Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 14 (8.4.1910)
- Date
- 1910-04-08
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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312 DIE^ELT No. 14 Die Tagungen der österreichischen Zionisten Die IX. Landeskonferenz der galizischen Zionisten Zweiter Verhandlungstag Vormittagssitzung. Reichsratsabgeordneter Stand eröffnete die Sitzung und erteilte das Wort dem Gg. Salomon Schiller zum Referate über die „kulturelle Tätigkeit der zionistischen Partei". Der Referent führte aus, unter kultureller Tätigkeit sei die allgemeine Aufklärungsarbeit und die Verbreitung der nationalen Kultur zu verstehen. Während bei andern Völkern das Allgemeinmenschliche eng mit dem Nationalen verbunden sei, müssen wir im Golus unsere allgemeinmenschlichen Aufgaben von den nationalen absondern. Und die wichtigste Aufgabe des Zionismus sei es, eine Synthese zwischen Judentum und Menschentum zu schaffen. Dies sei jedoch nur in Palästina möglich. Der Referent erläuterte nun eingehend, was er von der zionistischen Partei in kultureller Beziehung erwarte. Zunächst befaßt er sich mit der Volksbildung und wirft den Toynbeehallen in Galizien vor, daß sie ihre Aufgaben nicht erfüllen. Darum stelle er folgende Anträge: Unsere Führer sollen systematische Volksbildungskurse, systematische Volksbildungsanstalten ins Leben rufen. Unsere Toynbeehallen müssen systematisch geleitet und nicht dem Zufalle überlassen werden. Ferner sollen Volksseminarien gegründet werden. Es müsse ein intimerer Kontakt zwischen dem Vortragenden und der Hörerschaft herbeigeführt werden, — wie es in unsern alten Volksuniversitäten der Fall war, — und das könne nur durch Volksseminarien erreicht werden. Es sei auch notwendig, Fortbildungsschulen zu schaffen, wo die jüdischen Massen sich eine moderne Volksbildung aneignen können. In bezug auf die Hebung des Volksgeschmacks verlangt der Referent, daß Volksbibliotheken in jüdischer Sprache angelegt und die Werke unserer jüdischen Dichter und Denker popularisiert werden. Man mag in der Frage „Hebräisch oder Jüdisch" welche Stellung immer einnehmen, man müsse aber doch gestehen, daß die jüdische Sprache im Munde des Volkes lebt und den Massen am nächsten steht. Nur in dieser Sprache sei es gegenwärtig möglich, auf das Volk zu wirken. Wir müssen uns auch des jüdischen Theaters annehmen. Auf die Erziehung der Jugend üfiergehend, appelliert der Referent an die Konferenz, sie möge den hebräischen Schulverein tatkräftig fördern. Zum Schlüsse stellt der Referent folgende Resolution: Es soll im Schöße des Zentralkomitees ein Kulturressort geschaffen werden. Jedes Distriktskomitee soll eine ähnliche Kulturkommission bilden, und eine jede Ortsgruppe soll einen Kulturreferenten haben. Alle diese Institutionen: also das Kulturressort, die Kulturkommission und die Kulturreferenten, sollen eine einheitliche Körperschaft bilden, sie sollen von Zeit zu Zeit beraten, eigene Fonds schaffen usw. Die Ausführungen des Referenten waren von lebhaftem Beifall begleitet. Als zweiter Referent sprach Gg.#> Moses Frostig, Redakteur des jüdischen „Tagblattes", über: Die Ökonomischen Auf gaben der zionistischen Partei in Galizien. Redner führte aus: Die ökonomische Lage der jüdischen Bevölkerung unseres Landes wird immer verzweifelter. Wir bilden in der Mehrheit ein Volk von kleinen Krämern und Handwerkern, weiche durch die in den „jüdischen Berufen" herrschende Überproduktion und durch den Boykott der jüdischen Arbeit verdrängt werden. Durch die antisemitische Gesetzgebung, durch das Emporstreben unserer Nachbarn zu ökonomischer Selbständigkeit verlieren wir mit jedem Tage unsere bisherigen Positionen, die jüdischen Massen verarmen immer mehr, und neue Berufe finden wir nicht, oder wir werden zu ihnen nicht zugelassen. Die zionistische Partei ist allein dazu berufen, die Führung der jüdischen Wirtschaftspolitik zu übernehmen, nachdem die Assimilationsparteien und auch die Sozialisten kläglich versagt haben. Bisher war unsere Politik bloß eine Demonstration für die Anerkennung der jüdischen Nation in Österreich, jetzt aber müssen wir ihr einen konkreten Inhalt geben, nämlich ein jüdisch-wirtschaftliches Programm. In erster Reihe müssen wir bestrebt sein, die krankhaften ökonomischen Zustände zu sanieren, indem wir durch Entwicklung aller Produktionsformen bei der jüdischen Bevölkerung einen gesunden Organismus zu schaffen suchen, damit sie unabhängig bleibt von den ökonomischen Verhältnissen der uns umgebenden. Völker. Das könne voll und ganz allerdings nur in Palästina ausgeführt werden. Im Golus dagegen können und müssen wir nur eine Schutz- und Verteidigungspolitik führen. Deshalb müssen wir in erster Reihe eine Berufsorganisation des jüdischen Handels- und Handwerkerstandes auf gesetzlicher Grundlage durchführen. Das österreichische Gewerbegesetz verleiht solchen Berufsorganisationen große Rechte und bedeutenden Einfluß. Diese werden uns vor antisemistischen Gesetzen und Schikanen schützen, uns billigen Kredit verschaffen, die jüdischen Massen aufklären und bemüht sein, den jüdischen Handwerker und Kaufmann fachmäßig auszubilden. Als Städter müssen wir die Interessen deF städtischen Bevölkerung gegen die der Agrarier vertreten. Eine Sozialpolitik des Mittelstandes muß inauguriert, die Kreditorganisationen in volkstümlichen Sinne — wie es die Kredit-Union begonnen hat — ausgedehnt und zentralisiert und ähnliche Institutionen, welche die Lebensinteressen der jüdischen Bevölkerung verteidigen sollen, gegründet werden. (Lebhafter Beifall.) Im Anschlüsse an sein Referat stellte der Referent folgende zwei Resolutionen: Die Konferenz beschließt: I. Es ist Aufgabe der zionistischen Partei, die Bildung einer Organisation des jüdischen Mittelstandes in Galizien auf gesetzlicher Grundlage anzustreben. II. Beim zionistischen Zentralkomitee in Galizien soll eine ökonomische Kommission geschaffen werden, welche durch die Presse und durch populäre Flugschriften das Volk über seine gegenwärtige ökonomische Lage aufklären und ihm die Mittel zur Selbsthilfe zeigen solL In der darauf folgenden Debatte über beide Referate ergriff als erster das Wort Reichsratsabgeordneter Dr. Heinrich Gabel, welcher sich zunächst mit der Chikanierung der hebräischen Schulen seitens der Bezirksbehörden befaßt und darlegt, was der „Jüdische Klub" unternommen hatte, um dem abzuhelfen. Ferner tritt Redner für den hebräischen Schulverein ein. Eingehender beschäftigt sich Abg. Dr. Gabel mit der ökonomischen Frage, insbesondere mit der Schänkerfrage, und erteilt Aufschlüsse darüber, was der Klub in dieser Beziehung getan hat und was er noch zu machen gedenke. Er kritisiert das Verhalten der Landesbehörden gegenüber den jüdischen Schänkern, welches geradezu ein gesetzwidriges ist. Redner verlangt die Anerkennung der jüdischen Sprache als Umgangssprache, denn dies wird naturgemäß zur Anerkennung der jüdischen Nation in Österreich führen. Zum Schlüsse befaßt sich Abg. Dr. Gabel mit den wirtschaftlichen Aufgaben der zionistischen Partei in Galizien und weist auf die ersprießliche Tätigkeit der „Kredit-Union" hin. (Lebhafter Beifall.) Gg. Rath, Sekretär des hebr. Schulvereins, erklärt die große Bedeutung der hebr. Schulen für die kulturelle Hebung unseres Volksbewußtseins und fordert die Konferenz zur kräftigsten Unterstützung des hebräischen Schulvereins auf. Frau Pomeranz-Melzer tritt für eine nationale Erziehung unserer Jugend zu Hause und in der Schule ein. Gg. Schwarzbart (Krakau) stellt den Antrag, es möge für den hebr. Schul verein ein Fonds im Betrage von 100000 Kronen im Wege der Subskription geschaffen werden. Nachdem noch Gg. Doli er Hebräisch gesprochen hatte, wurde die Debatte unterbrochen und das Wort dem Gg. Dr. Israel Wald mann. Obmann des Podolischen Distriktskomitees, zu seinem Referate über „Das neue Organisationsstatut der zionistischen Partei in Galizien" erteilt. Der Referent begründete den Entschluß der Parteileitung, ein neues Statut auszuarbeiten und es der Konferenz zur Annahme vorzulegen. Die zionistische Partei in Galizien ist nicht mehr in der Lage, in ihrem engen Organisationsrahmen alle die Judenheit des Landes bewegenden Aufgaben zu umfasen. Das Volk tritt mit ökonomischen, kulturellen und nationalpolitischen Forderungen an uns heran, und wir müssen auf alle die Fragen Antwort geben und für alles einen entsprechenden Platz in unserer Organisation finden. Dazu sind aber die Vereine als die gegenwärtige Organisationsbasis nicht mehr ausreichend. Als Organisationsbasis müssen nicht Vereine, sondern Gruppen von Schekelzahlern, mithin also der Schekelzahler festgestellt werden. Und nun liest der Referent das vom Organisationsausschusse akzeptierte Statut vor. Während des Referates des Gg. Dr. Waldmann betrat Präsident Wolffsöhn den Sitzungssaal, von einem wahren Beifallssturm und minutenlangem Haidadrufen empfangen. Der Präsident wohnte den Beratungen bis zum Schluß der Vormittagssitzung bei. Nachmittagssitzung. In der Nachmittagssitzung entspann sich zuerst eine Geschäftsordnungsdebatte. Dr. Backen rot (Drohobycz) verlangte nämlich, daß über das von Gg. Dr. Waldmann unterbreitete Organisationsstatut nicht verhandelt werde, sondern daß der Entwurf der nächsten Landeskonferenz vorgelegt werde, denn die Delegierten seien nicht gehörig vorbereitet. An der Debatte beteiligten sich die Gg. Dr. Ringel, Dr. Syrop, Dr. Waldmann und Dr. Schmorak.