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Die Welt · 1910-04-08 · 14 (8.4.1910) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
14 (8.4.1910)
Date
1910-04-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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No. 14 die: viel höher bewertet wird als die äußerlich übertünchte und innerlich hohle Hochku-ltur Europas, und ich glaube nicht fehlzugehen, wenn ich annehme, daß das hohe Lied, das Dr. Oppenheimer auf die europäische Kultur singt, hauptsächlich ihrem ethischen und sittlichen Teil gilt, der aber meist dem Konto des Judentums gutzuschreiben ist, und so ist diese Lobpreisung Oppenheimers auf das Europäertum unbewußt eine Verherrlichung des Jüdischen, allerdings in europäischer Verputzung. Auch die Ansicht Oppenheimers über das Praktische im Streben der Östler nach Palästina ist irrig; die Östler haben Uganda verworfen und würden es auch abgelehnt haben, wenn es zehnmal besser als Palästina wäre; des rein praktischen Vorteils wegen brauchen die Östler überhaupt nicht auszuwandern, würden doch ihnen ihre Stiefländer sofort zu Vaterländern werden können, wenn ..... Nein, die Östler halten hauptsächlich deswegen an Palästina fest, weil sie zu ihrer jüdischen Kultur, zu ihrem jüdischen Volkstum und ihrem jüdischen Stamm halten und halten wollen. Und nun die Westler. Nach Oppenheimer beruht der Zionismus der Westler lediglich auf dem jüdischen Stammesbewußtsein von einem Einst, von einem jüdischen Volk der Vergangenheit. Ein jüdisches Volksbewußtsein in der Gegenwart sowie ein jüdisches Kulturbewußtsein geht den Westlern ab, da sie bereits andere Volkstümer und andere Kulturen angenommen haben; sie gehören also mit ihrem Patriotismus und ihrem Volksbewußtsein andern an. Zunächst der Patriotismus. Zweierlei bedarf der Feststellung: a) Ob dieser Patriotismus eine wirkliche Tatsache ist, und wenn ja, ob er so weit reicht, daß er die Westler ganz beherrscht und kein Plätzchen für einen Patriotismus für ihr einstiges Volk und ihren gegenwärtigen Stamm übrig läßt; b) Wenn es sich wirklich so verhält, ob es so recht ist und so sein muß. Dr. Oppenheimer bejaht beides. Er vergleicht die Juden Westeuropas mit den Deutschen Amerikas. Würde dieser Vergleich stimmen, so wäre der Beweis erbracht, daß die Westler ihren Patriotismus für das jüdische Volk vollständig eingebüßt haben; allein ich sehe nicht ein, warum die Juden gerade mit den satten Deutschen Amerikas verglichen werden sollen und nicht etwa mit den dortigen Iren oder den europäischen Tschechen und Armeniern, deren Patriotismus sich überall in erster Linie auf ihr eigenes Volk erstreckt; etwa deshalb, weil der jüdische Stamm die ausgeprägtesten eigenartigsten äußerlichen und — in noch viel größerem Maße — innerlichen Merkmale hat und sich von andern Volksstämmen abhebt? Etwa deshalb, weil das jüdische Volk eines der ältesten unter den lebenden ist, das Volk, dessen glorreiche Geschichte ein hohes geistiges Schaffen und den hartnäckigsten Kampf um dieses sein Schaffen, um diese seine besonderen geistigen Güter bedeutet? Etwa deshalb, weil die Regierungen wie auch dieVölker auf Grund all der hier angeführten Tatsachen die Judenheit als geschlossenes Ganzes, als ein treu zusammenhaltendes Volk ansehen? Etwa deshalb, weil ein gesellschaftlich-politischer, literarisch-wissen schaft Ii eher, von denMassen, von der Intelligenz, von der Regierung ausgehender Antisemitismus allerorts tobt? Dr. Oppenheimer spricht von stolzen Westlern, von Juden, die auf ihren glorreichen Stamm stolz sind, und die dennoch ihre ganze Liebe, ihren ganzen Patriotismus auf die sie hassenden anders gearteten Völker übertragen und für ihr eigenes ruhmreiches Volkstum nichts übrig haben. Ist dies möglich? Man frage den Polen, der nur geistige Zurücksetzungen auszustehen hat, wieviel Patriotismus er für den christlichen Preußen hat; man frage den Iren, wieviel Liebe er für den Engländer in der Brust trägt, und man ermesse danach den Patriotismus eines Juden, der durch den Glauben getrennt, in der Stammesart ver. schieden und sowohl geistig wie wirtschaftlich zurückgesetzt wird; p£ELT ■ ... - 303 gewiß kann ein Pole den Preußen, ein Ire den Engländer lieben, aber jedenfalls hat der Pole Poschs für den Polen Krakaus viel!c mehr übrig als für den Preußen. Und ist deshalb der Pole ein schlechter und undankbarer Mensch, wie es Oppenheimer zu konstatieren glaubt? Um darauf eine Antwort zu geben, muß näher untersucht werden, ob ein Bürger dem Staate, dessen Schutz er genießt, zu Dank verpflichtet ist, und ob er unbedingt zu einem Patriotismus bis zum Aufgeben seines besondern Ichs, wo ein solches besteht, verpflichtet ist. Welches ist das gegenseitige Verhältnis des Bürgers zum Staat und des Staates zum Bürger? Ein rechtlich verpflichtendes. Der Rechtsstaat, dessen Schutz man genießt, hat nur die zu seinem Bestände notwendigen Tribute und Verpflichtungen von seinen Bürgern zu beanspruchen, aber er hat keinen Anspruch auf Dank; denn in demselben Maße, wie die Bürger ihm verpflichtet sind, ist er es auch den Bürgern, und indem der eine auf den andern angewiesen ist, kann von der Verpflichtung zum Danke keine Rede sein; viel weniger noch von der Verpflichtung einer Liebe. Liebe läßt sich nicht erzwingen; sie kommt von selbst, wenn die Sympathien gegeben sind. Doch gibt es keine Liebe, die ganz selbstlos ist, und wo die Liebe eine permanente Selbstlosigkeit und Verleugnung des eigenen Ichs verlangt, dort ist sie nicht von langer Dauer. Ein Rechtsstaat soll und darf keine Preisgabe des eigenen Ichs verlangen, nur ein absolutistischer Gewaltstaat stellt solche Forderungen. Ebenso darf keine Majorität eines Landes von einer Minorität Sympathien verlangen, die auf eine Preisgabe des Ichs hinauslaufen. Der Pole, der in Berlin, der Tscheche, der in Wien, der Ire, der in London lebt, darf seinem angestammten Volke größere Sympathien als seinem Wirtsvolke entgegenbringen; er tut es auch, und warum sollen wir Juden es nicht dürfen? Und siehe! Was wird Oppenheimer mit seinem Patriotismus in einem Staate anfangen, wo viele einander gleiche Nationalitäten leben, z. B. in Österreich? Auf wen anders will er alsdann, rein praktisch gedacht, seinen Patriotismus übertragen, als auf sein eigenes Volk? Dies zugegeben, bleibt noch die Frage übrig, ob ein jüdischer Patriotismus im Herzen des westeuropäischen Juden vorhanden ist. Diese Frage muß unbedingt bejaht werden, nicht nur die oben genannten Gründe zeigen dies, sondern noch folgende Tatsachen beweisen das: 1. der engere Verkehr der Juden untereinander auch dort, wo sie Anschluß an andere Nationalitäten haben; 2. die noch heutzutage tatkräftige Teilnahme der Juden eines Landes an den Schicksalen der Juden anderer Länder, eine Teilnahme, die viel intensiver und größer ist, als die Teilnahme der anderen Völker an dem Befinden ihrer schlechter gestellten Volksgenossen; und wenn zwar die westlichen besser gestellten Juden sich noch einstweilen von dem nationalen Befreiungswerk größtenteils fernhalten, was bei anderen Nationalitäten nicht der Fall ist, so ist dies lediglich auf das unsichere Gefühl zurückzuführen, das die Juden innerhalb ihrer Wirtsvölker empfinden; nur infolge ihres Gefühls der Unsicherheit glauben sie, sich den andern Völkern mit Haar und Haut hingeben zu müssen, damit man ihnen ihre wankenden, geschmälerten Rechte nicht gänzlich entziehe. Der Anblick der entrechteten Juden anderer Länder einerseits und die frische Erinnerung an die früheren Tage anderseits, nimmt ihnen den Mut zum offenen und freien Kundtun nationaler Aspirationen. Den andern Völkern fehlt diese Angst, und daher ihr Mut, daher ihre Konsequenz. Allein diese Angst wird gerade durch einen mutigen nationalen Zusammenschluß nach und nach schwinden, so daß die noch Fernstehenden zu uns herüberkommen werden. Dies ist der einzige zum Ziel führende Weg, nicht aber der Oppenheimers. Nach Oppenheimer beruht der Patriotismus eines Bürgers lediglich auf den Vorteilen, die er vom Staate zieht; allein der Patriotismus des Kulturmenschen kann doch nicht ausschließlich auf diesem einzigen Umstände beruhen; es ist eine alitägliche Erscheinung, daß Leute, deren ganze Existenz von gewissen Personen

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