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Die Welt · 1910-04-08 · 14 (8.4.1910) · page 11

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
14 (8.4.1910)
Date
1910-04-08
Page
– (sequence 11)
Language
German
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No. 14 DIE^ELT 311 Herzl gewesen und haben bloß für das jüdische Volk die Schaffung einer Heimstätte in P lästina verlangt. Wenn man aber politisch vorgehen will, so darf man sich an keine Route binden. Was heißt Politik treiben? Ein Ziel unverrückbar vor Augen haben, darauf losgehen, jedes Mittel, das sich bietet, ausnützen und alle die Mittel anwenden, die sich am besten für die Arbeit zur Erreichung des Zieles eignen. Früher sind wir die Wege gegangen, heute schlagen wir andere Richtungen ein, und in einiger Zeit werden wir uns wieder neue Bahnen suchen. Wir werden aber immer die Straßen gehen, die uns zum Ziele bringen, und wir werden immer eines vor Augen haben, das ist unser großes Ziel: Die Schaffung der Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk. (Stürmischer, minutenlanger Beifall.) M. D. u. H.! Auf die hiesigen lokalen Verhältnisse will ich nicht eingehen. In Ihre politischen Fragen darf sich die Leitung nicht einmengen. Das sind Angelegenheiten, die in jedem Laude von den Zionisten des Landes selbst ausgetragen werden müssen. Ich glaube, man ist mir in Galizien böse gewesen, weil ich nicht in Ihre innere Politik eingegriffen habe. Das darf ich aber nicht tun. Die Landespolitik ist Ihre Sache. Was ich verlangen darf und muß, ist, daß alles, was unternommen wird, sich innerhalb des Rahmens unseres politischen Prinzipes hält und daß darüber nicht das große Ziel aus den Augen verloren wird, daß diese Arbeit nicht Selbstzweck wird, sondern Mittel zum Ziel bleibt. Im übrigen müssen Sie über diese Fragen selbst bestimmen. Ich muß aber sagen: Ich bin stolz auf die zionistischen Abgeordneten, ich bin stolz darauf, daß Sie aus Ihrer Mitte vier Männer in das Reichsparlament entsendet haben. (Lebhafter Beifall.) Wir Zionisten sind in erster Linie Juden, aber moderne Juden. Wir haben an alte Traditionen angeknüpft. Aber die zionistische Organisation hat sich mit religiösen Angelegenheiten nicht zu beschäftigen. Wir wollen uns in religiöse Fragen nicht einmischen, wir arbeiten nationalpolitisch. Aber dennoch läßt .sich bei uns die. Nationalität nicht von der Religion trennen, weil sie zu eng verbunden sind, und ich möchte deshalb hier das Wort gebrauchen: •Nin in Ntmiw h&w Wir sind modern in dem Sinne, daß wir nicht mehr einseitig, wie wir das durch Jahrhunderte getan haben, die Religion ausbauen und entwickeln. M. Damen u. Herren! Ich sapte, der Präsident der zionistischen Organisation habe es nicht sehr gut. Ich will mich durchaus nicht beklagen, aber es ist gut, daß Sie es auch wissen. Wenn der Präsident irgendeines Staates, oder der Präsident irgendeiner andern großen Organisation zu einer Versammlung kommt, dann bringt er seinen Leuten etwas mit, dann regnet es Orden, werden Titel verliehen und Würden ausgeteilt. Der Präsident der zionistischen Organisation hat keine Titel zu verleihen, keine Orden zu verteilen, hat nichts zu geben; er kommt und verlangt etwas. Er verlangt, man soll ihm etwas geben. Er verlangt es nicht nur, er schreit ab und zu und drängt, was man ihm sehr oft übelgenommen hat, da er immer Schkolim und Schkoiim und wieder Geld will. Sehr beliebt wird man dadurch nicht. Aber wir dürfen nicht vergessen, daß das notwendig ist, wenn wir existieren wollen. Dann verlangt man vom Präsidenten, er solle doch auch andere zulassen, damit sie mitarbeiten. Und wenn das nicht geschieht, wenn z. B. wie es am letzten Kongreß der Fall war, ich mich dagegen gesträubt habe, weil ich gesehen habe, daß die Arbeit auf diese Weise nicht vorwärts kommen kann, dann hat man mich einen Autokraten genannt, dann hat man von mir gesagt, daß ich zu selbstherrisch bin, daß ich andere zur Arbeit nicht zulassen will. Meine Damen und Herren! Ich glaube nicht, daß es einer von den Herren der Opposition so sehnlich gewünscht hat, daß auch andere mitarbeiten sollen, wie ich es von Herzen wünschte. Aber ich will Mitarbeiter haben. Ich habe auf dem Kongreß gesagt, daß ich Mitglieder des E. A. C, welche über die ganze Welt zerstreut sind, nicht gebrauchen kann, sondern daß in das E. A. C, wenn es vergrößert werden soll, auch tatsächliche Mitarbeiter hineinkommen müssen. Meine Damen und Herren! Sie wissen, daß der letzte Kongreß keine Neuerung geschaffen hat. Sie wissen, daß ich gezwungen war, wieder die Leitung bis zum nächsten Kongreß zu übernehmen. Es ist von verschiedenen Seiten gesagt worden, daß es ein großes Glück sei — ich kann es nicht beurteilen. Wenn es aber wirklich für die zionistische Organisation gut war, daß die Leitung beim Alten geblieben— so haben wir es in erster Linie den galizischen Delegierten zu verdanken. Ihr Delegierter, Herr Dr. Wald mann war es, der die ganze Sache — ich finde keinen bessern Ausdruck — im letzten Momente auf den Kopf gestellt hat, indem er knapp vor Schluß den Antrag einbrachte, daß der Präsident vom Kongreß gewählt werden solle. Man mag über den Umstand, daß die Leitung die alte geblieben ist, denken wie man will. Das eine muß wohl jeder verstehen, daß wieder Frieden in unsere Reihen einkehren soll. Und das ist es, was ich Sie bitte, das soll Ihnen zur Richtschnur dienen. Ich selbst bemühe mich den Weg zu finden, daß wir wieder Frieden unter uns machen, daß die Opposition wieder zur Arbeit herangezogen wird, daß wir uns wieder verständigen. Ich beabsichtige, bei der nächsten Sitzung des Großen A. C. oder bei der Jahreskonferenz Vorschläge für eine Erweiterung des E. A. C. zu machen, daß für die Leitung eine ganze Reihe neuer Männer herangezogen werde. Ich beabsichtige vorzuschlagen, daß vielleicht ein großes „kleines A. C." gebildet werde, welches in erster Linie die Präsidenten unserer Institutionen, dann aber auch eine Reihe von führenden Zionisten aus verschiedenen Ländern umfaßt, damit wir gemeinsam arbeiten können. (Stürmischer Beifall). Bis dahin aber, meine Verehrten, selbst auf die Gefahr hin, daß Sie mich für einen Autokraten halten werden, bis dahin verlange ich von einem jeden Zionisten Disziplin und Subordination! Wir können untereinander streiten, uns bekämpfen, aber wir dürfen nicht das große Ziel aus den Augen verlieren und uns immer sagen, daß der Präsident, der so wenig Machtmittel hat, nämlich gar keine, fordern darf, daß jeder Zionist seine Pflicht tut! (Beifall.) Ich habe keine Mittel, um Gehorsam zu erzwingen, aber umso mehr muß ich Subordination verlangen. ♦ DDJyDb DN "oyo^ Nicht für mich verlange ich es, sondern für Sie, oder besser gesagt, für das Wohl der zionistischen Organisation! (Tosender Beifall.) Und ich bin überzeugt, meine lieben Freunde, daß Sie immer, besonders aber hier auf dem Delegiertentage, nach dieser Richtung hin arbeiten werden. Noch eines, meine Damen und Herren, möchte ich erwähnen. Es muß unsere heiligste Aufgabe sein, in erster Linie für unsere Poalim, für unsere jüdischen Arbeiter in Palästina zu sorgen! (Minutenlanger Beifall). Wir brauchen die Poalim. Wir brauchen auch die Reichen, aber die können für sich selbst sorgen, wir können ihnen höchstens die Wege ebnen. Wenn wir die Mittel der Organisation für Kolonisation und praktische Arbeit verwenden, so ist es selbstverständlich, daß es in erster Linie nur für den jüdischen Arbeiter sein wird, denn ohne jüdische Arbeiter wäre unser ganzes Gebäude auf Sand gebaut! (Rauschender Applaus.) Meine Damen und Herren! Sie kennen die wunderschöne Erzählung aus dem Talmud: ♦mspi hd™ mi ron«i map n Als ein Wanderer an einem Scheideweg ankam, fragte er einen Weisen, welches der kürzeste Weg in die Stadt sei. Da sagte der Weise: „Der eine Weg ist kurz, aber lang, der andere dagegen lang, aber kurz!" Der Wanderer ging den kurzen Weg, mußte aber wegen verschiedener Hindernisse umkehren und den längeren, aber sicheren Weg einschlagen. Mit diesen Worten möchte ich den Unterschied zwischen der Leitung und der Opposition kennzeichnen. Die Opposition möchte den kurzen Weg, ohne auf Hindernisse zu achten, gehen. Wir aber sind der Ansicht, daß wir auf dem langen Wege auch zum Ziele kommen werden, aber mit gesunden Knochen. Wir werden etwas langsamer, aber um so sicherer ans Ziel gelangen! (Stürmische*, immer von neuem einsetzender Beifall und Händeklatschen. Der Präsident wird van allen Seiten beglückwünscht.)

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