Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 14 (8.4.1910)
- Date
- 1910-04-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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306 DIE^ELT No. 14 (□□□□□□ =£S=^ FEUILLETON □ □□□□□ } ARAMÄISCH UND JÜDISCH-DEUTSCH Eine Studie von M. J. Berdyczewski. I. Ich will hier nicht von den politischen Konstellationen und von den geschichtlichen Ereignissen, die die aramäische Sprache unter das jüdische Volk verpflanzt haben, sprechen; nicht von den äußern Ursachen, welche diese große Sprachverschiebung bewerkstelligt haben, will ich ausgehen, sondern lediglich von der Tatsache, daß einst eine Schwestersprache das heimische Hebräisch verdrängt hat und sich an seine Stelle zu setzen suchte. — Inwiefern die Anfänge dieses historischen Geschehens zeitlich bis auf das babylonische Exil oder noch auf den Zusammenstoß der Juden mit den Aramäern zurückgehen, und wie es kommen konnte, daß gerade mit dem Erlöschen der Aramäer als Volk ihre Sprache zu dieser Ausdehnung gelangte, dies alles soll in den Kreis dieser Erörterungen nicht hineingezogen werden. Nur darauf möchte ich hinweisen, daß der Übergang vom Hebräischen zum Aramäischen mit der Zeit zusammentrifft, wo das Hebräertum dem Judentum Platz machte und jene Verwandlung in der jüdischen Seele von Kriegshärte und Prophetensturm zur Gesetzestreue und religiöser Beschaulichkeit vor sich ging... Was man aus dem hebräischen Granit nicht hätte hauen können, was als Verlängerungslinie der Sprache eines Arnos oder Jesaias nicht gut möglich war, suchte man durch ein fremdes Sprachidiom zu erreichen. Das Judentum brauchte einen neuen Ausdruck für das, was sein Wesen wurde, und dazu konnte das Aramäische durch seine weiche, schmiegsame Art am besten sich eignen. Geiger hat diesen Vorgang am richtigsten mit den Worten charakterisiert: „Die aramäische Sprache wird Sprache des Judentums, und wenn sie auch nicht dessen Ausfluß ist, so trägt sie doch sein Gepräge." Es war gleichsam eine zweite Ehe, die das jüdische Volk mit einer Sprache einging, und diese war von Dauer und von Segen. Und bald stellte sich auch die Legitimität ein; man begann rückwärts die Sache sich so zu konstruieren, daß schon Adam, der erste Mensch, Aramäisch gesprochen habe. In der Phantasie des Volkes entstand die Vorstellung, daß die Lehre vom Sinai ebenso aramäisch wie hebräisch gegeben war, und bis auf heute sind die Targumim ein integraler Bestandteil der heiligen Schrift; das aramäische Targum gehört zu den Büchern der Thora, wie zum Tempel die Asara und zu Moses sein Bruder Aron.-- Ich will es schildern, wie diese beiden Sprachen in meiner Kindheit auf mich einwirkten, noch bevor ich von Gleichnissen und Symbolen recht wußte. Das Hebräische in seiner stählernen Fassung galt in meiner Phantasie als das männliche Prinzip, wogegen das Aramäische durch seinen milden, gedämpften Ton mir als Sinnbild des Weiblichen vorkam; und immer, wenn ich das Wort „Adonai" aussprach, fühlte ich mich in einer ganz andern Welt, als wenn ich an die „Schechinah" dachte. Vor dem Gott Zebaoth und Elohim Eljon hatte ich eine namenlose Angst, und mein Herz bebte, wenn ich von seiner Strenge aus dem Munde der Propheten vernahm, — der da wie ein Sturm kommt, den Sünder wegzufegen und den Frevler zu vernichten. — Die Schechinah flößte mir aber immer Trost und Zuversicht ein; und wenn ich mich bei einer bösen Tat ertappte und es mich reute, dann dachte ich an sie, die ewig gütige, verbarg mein Antlitz und weinte still, weinte wie ein Sohn vor seiner Mutter. — Das, was ich da erzähle, ist nicht bloß Persönliches, sondern es gibt in gewissem Sinne ein Bild von der Vorstellungswelt des jungen Geschlechts im frommen Ghetto. Trotzdem der erste sprachliche Unterricht mit dem Hebräischen anfängt, gibt doch das Aramäische den ausschlaggebenden Ton im jugendlichen Gemüte. Der hebräische Lobgesang: „Baruch schem kebod malchutho" ist lange nicht von dieser Wirkung wie der aramäische: „Jehe schme Raba mebarech l'oiem almaja" im Totengebet, das „Kadisch". Und schon dies allein, daß dieser wichtige Segen am Grabe der Verstorbenen der aramäischen und nicht der hebräischen Sprache zugefallen ist, beweist zur Genüge, wie weit die erstere die Oberhand in der Volksseele gewonnen hat. Erst später, wenn der Knabe heranwächst und der Sinn für Rhythmus sich in ihm regt, beginnt er die Bibel in ihrer Sprache zu verstehen. Da kommt das Hebräische groß und majestätisch und winkt ihm von weiter Ferne. Wie klingen ihm dann die Worte des Psalmisten: „Du hast den Mond geschaffen, o du Allmächtiger, das Jahr danach zu teilen; die Sonne weiß ihren Niedergang. Du lassest die Finsternis ausbreiten, daß es Nacht werde; da regen sich alle wilden Tiere, die jungen Löwen brüllen nach Raub und suchen ihre Speise vor Gott dem Herrn." „Gott der Herr ist unsre Burg!" erschallt es in seinem Ohr. — Und bei allem verschwindet nicht das talmudische Bild von der „Kneseth Israel", die tief verschleiert in Witwenkleidern dasitzt und über ihre Kinder trauert, die, vom Tische des Vaters verstoßen, unter den Völkern zerstreut sind . . . Aus diesen zwei Welten kamen das Hebräische und das Aramäische und setzten sich fest in unsere Seele und rangen in unserer Seele ... Das Aramäische zu charakterisieren, würde so viel heißen, wie den nachbiblischen Geist des Judentums kennzeichnen zu wollen; so eng sind sie miteinander verbunden. Die Knappheit des Ausdrucks und die prägnante Kürze sind für des Wesen des Aramäischen das Ausschlaggebende; daher ist sein Heimisch werden bei einem Volke, dessen Sprache so reich an Synonymen ist und in der die Sätze förmlich wie Wellenschläge aufeinander folgen, ohne eine totale Umwandlung in seinem Innern kaum zu begreifen. Im Hebräischen blühte die Lyrik, die prophetische Rede, es herrscht 0er hohe erhabene Ton und d e Kraft des Befehlens, im Aramäischen klärte sich alles zu einer Lebensweisheit; es will nicht befohlen, sondern gelehrt werden; das Gute ist dort nicht wie eine Naturgewalt, die heranbricht, sondern mehr Maxime und moralische Sentenz. — Im Hebräischen wird alles von einem langen Atem getragen, und das Pathos ist das oberste Gesetz; in der aramäischen Epoche aber ist alles auf den Spruch zugespitzt. Nicht die Wogen der Propheten trugen in der Zerstreuung das Schifflein Israels, sondern die Sprüche der Weisen halfen von nun bei den Schlägen des Schicksals.Ein Volk, das den Wanderstab ergriffen hat, hat nicht so viel Zeit, bei den Dingen zu verweilen, wie dasjenige, das auf seiner Scholle sitzt. So kam es, daß die langen Reden eines Jesaias und Jeremias von dem kurzen Satz und von der weisen Sentenz abgelöst worden sind. Der Weg von der schriftlichen Lehre zur mündlichen führt, könnte man sagen, durch die Gleichnisse Salomonis, aber auch diese sind dem heimatverlustigen Juden nicht so geläufig und stehen seinem Leben nicht so nahe wie die aramäisch-talmudischen Lebenslehren. Das vermag die Sprache, wenn sie einem zum Heim wird. — II. Und siehe da, nun ist eine dritte Sprache ins Reich der Juden gekommen, und keine blutverwandte Sprache wie die aramäische war es, nicht aus Sem war sie gekommen, sondern aus Jafet. Eine Sprache heidnischen Ursprungs, die den alten Germanen zur Wiege gestanden hat, zog in die Zelte Jakobs, kleidete sich in das Gewand der hebräischen Schrift und wurde die Muttersprache eines großen Teiles des jüdischen Volkes. Auf die äußern Ursachen dieser Erscheinung kann ich hier nicht eingehen. Vielleicht beruht es auf dem Gesetz der Trägheit, daß die Juden, nachdem sie ihre deutsche Heimat verlassen haben, noch immer an der deutschen Sprache treu hielten. Die Erscheinung steht übrigens nicht vereinzelt da; so besteht noch heute ein spagnolisch-jüdischer Jargon als Überbleibsel jener großen und schweren Tage in Spanien; ein Teil der Juden pflegt eine arabisch-jüdische Mischsprache, wie andere wieder eine persisch-jüdische; bei den Karäern besteht neben dem Hebräischen ein tatarisch-jüdischer Dialekt, der in hebräischen Lettern zum Targum und kleinen Übersetzungen für das Volk dient. Es hat den Anschein, als wenn nicht alles, was in der jüdischen Seele sich sammelt, durch die traditionelle Schriftsprache seine Auslösung findet und so einen andern Weg sich sucht. — Die jüdisch-deutsche Sprache, im Satzbau noch immer dem deutschen Geiste nahe, mit vielen slawischen Worten vermengt und mit einer Unzahl hebräischer Wendungen und Phrasen bereichert, die hier übrigens mehrfach einen ganz andern Sinn haben, hat bei dieser ganzen Zusammensetzung einen eigenen Charakter und ftfßt auf sich selbst wie eine neue Schöpfung; sie ist eine historisch gewordene Synthese zwischen Eigenem und Fremdem... Das Jüdisch-