Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 15 (15.4.1910)
- Date
- 1910-04-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316406-3316422--53105-3346849- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
soll, noch bevor die türkischen Gesetze solche Operationen für ihn vollständig sicher gemacht haben, derartige Forderungen sind von mancher russischer wie nichtrussischer Seite zwar gestellt worden, so z. B. von Prof. Warburg und Ussischkin vor und am VIII. Kongreß. Haben sich aber die Russen diesem Plan angeschlossen? — Durchaus nicht. Der Beschluß des VIII. Kongresses beweist es vollkommen klar. In meiner Broschüre über den N.-F., die in Rußland in weiten Kreisen verbreitet ist, sagte ich vor mehr als einem Jahre darüber folgendes: „In der Richtung von Qeulath Haarez war es unsern Fonds bisher unmöglich, produktiv zu arbeiten; die türkischen Gesetze stellen zu starke Hindernisse für den Ankauf seitens des N.-F. selbst und auch für die Erleichterung desselben für Privatpersonen, durch die Gewährung von langfristigem Kredit." (S. 24) Diese Broschüre ist Herrn Dr. N. nicht zugänglich; aber die Protokolle der Sitzungen des Gr. A.-C. entgehen gewiß seiner Aufmerksamkeit nicht. In der Sitzung vom März 1909, wo ich im Auftrage der Moskauer Konferenz die Notwendigkeit und den Plan der Gründung einer Landbank verteidigte, habe ich so scharf und klar als möglich die Schwierigkeiten hervorgehoben, welche es unmöglich machen, die Gelder des Nationalfonds in Risiko zu stellen. (Welt 1909, Nr. 13.) Woher also hat es Herr Dr. N. entnommen, daß die „unpraktischen Russen" verlangen, einige Parzellen palästinensischer Erde mit den Geldern unserer Bank und unseres N.-F. zu kaufen"? Ja, die Russen sprachen und sprechen von der Beteiligung des N.-F. an der Gründung einer Agrarbank und betrachten diese Kombination als eine sehr wichtige für die weitere Entwicklung unserer Kolonisation; ich z. B. definierte sogar in der eben zitierten Kölner Konferenz die Summe von 1 000 000 Frcs. als erste Beteiligung seitens des Fonds. Aber wann? — Wenn wir imstande sein werden, eine „Ottomanische Gesellschaft zu gründen, die das Recht haben wird, Boden auf ihren Namen zu kaufen, Hypotheken aufzunehmen" usw. (Welt ibid.) Im Berichte, der im Auftrage der Agrarkommission am letzten Kongreß erstattet wurde, ist die Notwendigkeit einer festen jüdischen Basis als conditio sine qua non dargestellt. Wie kann man bei solchen Verhältnissen uns das Entgegengesetzte zuschreiben und daraus einen Vorwurf machen, konsiiültren, daß wir „unpraktisch" sind? Dies bleibt mir unbegreiflich. . . . Aber die hemmenden Gesetze, könnte man sagen, bestehen doch gegenwärtig in vollem Maße, was wollen wir also? Auch auf diese Frage ist in unsern Sitzungen nicht nur einmal eine Aufklärung gegeben worden. Die Gesetze bestehen, aber mit großer Sicherheit ist ihre Änderung in kurzer Zeit zu erwarten. Nicht unsertwegen, sondern weil die Entwicklung des Reiches, welches mit allen Kräften nach Aufleben strebt, diese Reformen mit eiserner Notwendigkeit diktiert; vollkommen verläßlichen Mitteilungen zufolge sind entsprechende Gesetzentwürfe für das Parlament bereits ausgearbeitet. Was wir verlangen, ist, daß unsere Organisation sich für den günstigen Moment vorbereiten soll. Um diese vorbereitenden Arbeiten handelt es sich jetzt. Man vergesse nicht, daß die Geldwerbung bei einer ratenweisen Subskription, die allein bei uns möglich ist, IV2—2 Jahre in Anspruch nehmen muß; und wir sind noch nicht einmal bei ihrem Beginn; die vorherige Erlangung einer Konzession geschieht, wie bekannt, auch nicht so schnell. Dies wollen wir. Wir betrachten es als unsere heiligste Pflicht, dem wichtigsten Bedürfnis unserer Kolonisation entgegenzukommen und die in breiten Schichten noch vorhandene Stimmung nicht abfallen zu lassen, sondern sie zum Segen unserer Sache, so viel und sicher wie nur möglich, in treibende Kräfte umzuwandeln. Schließlich sei aber noch folgendes konstatiert: Der Agrar-Kredit-Ausschuß des Kongresses bestand aus über 40 Mitgliedern, wovon nur 10—12 „weltfremde Schwärmer" waren, die übrigens aus der „nüchternen, positiv gerichteten Mehrheit" (z. B. die Herrn J. Kann, Kremenezky, Katzenelsohn usw.); dieser Ausschuß hat nach genauer Kenntnisnahme der ganzen Sachlage einstimmig dem Kongreß,vorgeschlagen, eine Kommission zu wählen, „welche die zur Gründung eines Instituts für Bodenkredit erforderlichen Maßnahmen durchführen soll." Und der Kongreß hat wieder einstimmig, ohne irgendwelchen Widerspruch, diesen Vorschlag zum Beschluß gemacht. Gehört also der ganze Kongreß, die ganze Organisation zu den „weltfremden Schwärmern"? Oder Herr Dr. N.muß mit der Behauptung von unserer „Unpraktischkeit" ebenso offenherzig, wie er es mit der „Programmlosigkeit" getan hat, ein Ende machen. Herr Dr. N. schließt seinen Aufsatz mit folgenden Worten: „Sollte den „Praktikern" die Verwirklichung ihrer Vorsätze gelingen, und dem Zionismus aus dieser Verwirklichung ein, wäre es auch nur geringer Nutzen ersprießen, so werde ich der allererste sein, der sich an die Brust schlagen und Herrn Tschlenow sagen wird: „Verzeihen Sie mir, ich war blind und töricht und habe die Weite und Tiefe Ihres staatsmännischen und prophetischen Blickes nicht begriffen". Ob es nun gelingen wird? Garantieren können wir nicht; doch wir betrachten uns in vollem Maße berechtigt, darauf mit Sicherheit zu rechnen, und verpflichtet, dafür energisch zu arbeiten. Das Gelingen hängt von zwei Faktoren ab: Von den türkischen maßgebenden Kreisen und von der Überzeugung unserer Massen und des jüdischen Volkes. In dieser letztern Richtung haben uns allerdings die letzten Erklärungen Dr. N. einen sehr zweifelhaften Dienst geleistet : Wie hoch die Bedeutung eines Kongreßbeschlusses in unsern Reihen sein mag, wenn ein Mann, der in solchem Maße unser aller Achtung genießt, nach wie vor gegen diesen Beschluß auftritt und ihn öffentlich „auf das allerentschiedenste ablehnt," — dies kann den Eifer und die Opferfreudigkeit, welche zur Erfüllung der Beschlüsse unentbehrlich sind, nicht heben. . . Solche Stellungen zu Kongreßbeschlüssen sind schon bei uns, zwar von weniger verantwortlicher Seite, vorgekommen; man hat es gewöhnlich nicht ganz regelrecht gefunden. Daß unser geehrter Altmeister von dem bekannten Jorgonwort, der „Rebbe mög", Gebrauch machen will, möchte ich nicht glauben. . . Doch, wir hoffen zuversichtlich, die Notwendigkeit und praktische Wichtigkeit dieses Unternehmens, unsere rastlose Arbeit und der gute Wille werden dazu führen, daß die für das Kreditinstitut nötigen Mittel werden zusammengebracht werden. Daß es aber dann, wenn es uns gelingt, nißht nur einen „geringen Nutzen", sondern einen sehr großen bringen wird, davon sind wir vollständig überzeugt. Unsere ganze kolonisatorische Arbeit wird nur dann andere Dimensionen und Charakter annehmen