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Die Welt · 1910-04-08 · 14 (8.4.1910) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
14 (8.4.1910)
Date
1910-04-08
Page
– (sequence 5)
Language
German
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No. 14 DIE] neuen Anzug! Als ob man dem jüdischen Volkstum nützte, wenn man seine Kinder statt in der Landessprache hebräisch konservieren läßt. Dazu hat man wirklich nur dann ein Recht, wenn man ernstlich daran denkt, alsbald auszuwandern, und damit hat es doch im Westen gute Weile! Eine gesonderte Kultur kann man wohl in den Ländern des Ostens pflegen, weil dort die Juden in dichten Massen zusammensitzen und sich daher ihre Eigenart fortentwickeln kann. Im Westen sind solche Bestrebungen, soweit sie nicht gegenseitiges Verständnis und Kenntnis des jüdischen Wesens bezwecken, verfehlt Der Westler hatwoiV ein Interesse daran, daß die alte jüdische Kultur sich erhalte, daß eine neue in Palästina erblühe, aber er selbst kann Erziehung und Umgebung nicht verleugnen und wehrt sich daher instinktiv gegen die an ihn gestellte Zumutung einer völligen Umgestaltung seiner Persönlichkeit. Oppenheimer irrtnun aber in zwei wesentlichen Punkten. Einmal nimmt er an, daß die russisch-jüdische Intelligenz auf der jüdischen Kultur fuße. Wenigstens sehe ich nicht, daß er für sie eine Ausnahme von der Regel machte; diese Intelligenz Petersburgs, Moskaus, Warschaus und anderer großer Zentren ist genau so kulturell-russisch oder polnisch, so losgelöst vom jüdischen Kulturkreis, wie die Intellektuellen des Westens. Vielleicht hält er diese Schicht auch für zu dünn, zu zahlenmäßig schwach, um mit ihr rechnen zu müssen. Jedenfalls hat er diesen Punkt außer acht gelassen. Und dann sind die Juden des Westens zwar von der Kultur ihrer Geburtsländer erfüllt, sie lieben die neue Heimat, gehen vielfach in deren Interessenkreis auf, haben aber doch vermöge ihrer besonderen Denkform diese westliche Kultur in ihrer eigenen Art aufgefaßt. Das eben ist ja das Merkwürdige des jüdischen Geistes, daß er Werte in unbegrenzter Zahl aus allen Gebieten und Ländern in sich verarbeitet und doch das Charakteristische seines Wesens nicht verliert. Kein anderes Volk besitzt wie das unserige diese Kraft der Individualität. Sie ist es, die uns durch alle Nöten und Bedrängnisse der Jahrhunderte erhalten und vor dem Verschwinden von der Weltenbühne bewahrt hat. Die Juden des Westens entnehmen Goethe und Schiller, Victor Hugo und Manzoni, Longfellow und Byron ihren Bildungstoff, aber sie verarbeiten ihn größtenteils in der Richtung ihrer Volkspersönlichkeit, statt diese der Kultur, in der sie leben, anzupassen. Man kann mit Worten und Ideen die verschiedensten Auffassungen vom Wesen der Dinge verbinden! Wie hat Heine die deutsche Sprache und Literatur beherrscht, und doch verstehen ihn fast nur Juden! Nur sie würdigen ihn — das kann man ja täglich im Gespräch mit germanischen Deutschen feststellen — weil sie mit ihm empfinden können, auch wo er bizarr wird. Sie fassen nicht als Verhöhnung anderer auf, was* der Aufschrei seines zerrissenen Wesens ist, sie fühlen in seinein Spott die verletzte Liebe. Und wenn sich heute die antisemitische Presse darüber beklagt, daß unser Theater, unsere Literatur „verjude", so liegt darin ein Körnchen Wahrheit. Denn das Impressionistische, Analysierend-handlungslose, das heute den Markt der geistigen Produktion anfüllt, liegt dem ursprünglich deutschen, tatkräftigen, zur Handlung drängenden Wesen völlig fern. Unsere Literatur wird größtenteils von Juden deutscher Kultur und für Juden deutscher Kultur gemacht, ohne doch dem deutschen Wesen zu entsprechen. Welcher jüdische Maler könnte in der von jedermann als urdeutsch empfundenen Art eines Th o m a malen? Weicher jüdische Komponist sich die Manier eines Bach oder Bruckner zu eigen machen? Ein Teil der westlichen Juden hat das klar erkannt und die Konsequenz gezogen, indem er zum Zionismus ging. Viele taten es schweren Herzens. Sie wollten vor sich selbst Ruhe haben, — finden werden sie den Frieden nicht. Das ist ein trauriges Geständnis, aber wir müssen es einmal ablegen. Wir hofften, daß die Juden des Ostens uns mit offenen Armen aufnehmen, daß wir ihnen die Kultur des Westens bringen und dafür aus dem unberührteren Born ihres Wesens neue Kraft schöpfen würden. Statt dessen behandelten sie uns mit Mißtrauen, mit einem durch nichts gerechtfertigten ^ELT 305 Hochmut und bemühten sich, uns klar zu machen, daß wir ihrer kulturellen Leitung bedürftig seien. Von westlicher Seite hat man sich redlich bestrebt, dem Wesen der Östler Rechnung zu tragen, von Seiten der Östler hat man nichts oder doch wenig genug getan, um den Westlern nahe zu kommen. So kommt es denn, daß die Extreme von links in der „Rundschau" erklären, die Westler seien überhaupt keine richtigen Zionisten, sondern „Salonzionisten", weil sie keine nationale Kultur wünschen, während am gleichen Tage in der „Welt" zu lesen steht, der westliche Zionismus basiere lediglich auf dem Stammesgefühl, denn unsere Eigenart gehöre der Geschichte an. Beides ist falsch. Über den Vorwurf des Salonzioni:mus braucht man ja kein Wort zu verlieren, solche Flachheiten richten sich selbst. Aber auch der Standpunkt Oppenheimers ist nicht haltbar. Er sieht in seiner glücklichen persönlichen Ganzheit — der wirklichen oder vermeintlichen — nicht die Tragödie der anderen. Vielleicht fehlt ihm der Instinkt, der uns neben aller kulturellen Liebe zum Deutschtum ständig mit einem Gefühl unbefriedigter Sehnsucht erfüllt, aber ich glaube das nicht einmal. Er ist eine so kraftvolle Persönlichkeit, so von Aktivitätsbedürfnis erfüllt, daß ihm die Imponderabilien vielleicht weniger zum Bewußtsein kommen als anderen; aber früher oder später wird es auch bei ihm geschehen. Zwei Arten des Zionismus giebt es wohl, einmal den der Östler, die, wenn sie nach Süden gehen, geistig unverändert bleiben, nur eine örtliche Veränderung vornehmen; dann den Zionismus derjenigen Westler, die wünschten, daß wenigstens die Möglichkeit einer einheitlichen Persönlichkeit gegeben werde, die zu schwer an dem inneren Zwiespalt tragen. Ein Zionismus, der noch weiter links steht, unterscheidet sich allerdings wenig genug von völliger Assimilation, denn ein Streben, das ausschließlich auf historischen Stützpunkten ruht, ist bei der beklagenswerten Unkenntnis der Überzahl auf diesen Gebieten doch nur eine romantische Note im Konzert der Gefühle. Die Sehnsucht nach Einheit schafft den Zionisten des Westens. Für sich selbst haben nun freilich die meisten Westler in diesem Kampfe nichts zu hoffen; sie würden drüben sicher ebenso wenig ganz zu Hause sein, wie in Berlin, Paris oder London. Aber daß dem Judentum wenigstens eine Heimat werde, in der vielleicht spätere Generationen harmonisch leben können, daß ist ihre Hoffnung. Es hieße Eulen nach Athen tragen, wenn man nach dem ausgeführten noch den Satz begründete, das der Idealismus der westlichen Juden sich mit dem östlichen reichlich messen kann, selbstlos genug ist ihr Streben sicherlich! Wenn sie neben dieser Triebfeder ihres Handelns noch Mitgefühl mit dem Leid ihrer Brüder empfinden, also philantropisch zu denken eingestehen (ich habe ordentlich Angst dies Wort anzuwenden), so wird man sie deshalb hoffentlich nicht aus der Partei weisen. Vielleicht entschuldigt diesen Verstoß gegen die geheiligten Doktrinen des Ostens die Erklärung Lessings, daß Mitleid auf sich selbst bezogene Furcht sei. Was soll man aber zum Schlüsse ihnen sagen, denen wir die traurige Gewißheit geben mußten, daß ihnen auch der Zionismus nicht die Beseitigung des alten Seelenleids bringen wird? Sie müssen eben verstehen lernen, daß der Zweck aller Politik nicht die eo8ocijAov£a, das Glück aller ist, sondern die Erhaltung der Art. Das klingt heute, wo man sich gewöhnt hat, sozial zu denken, etwas absonderlich. Aber es wird doch immer richtig bleiben. Die Idee an sich zu fördern, den Staat als Zweck, ohne Rücksicht auf den Einzelnen, der dem Ganzen als Opfer fällt, das ist harte Notwendigkeit, und das Judentum ist wertvoll genug, um das Opfer nicht vergeblich scheinen zu lassen. Die Bienen im Korbe verhungern freiwillig, um die Königin zunerhalten, wenn Hungersnot herrscht; denn auf ihr beruht die Hoffnung für die Erhaltung des Schwanns. Nicht nur die Trägen, sondern auch die Zweifelnden können von den Bienen lernen. Ad. Fr.

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