Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1910-04-08 · 14 (8.4.1910) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
14 (8.4.1910)
Date
1910-04-08
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3315709-3316406-3316421--53088-3346831
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

einen ein rascheres Vorgehen wollen, sagen Kann, der die schwierige Aufgabe übernommen hat, unsere Finanzen zu verwalten, und in stiller täglicher Arbeit, ohne viel zu reden, wirkt und schafft — und ich: Langsam! Ich bin mir bewußt, daß es bei uns zwei Richtungen gibt: Die praktische und die politische Richtung. Ob die Benennungen richtig sind, das hat mit der Sache nichts zu tun. Sie wissen, was darunter zu verstehen ist. Ich gestehe es offen, daß ich zur Richtung des politischen Zionismus gehöre. Das schließt natürlich nicht aus, daß wir als praktische Leute praktisch arbeiten wollen. Die Differenz zwischen uns und den Chowewe-Zionisten besteht, wie die nähere Betrachtung zeigt, daß ich — ich will nur von mir selbst sprechen — der Ansicht bin, daß wir jede Arbeit, die wir ausführen, jede praktische Leistung niemals als den Zweck betrachten dürfen, sondern als Mittel für unser großes Ziel, als Endzweck. (Lebhafter Beifall.) Ich will Ihnen mit einem praktischen Beispiel klar machen, was ich meine: Wir haben die A. P. C. gegründet. Wenn wir z. B. ihr Kapital von zwei Millionen Fr. verwendet härten, um Land zu kaufen, Berufskolonisten anzusiedeln, so würden wir damit 10 oder. 100 Familien versorgt haben. Die A. P. C. hat aber mit diesen 2 Millionen jetzt schon 7 Millionen Fr. in Palästina investiert und den Nutzen haben nicht nur 10 oder 100, sondern Tausende. Das ganze Land hat den Nutzen. Von der Kolonialbank, von der P. L. D. C. usw. haben sehr viele Nutzen, und darum sage ich, daß, wenn wir praktische Arbeit machen, dann sollen wir nur solche unternehmen, welche für eine große Masse von Kolonisten, für das ganze Land, und nicht nur für einzelne Personen oder Familien von Nutzen ist. (Starker Beifall.) Das ist es, was ich unter praktischer Arbeit verstehe. Und von Seiten unserer Organisation soll nur solche Arbeit unternommen werden, welche die Möglichkeit schafft, das große Ziel, unser Endziel zu erreichen! (Rauschender Beifall.) Wenn ich von Chowewe Zion spreche, so gebrauche ich dieses Wort nur in seiner übertragenen Bedeutung. Es soll kein Mißverständnis entstehen. „Chowewe Zion", „Zionsfreunde" sind wir ja alle, sonst wären wir ja hier nicht zusammengekommen. Wir befinden uns in einem Gegensatz zu jenen Chowewe Zion, welche die kleine Ansiedlung von Juden in Palästina, den Ankauf von Boden als Selbstzweck betrachten, wenn sie auch dabei an die spätere Zeit denken. Sie sind bescheidener als die politischen Zionisten. Und nun ein zweites, meine Damen und Herren! Die Mittel, die man uns anvertraut, müssen wir, wie ich bereits in Hamburg gesagt habe, -- was man mir auch übel genommen hat — wie Waisen- und Mündelgelder verwalten. Wir müssen das deshalb tun, damit wir uns den Kredit, den wir heute noch nicht haben, erwerben. Als wir die Bank gründeten, da sagten die Finanzleute, daß sich die Sache nicht halten werde. Eine Organisation, an deren Leitung hauptsächlich Gelehrte beteiligt sind, kann unmöglich Geschäfte machen. Wir haben bewiesen, daß wir unsere Sache verstehen. Würden wir aber ein oder zwei Projekte unternehmen, die zugrunde gehen, so würden wir uns den Kredit verscherzen, den wir für spätere Zeiten nötig haben. Dieser Schaden würde noch weit größer dadurch, daß wir den Mut und das Vertrauen zu uns selbst verlieren würden. Unsere Brüder in Rußland, vielleicht auch hier und in Rumänien, haben keine Zeit und drängen. Aber ich möchte das Wort gebrauchen: •ppn hn )pr)T> ubw pidto by* ukw „Es ist ein Verbot: man darf nicht drängen." Diejenigen, die die Verantwortung tragen, müssen kaltes Blut und ruhigen Kopf bewahren, sie dürfen sich nicht drängen lassen, weil der Gewinn in keinem Verhältnis stände zu dem Schaden, den man dadurch anrichtet.. Wir können nur solche Dinge unternehmen, von denen wir die Überzeugung haben, daß sie gelingen werden. Und wenn es noch so lange dauert. Nur in diesem Sinne hat Nordau vom Warten gesprochen. Wir verstehen aber nicht darunter: die Hände in den Schoß legen und gar nichts tun. Im Gegenteil: Wir sind immer und fortwährend bei der Arbeit. (Lebhafter Beifall.) Meine Damen und Herren! Bei unserer Organisation ist die Leitung überhaupt nicht auf Rosen gebettet. Wir haben es durchaus nicht zu gut; denn abgesehen von der schweren Verständigung mit den einzelnen Ländern, abgesehen von den vielen Wünschen, die an die Leitung gerichtet^werden, ist bei uns noch eine große Schwierigkeit vorhanden. Über praktische Arbeit soll man überhaupt nicht sprechen; da sollen keine Reden gehalten werden; die Arbeit muß für sich selbst sprechen. Wir aber sind gezwungen, darüber zu reden, weil man es von uns verlangt. Nun liegt aber die Sache so: Wenn wir etwas vorhaben, so dürfen wir darüber nicht sprechen, weil die Sache darunter leiden könnte; weil wir über Angelegenheiten, die wir vorhaben, wie Kauf, Ankauf, Erreichung von Konzessionen, nicht sprechen dürfen, da sonst die Sache geschädigt, ja sogar zugrunde gerichtet werden könnte. Sind die Pläne, die Vorarbeiten, mißlungen, so dürfen wir darüber erst recht nicht sprechen. Und über die Pläne und Arbeiten, die ausgeführt worden sind, zu sprechen, hat keinen Zweck mehr, weil sie für sich selbst sprechen. Auch ist es bei uns Brauch, daß das, was wir geschaffen haben, gar nicht mehr beachtet wird. Es wird von uns immer wieder Neues verlangt. In einer Versammlung wie der Ihrigen, in einer Tagung von zionistischen Delegierten, die sich jahrein jahraus mit der Sache beschäftigen, halte ich es für überflüssig, über das, was geschaffen worden ist, zu sprechen. Dagegen will ich Ihnen etwas über unsere Arbeit in der Zukunft sagen. Nach meiner Ansicht müssen wir, nachdem wir jetzt größere Möglichkeiten dazu haben, praktisch in Palästina arbeiten, wenn auch vorsichtig, so doch in schnellerem Tempo, als dies bisher der Fall gewesen ist. Wir können es jetzt auch sicherer und ruhiger tun. Früher hatten wir es mit einer Regierung zu tun, an deren Spitze ein Selbstherrscher stand. Wir mußten damals eine Politik verfolgen, die mit dem Worte der Charter gekennzeichnet wurde. Dr. Nordau hat in seiner Korigreßrede unter allgemeiner Zustimmung den Charter fallen lassen. Aber auch da ist ein kleines Mißverständnis eingetreten. Was ist ein Charter? Doch nichts anderes als ein Vertrag. In unserm Falle ein Vertrag mit einer Regierung. Wenn man ein Schiff für eine Reise mietet, so chartert man es, man schließt einen „Charter" mit dem Rheder. Nicht das Wort, die Bezeichnung ist von Bedeutung, sondern der Inhalt. Wir können auch das, was wir heute von der türkischen Regierung verlangen, als Charter bezeichnen. Dr. Herzl hat den Charter vom Sultan nicht erreicht. Wir können ihn auch von der heutigen Türkei, von der modernen Regierung verlangen. Ich gehe noch weiter: Wir können heute sogar noch mehr erlangen, weil eine Reihe von Konzessionen für die Sicherheit unseres Lebens und unseres Kapitals, eine Reihe unserer Grundbedingungen, die wir früher unter der Garantie der Mächte forderten, nun wegfällt, weil in der Türkei jetzt Freiheit herrscht, weil dort jetzt eine Regierung besteht, die sich bemüht, das, was wir als Grundbedingung aufstellten, für die Bewohner der ganzen Türkei zu schaffen. Wir können heute viel eher praktische Arbeiten in Angriff nehmen als vorher, weil heute andere Bedingungen hierfür geschaffen worden sind, oder richtiger gesagt, geschaf en werden sollen. Meine Herren! Mit der Ausrufung der Konstitution allein ist noch nicht alles getan, die Türkei hat noch viel zu tun, bis sie solche Ordnung schaffen wird, wie sie in den europäischen Staaten, in jedem Kulturstaate herrscht. Bis es so weit ist, wird das türkische Volk und die Regierung noch viel zu arbeiten haben. Sie wird ihre Gesetzgebung ändern müssen, sie wird neue Formen einführen müssen, die sie bisher nicht hatte, und dies alles kann man nicht über Nacht machen. Dort wird die Regierung auch gedrängt, so rasch als möglich zu reformieren. Es will aber alles seine Zeit haben. Aber wir können es mit fester Überzeugung aussprechen, daß es von Jahr zu Jahr besser sein wird. Unter solchen Bedingungen ist es viel eher möglich, praktisch zu arbeiten. Und ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß wir in der Leitung immer an großen Plänen arbeiten, großen Plänen in dem Sinne, wie ich vorhin ausgeführt habe, Plänen, die nicht nur für 10 oder 100, meinetwegen 1000, sondern für uns, für das ganze Land von dem größten Vorteile sein können, u .d ich hoffe, daß unter den heutigen Verhältnissen diese Arbeiten sich leichter werden durchführen lassen, als früher. Man nennt die politischen Zionisten sehr oft fierzlianer« Das scheint mir nur zum Teil richtig zu sein. Herzl war nämlich der bescheidenste Mann, den ich je gekannt habe. Aber wenn es um unser Volk ging, wenn es sich um den Zionismus handelte, da spannte er seine Ansprüche viel höher, für sein Volk verlangte er den Judenstaat. Sie wissen es ja, der erste Kongreß hat die Judenstaatsforderung nicht akzeptiert Wir sind bescheidener als

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.