab. Um dies zu behaupten, bedarf man wahrhaftig keiner besondern „Tiefe des staatsmännischen Blickes" — etwas Staatsmännisches haben wir allerdings alle von unserm ersten großen Staatsmann gelernt, — und gar keine „prophetische Begabung": Man braucht nur mit dieser Frage näher bekannt zu werden, sie etwas mehr studiert zu haben, als es, wie es scheint, unserm hochgeehrten Dr. N. möglich war. . . * In derselben Nummer der „Welt" ist ein Schreiben veröffentlicht, das Herr Dr. Nordau durch den „Rasswjet" an die Zionisten Rußlands gerichtet hat. Dieser Brief ist der Pariser Rede, welche zu meinem ersten Aufsatze den Aufwand gab, sehr ähnlich. Noch schärfer wird hier behauptet: „das Programm der Minderheit ist keines"; es wird „bewiesen", wie sie „unpraktisch" in ihren Forderungen der praktischen Arbeit ist, und besonders wie „unmöglich" eine Agrarbank jetzt wäre. Aber noch etwas finden wir, was dort fehlte: Die Taktik der Minderheit, welche eine grundsätzliche Reform unserer Leitung durchführen wollte, wird in scharfem Tone geschildert, und da stellt sich, wie es zu erwarten war, heraus, daß wir keine vernünftige Taktik und keinen Takt bewiesen haben. Also nicht nur programmlos und unpraktisch, sondern auch untaktisch. . . Ich gebe gern zu: Der Taktik schreiben wir weniger Bedeutung zu als dem Wesen der Fragen. Wir halten viel mehr von der Kraft der Wahrheit und Notwendigkeit, als von der Kunst der Durchführung und Geschicktheit der „Kriegskombinationen". Doch gegen das, was Herr Dr. N. in diesem Briefe behauptet, wäre vieles einzuwenden, vieles aufzuklären, was unsern verehrten Altmeister gezwungen hätte, ganz anders über diesen Kampfesakt zu urteilen. Er hätte sich leicht überzeugt, daß es uns nicht „um die Nase" ging, gegen die wir wahrhaftig nichts einzuwenden haben; daß wir nicht so sehr bestrebt sind, unsere Organisation, an deren Schaffung auch wir einigermaßen beteiligt; sind, „bis zur Auflösung zu zerrütten", daß umgekehrt unser einziger Zweck war, sie von der Erstarrung, die ihr droht, zu neuem und gesundem Leben zu erwecken, unsere Arbeit in die richtige Bahn zu bringen, unsere alten Kräfte fruchtbar anzuwenden und neue hinzuzuziehen. Übrigens, wenn Herr Dr. N. die Reden der Generalredner im stenographischen Protokoll und nicht in dem diesmal so „eigenartig" gefaßten Berichte der „Welt" lesen wird, wird er hoffentlich auch einen klaren Begriff bekommen, warum und womit „sie unzufrieden waren" und „was sie eigentlich wollten". Doch, wie gesagt, vieles wäre noch hinzuzufügen. Ich sehe mich aber gezwungen, gegenwärtig diesem Wunsche nicht nachzukommen. Der Ton und die Form, in denen Herr Dr. N. mit uns zu sprechen für geeignet hält, sind nicht geeignet, eine sachliche, friedliche Aufklärung der Gegensätze herbeizuführen, welches uns eigentlich not tut. Ob wir Zionisten in Ostler und Westler zerfallen, oder in „Wolkenkuckucksheimträumer und .weltfremde Schwärmer" einerseits und „nüchterne, positiv denkende" andererseits, eines unterliegt keinem Zweifel, daß der Keil, welcher mit „geschickter Taktik" von der Leitung auf diesem Kongreß in unsere Reihen hineingeschoben wurde und sie zum sogenannten Sieg geführt hat, eine tiefe Kluft hinterlassen hat, die unsere Einheit am schwersten bedroht. . . Mögen jetzt die Urheber die Folgen zu verwischen suchen (s. Welt, Nr. 9), dies ändert am Ernst der Sachlage nichts. Nun, Herr Dr. N. gibt der Hoffnung Platz, daß an uns, der „traumbefangenen Minderheit, das Leben, als erfolgreicher Erzieher, sich bewähren wird". Wir sind immer bereit, vom Leben zu lernen. Doch viele von uns haben schon eine lange, harte, dreißigjährige zionistische Schule durchgemacht. Was uns ihre Erfahrungen fest bewiesen haben, ist, daß die „Redensart, welche Herr Dr. Nordau in allen Tonarten" uns gegenüber gebraucht, diese Kluft nicht ausgleicht, sondern noch mehr erweitert. Denn das erste, was wir zur gemeinsamen Arbeit brauchen, ist gegenseitige Achtung, sogar in den Formen. Darum, wie gesagt, muß ich mich von Aufklärungen in den Fragen unserer Taktik vorläufig zurückhalten und Herrn Dr. N. offen sagen: Vieles haben wir von Ihnen gelernt; Ihre Verdienste und Bedeutung in unsern Reihen sind uns zu unschätzbar. Darum können wir auf dem Wege, den Sie betreten haben, Ihnen nicht folgen. . . Moskau, 15/28. März 1910. E. W. Tschlenow. Dr. Max Nordaus Antwort Sehr geehrte Redaktion! Nichts kann unersprießlicher sein als Zeitungsgezänk zwischen Gesinnungsgenossen. Derartig unfruchtbares Tun habe ich immer vermieden. Ich werde deshalb auch die nicht von mir begonnene Polemik mit Herrn Dr. Tschlenow nicht fortsetzen. Wenn meine heutige Gegenäußerung die letzte sein wird, so wird dies nicht eine Geringschätzung des Herrn Dr. Tschlenow in sich schließen sollen; er möge über meine Gefühle der Achtung und Sympathie für seine Person nicht im Zweifel sein; aber ich bin überzeugt, daß er und ich Besseres zu tun haben, als spitze Redensarten auszutauschen, die, soviel ich sehen kann, keinen Nutzen stiften, nicht einmal den, Mißverständnisse zu berichtigen und neue Erkenntnisse zu verbreiten. Herr Dr. Tschlenow bleibt dabei, daß er und seine Parteigenossen „praktisch" sind. Nun, „praktisch" ist ein Werturteil, über dessen Richtigkeit schließlich die — Praxis entscheiden muß. Warten wir diese geduldig ab. Ich weiß zwar, daß mir diese Empfehlung des Wartens vielfach bitter verübelt worden ist, aber was hilft's? Man muß sich doch dazu bequemen. Herr Dr. Tschlenow gibt jetzt zu, daß die derzeitige Lage des Gesetzes in der Türkei einen sichern Bodenkredit, die Grundlage und Voraussetzung einer Agrarkreditbank, nicht zuläßt. Das ist alles, was ich behauptet habe und noch behaupte. Gleichwohl will er eine Agrarkreditbank errichten. In diesem kühnen Fluge kann meine zu Fuße gehende Logik ihm nicht folgen. Allerdings gibt er zu seinem merkwürdigen Schlüsse die Erläuterung, daß die Bankgründung jetzt nicht vollzogen, sondern nur vorbereitet werden soll, damit alles bereit sei, wenn die Türkei ein Kataster- und Hypothekengesetz geschaffen hat. Herr Dr. Tschlenow verzeihe mir, wenn ich ihm sage, daß das klingende!Worte lohne irgend einen Vorstellungsinhalt sind. Worin sollen die Vorbereitungen bestehen? In der Ausarbeitung von Bank-

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