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Die Welt · 1910-04-08 · 14 (8.4.1910) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
14 (8.4.1910)
Date
1910-04-08
Page
– (sequence 7)
Language
German
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no. 14 . .. , -.. -r . ,:..... ■ die: deutsche ist nicht als ein deutscher Dialekt zu betrachten, der auch von Juden gesprochen wird, sondern er zweigte sich im Laufe der Zeit zu einer eigenen Sprache für sich ab und war zu einem jüdischen Gebilde geworden. Und wie reich ist diese Sprache, wie mannigfaltig, in ihren Grundtönen und allen Nuancen! Aus tausend Splittern zusammengefügt, ist sie immer einfach und gan* in ihrem Kern; m tunter ist sie von einer Derbheit, wie sie das jüdische Ohr bis dahin nicht vernommen hat, im Spott wirkt sie geradezu vernichtend. Sie frönt im allgemeinen einer Skepsis, die bei einem Volke von solcher religiösen Gewißheit auffallend ist; und hört man den typischen Jargonjuden sprechen und wie er Welt und Leben in seinen kurzen scharfen Sätzen abtut und dabei guter Dinge ist, glaubt man ein Stück Koheleth vor sich zu haben, aber ohne dessen Bitterkeit und Lebensverachtung. Das Jiindert aber nicht, daß er ein anderes Mal wieder elegiscrr und sentimental wird und in reines Verzücken gerät. Einerseits fand im jüdisch-deutschen Jargon jener alte Antagonimus des Am-Haarez, des Mannes der Scholle, gegen den Mann der Schrift, seinen Ausdruck, denn der einfache Jude aus dem Volke, der schwer arbeitet und keine Zeit und Lust zum frommen Studium hat, ist bis auf heute dem gelehrten Manne nicht gut gesinnt und spottet über den Heuchler, „der mit seinen langen Schaufäden Gott betrügt"; anderseits ist die Sprache des Volkes mit dem Weh der alten Traditionen getränkt. Es beruht eben alles beim Juden auf der Macht des Gegensatzes ... Die Kraft der jüdisch-deutschen Sprache liegt in der Gebärde und in der Mimik; nicht in dem Wortschatz besteht ihre Wirkung, sondern in der Stellung der Worte und der Macht des Augenblicks. Zum Schildern, zum malerischen Darstellen reicht sie kaum aus; dafür aber eignet sie sich gut zum Dialog, zum lebendigen, dramatischen Dialog. Diese Kunst, sein Inneres durch einen Nebensatz bloßzulegen, diese Macht der Ironie, mit einfachen Mitteln erreicht, ist ihr in einem Maße zu eigen, das zuweilen verblüffend wirkt. Es ist eine Sprache von lauter Sprichwörtern, und in jedem Augenblick schmiedet sich jeder seine eigene Sentenz. Jede.-große und reiche Sprache ist wie ein See, in dem das Individuumuntertaucht. Nur dem Genie ist es gegeben, sich gegen die Fluten der Überlieferung zu stellen und aus sich heraus eine eigene Sprache zu schaffen. Die jüdische Sprache ist in dem Stadium, wo jeder einzelne in sich seine Sprache trägt. Keine geschriebene Grammatik, keine Lehrgesetze, die in der Schule eingeprägt werden, hindern die Freiheit des Individuums, und doch ist alles in ihr streng gesetzmäßig gehalten, und sie hat ihren Klang und ihre volle Schönheit. Und nun bedenke man, daß das eine Sprache ist, die doch immer unter zwei Nebenbuhlerinnen ihre Stellung behaupten muß, daß sie nicht allein, sondern neben dem Hebräischen und Aramäischen besteht; man bedenke, daß das jüdischsprechende Volk samt seinen Sprachgütern unter fremden Völkern lebt und auf fremdem Boden, ohne jede staatliche Garantie und Hilfe seine Schätze pflegt, dann kommt einem die ganze Erscheinung der jüdisch-deutschen Sprache und ihr Wachsen wie ein Wunder vor. Literaturbriefe i. Der hebräische Literaturverein „Mekize Nirdamim", dessen Neubegründung vor etwa einem Jahre erfolgt ist, versendet seine Publikationen für das Vereinsjahr 1909. Der Verein, ursprünglich von L. Silbermann in Lyck, dem bekannten Redakteur des „Hamagid" gegründet, hat unter Leitung des greisen Gelehrten Prof. A. Berliner zwanzig Jahre hindurch mit schönem Erfolge seinem Programm gedient und eine große Anzahl handschriftlich erhaltener Werke, zum Teil von hervorragender Bedeutung, in Druck gelegt. Nach der wegen vorgerückten Alters erfolgten Resignation Berliners mußte der Verein vor vier JaÜren seine segensreiche Tätigkeit einstellen. Männer von klangvollen Namen, die anläßlich des Orientalisten-Kongresses in Kopenhagen versammelt waren, faßten im Vorjahre den Beschluß, den Verein zu neuem Leben zu erwecken. Bald war auch die Neukonstituierung erfolgt; an die Spitze trat der ebenso gelehrte wie tatkräftige Prof. Si m o ns en. Nun liegen die neuen Erstlingsfrüchte vor, reife Früchte, die einen köstlichen Genuß bieten, — freilich nur dem, der zu genießen versteht. Es sind vier Schriften, die der Verein seinen Mitgliedern liefert: 1. Salmo ben Ha-jathom's Kommentar zu Masqin (Mo'ed qatan), auf Grund der einzigen bekannten Handschrift (Cod. Castelbolognesi) herausgegeben und mit Einleitung und Noten versehen von H. P. Chajes (XXXIV und 141 S. 8"). Der Verfasser dieses Kommentars gehört, wie aus den eingehenden Forschungen des Herausgebers in seiner umfängreichen Einleitung hervorgeht, der jj£ELT 307 ersten Hälfte des XIII. Jahrhunderts an. Von ältern Autoren als rabbinische Autorität gefeiert, war er seit nahezu 600 Jahren völlig verschollen; von seinen Kommentaren zu einigen Traktaten des Talmud war nichts mehr bekannt und kein Lehrsatz wurde in seinem Namen angeführt. Und doch hätte er um so mehr Beachtung verdient, als er einer der bedeutendsten unter den wenigen Vertretern der süditalischen Schule war. Ein glücklicher Zufall hat den nunmehr in einer mustergültigen Ausgabe vorliegenden Kommentar ben Ha-jathom's zum Traktat Mo'ed qatan Prof. Chajes in die Hand gespielt, einem Manne/der sich des „Entronnenen" liebevoll annahm. Chajes hat seine ganze talmudische, philologische und literarhistorische Gelehrsimkeit wie auch seinen kritischen Scharfblick aufgeboten, um über Zeit und Heimat des Verfassers Licht zu verbreiten, seine Erklärungsweise — die sich von derjenigen der französischen Kommentatoren unterscheidet — näher zu charakterisieren, seine Quellen aufzudecken und den Kommentar selbst an der Hand eines großen kritischen Apparates herzustellen. Ehrliche Forscher werden ihm hierfür Dank wissen, wenn sie auch nicht mit jeder Einzelheit einverstanden sein werden. Daß er ein reiches Material für die Textkritik des Talmud bietet, ist i icht der einzige und nicht einer der letzten Vorzügen des Kommentars. 2. Diwan des Abü-l-Hasän Jehuda ha-Levi, nach Handschriften und Druckwerken bearbeitet und mit erklärenden Anmerkungen versehen von H. Brody. Zweiter Band: Nichtgottesdienstliche Poesie. Heft V (XI und S. 157-330 der Anmerkungen). — Mit diesem Hefte ist der zweite Band der kritischen Gesamtausgabe der Dichtungen Jehuda ha-Levi's, des „Zionisten", wie ihn Steinschneider nennt (Jüd.-arab. Literatur, S. 154), abgeschlossen. Ich habe Grund, mich eines Urteils über dieses Werk zu enthalten. Vielleicht findet sich ein Fachmann, der es einer objektiven Beurteilung unterzieht; eine solche wäre vom wissenschaftlichen wie vom jüdisch-nationalen Standpunkte am Platze. 3. Ma'aseh ha-Geonim, mit Einleitung und Anmerkungen von A. Epstein, ergänzt und redigiert von J. Freimann (XXIV und 99 S. 8°). — Eine Sammlung von Abhandlungen über religionsgesetzliche Themata, nach Cod. Goldschmidt, Frankfurt a. M. herausgegeben. Das Manuskript stammt spätestens aus dem Anfang des XIII. Jahrhunderts, aber durch seinen Inhalt gewährt es uns einen Einblick in das jüdische Familien- und Gemeindeleben einer viel frühern Zeit. Die in dem Werke enthaltenen Rechtsgutachten und religionsgesetzlichen Entscheidungen rühren zum größten Teile von den großen Lehrern des frühen Mittelalters her, deren Namen uns bekannt und geläufig und deren Aussichten und Entscheidungen heute noch für die religiöse Praxis maßgebend sind; zuweilen finden sich in dem Werke auch Namen, denen wir hier zum erstenmal begegnen. Die Heimat des Redakteurs war vielleicht Böhmen; von ihm dürften die slawischen Worte und Worterklärungen herrühren, die sich im Buche finden. Als Hauptquellen dienten ihm die Schriften der vier Söhne des R. Machir (Nathan, Menachem, Nechemja, Jakar), eines Bruders des R. Gerschom aus Mainz, der als „das Licht des Exils" bezeichnet wird; auch von sonst unbekannten Bescheiden der Geonim weiß der Redakteur zu berichten, und Neues erfahren wir aus seinen Aufzeichnungen von den q"^ s^on (das sind die Gelehrten der drei Gemeinden: Speier, Worms, Mainz). Das Buch enthält viel wertvolles Material zur Kultur- und Gelehrtengeschichte der Juden und ihrer Stellung in Deutschland vor dem ersten Kreuzzuge; auch für die Geschichte des synagogalen Ritus findet sich darin manch wertvoller Baustein. Die Bearbeitung hat im wesentlichen der bekannte Wiener Privatgelehrte A. Epstein besorgt; mit der Ergänzung des von ihm herbeigetragenen Materials wie mit der letzten Feilung hat er einen nicht minder Berufenen betraut, Dr. Freimann in Holleschau. 4. Kommentar zu Ezechiel und den XII kleinen Propheten, von Eliezer aus Beäugency, zum erstenmal herausgegeben von Sam. Poznanski. Lieferung I: Ezechiel (113 S. 8°). — Von Eliezer aus Beaugency, einem nordfranzösischem Exegeten des XII. Jahrhunderts (vielleicht Schüler des R. Samuel ben Meir), der wahrscheinlich die ganze Bibel, mindestens aber einen großen Teil derselben, mit einem Kommentar versehen hat, hat sich in einem Manuskript (Oxford, Neubauers Katalog Nr. 1465) der Kommentar zu den „spätem Propheten" mit Ausschluß von Jeremia erhalten. Emen Teil hiervon, den zum Buche Jesaja, hat der englische Gelehrte John W. Nutt, ehem. Unterbibliothekar an der Bodleiana, herausgegeben. In seiner ausführlichen „Introduction" ist Nutt dem Verfasser nicht gerecht geworden. Der Kommentar Eliezers hat für ihn nur kulturhistorische Bedeutung; das kann man schließlich von jedem ältern Kommentar sagen in einer Zeit, die in anderm Geiste und mit andern Mitteln arbeitet und in der die betreffende Disziplin eine lange Entwicklungsperiode bereits zurückgelegt hat. Aber zutreffend ist dieses Urteil gerade in unserm Falle nicht, denn an zahlreichen Stellen ist es bis heute bei der Auffassung der

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