Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 14 (8.4.1910)
- Date
- 1910-04-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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304 DIE^ELT ■No. 14 abhängt, trotz guter Behandlung seitens der Brotgeber dennoch ihre Sympathien auf ganz andere Personen übertragen, die ihnen geistig und sittlich näher stehen. Allein auch nach der Ansicht Oppenheimers ist der Patriotismus der Juden für ihr eigenes Volk begründet, da die Juden sich einerseits gerjie unterstützen, — nicht nur in der Not —, und anderseits zieht der Jude aus seinem engen Anschluß an seine Volksgenossen und durch seinen Verkehr mit ihnen moralischen und geistigen Nutzen; dabei muß noch in Betracht gezogen werden, daß durch einen praktischen Patriotismus für das Volksganze sowohl eine Kräftigung und Stärkung der Position des Volkes als auch des einzelnen bedingt wird. Was folgt nun aus all dem Gesagten? Ein jüdischer Patriotismus, der für Oppenheimer das wesentliche des Nationalitätsbewußtseins ausmacht, ist bei westeuropäischen Juden wohl denkbar und ist tatsächlich bei ihnen vorhanden. Es bliebe nur noch die Sprache, die nach Oppenheimer zum Nationalitätsbewußtsein gehört; allein, wenn auch die Sprache für den Nationalismus anderer Völker sehr wesentlich ist, ist sie für eine uralte, ganz eigenartige und individuell geartete Nation wie die jüdische, wenn auch nötig, so doch nicht ausschlaggebend. Der zweitausendjährige Bestand der jüdischen Nation bei all den verschiedenen Mundarten, die ihre Teile in der Zerstreuung sprachen, beweist dies zur Genüge. Dr. Oppenheimer gibt sich als Dolmetsch der westeuropäischen Juden aus und behauptet, daß den Westlern ein jüdisches Kulturbewußtsein abgeht. Nun, ich glaube, daß die meisten Zionisten des Westens sich dagegen verwahren werden; aber auch die Nichtzionisten, wie z. B. die Orthodoxen, werden Herrn Dr. Oppenheimer sicherlich nicht beistimmen. Mag sein, daß vieles von der jüdischen Kultur einem Teile der westeuropäischen Juden abgeht, allein, das ist nicht auf den Mangel eines Begriffsvermögens oder die Unmöglichkeit eines sich Aneignens der jüdischen Kultur zurückzuführen, sondern einzig und allein durch ihre Nachlässigkeit zu erklären; und Nachlässigkeit ist keine unabänderliche Tatsache und darf nicht zum Prinzip erhoben werden. Es bliebe also nur noch die Ansicht Oppenheimers, daß die Zionisten des Westens aus purem Idealismus zum Zionismus gekommen seien. Es liegt mir fern, den Westlern allen Idealismus abzusprechen, allein in Westwie in Osteuropa sind sowohl Ideale als auch praktische Motive für das Entstehen des Zionismus maßgebend gewesen. Sagt doch Oppenheimer selbst, daß den Westlern durch ein jüdisches Gemeinwesen in Palästina zweierlei Vorteile entstehen würden: 1. die Beseitigung des Zuzugs der Östler nach dem Westen, 2. die Beseitigung des Antisemitismus. Gibt es nach all dem Gesagten einen zweifachen Zionismus? Keineswegs! Hüben wie drüben gibt es Juden, deren Patriotismus für ihr Volk gering ist, eine Erscheinung, die bei allen Nationen wahrzunehmen ist. Hüben wie drüben gibt es Leute, die wenig mit dem Judentum vertraut sind, — im Westen ist deren Anzahl allerdings größer —, und deren jüdisches Kulturbewußtsein klein ist. Doch hat noch niemand, der sich zu den Zionisten zählt, diese Tatsache gebilligt. Dr. Oppenheimer glaubte dem Zionismus einen Dienst zu erweisen, wenn er die Forderungen, die der Zionismus an seine Anhänger zu stellen hat, auf das minimalste reduziert, damit die Zahl der Zionisten durch Zuzug von Gegnern und Indifferenten sich stetig vermehren soll. Allein, das ist eine verfehlte Politik. _ Westlicher Zionismus Franz Oppenheimer hat mit seinem Aufsatz über Volks- und Stammesbewußtsein in der „Welt" eine tiefgehende Wirkung erzielt» nicht nur in den Kreisen der Zionisten selbst, sondern weit über diese hinaus. Denn das Problem, das er angeschnitten hat, ist wohl das tiefste und schwierigste in unserer Bewegung und überhaupt im modernen Judentum. Vielmehr als man dies im allgemeinen annimmt, zerbricht man sich in Westeuropa den Kopf über die Frage, die hier zur Diskussion steht. Denn gerade für die ehrlichen und tiefen Naturen ist nichts peinlicher als das Leben in unklaren Verhältnissen, — das zeigt schon der leidenschaftliche Haß, mit dem man den Zionismus vielfach instinktiv in Kreisen verfolgt, die doch ganz. gern für Palästina und seine Kolonisation tätig sein wollen. In Wirklichkeit steht ja für sie viel auf dem Spiel: die Frage, ob sie daheim sind oder nicht; zum mindesten ob sie in ihren Gegenwartsländern ein geistiges Heimatsrecht besitzen. Das Unbehagliche dieser Frage pflanzt sich bis in die eigenen Reihen fort. Ich kenne sehr gute Juden, gute Zionisten im Sinne des Strebens nach einer politischen Heimstätte, die stets mit sich selbst im Kampfe liegen, stets bei der Zahlung des Schekels sich in seelischem Konflikt befinden. Sie haben den Aufsatz Oppenheimers als eine Art von Erlösung betrachtet, und wenn sie auch weniger schreiben als die Unentwegten, so sind sie doch so zahlreich, und ihre Sorgen ehrlich genug, um sehr ernst genommen zu werden. Bisher ist dieser Punkt in der Diskussion sehr nebensächlich behandelt worden. Es wird in Vereinen, Versammlungen und Artikeln auseinandergesetzt, ob Oppenheimer logisch seine Unterscheidungen aufgebaut hat, ob er den einen oder anderen Begriff richtig determiniert hat, — ja, ist denn das wirklich das entscheidende in der Sache? Politik ist doch keine Sache formaler Beweisführung. Irgendwer hat einmal gesagt: man wird konservativ oder liberal geboren, womit gemeint war, die ganze Richtung der Persönlichkeit bestimme die Oberzeugung, und die Begründung suche man sich meist erst nachher zusammen. Ist dieser Satz auch vielleicht etwas schroff formuliert, so enthält er sicher doch sehr viel Wahres. Es handelt sich daher bei der Feststellung, ob Oppenheimer recht oder unrecht hat, nicht so sehr um eine Prüfung seiner Logik, als um eine Konstatierung, ob er richtig gesehen hat. In zweiter Linie erst steht, ob er folgerichtig deduziert hat. Ich glaube nun, daß Oppenheimer im wesentlichen richtiggesehen hat, wenn er meint, daß die westlichen Juden für einen nationalkulturellen Zionismus, soweit er sie selbst betrifft, nicht zu haben -sind. Sie wachsen auf in einem Kulturkreise, der unvergleichlich viel höher steht, als der des östlichen Judentums, sie schätzen und lieben den Dichter und Denker ihres Volkes und vielleicht mehr noch die ästhetischen Werte des Westens. Schließlich kann der moderne Mensch noch eher in einem geistig unentwickelten Milieu leben, das er selbst ja befruchten kann, und in das er seine Ideen trägt, als in einem Kreise, dem die fortgeschrittenere Art des Verkehrs und der gegenseitigen Beziehungen mangelt. Die Auffassungen von Zulässigem und Unzulässigem im täglichen Umgang, in der Behandlung der eignen Individualität und der Persönlichkeit anderer, die Begriffe von formaler und innerlicher Ehre, vom Werte des Geldes und dergleichen mehr, sind kulturell weit trennender als die rein geistigen Fragen. Man mißverstehe mich nicht. Ich will keineswegs etwa behaupten, daß solche Werte im östlichen Judentum nicht vorhanden sind. Es gibt dort wunderbare, reine und hochstehende Menschen, geistig und ästhetisch gleich fortgeschrittene Naturen. Aber drüben fehlt der Kultur die Breite, die sie im Westen erreicht hat. Sie fehlt ihr geistig wie ästhetisch. Und für viele Menschen ist der Gedanke, daß eine neue Gemeinschaft demokratischen Charakters auf zionistischer Grundlage dem Ganzen diesen minderwertigen Stempel der breiten Masse aufdrücken werde, unerträglich. Wenn sich heute so viele gute Juden des Westens unserer Idee gegenüber ablehnend verhalten, geschieht 'das nicht zum wenigsten, weil sie glauben, damit in die geistige und ästhetische Enge des Ghettos zurückgezwungen zu werden. Dazu kommt die Forderung der sogenannten Kulturzionisten nach einer jüdischen Kultur, nicht etwa nur in Palästina, sondern auch in der Diaspora. Als ob man sich eine Kultur anschaffen könnte, wie einen