Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 14 (8.4.1910)
- Date
- 1910-04-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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* iif 302 Die Organisation der Deutschen im Balticum Es ist eine Übertreibung von den deutschen Ostseeprovinzen zu sprechen, da ungefähr 300 000 Deutsche je einer Million Letten und Esthen gegenüberstehen. Die größten deutschen Sprachinseln liegen im Lettischen eingesprengt, so Riga, Windau, Liebau und Dünaburg; auch bis in die finnischen Lande erstreckt sich die deutsche Sprache, so bis Dorpat mit der ehemals deutschen, jetzt russischen Universität, und RevaL Die herrschende Religion ist die lutherische; ihr gehören drei Viertel der Bewohner, ohne Rücksicht auf die Nationalität an; die griechisch-orthodoxe Religion macht trotz aller Anstrengungen, die seit 60 Jahren von der russischen Regierung gemacht werden, keine Fortschritte; dagegen macht das Herrenhutertum unter Letten und Esthen Eroberungen als Protest gegen das „deutsche" Luthertum. Denn Letten und Esthen, so verschieden ihr Denken und Fühlen ist: der Haß gegen die Deutschen eint sie. Es ist der Haß gegen das Herrenvolk, das, obgleich nicht zahlreich, durch Kultur und Grundbesitz bis jetzt die Zügel in der Hand hatte. Dem deutschen Adel kur- und livländischer Abkunft gehörte in Kurland fast die Hälfte der Gesamtbodenfläche, in Livland fast ein Drittel. Zu den Grundbesitzern gehören auch die lutherischen Pastoren, die gleich den Adeligen als die „Kirchenherren" verfolgt werden. Die Provinzialverwaltung liegt in den Händen der Landtage, die in der Hauptsache aus dem grundbesitzenden Adel zusammengesetzt sind, während die nichtadeligen Grundbesitzer wohl Sitz, aber kein Stimmrecht haben; im livländischen Landtag ist die Stadt Riga (300 000 Einwohner) nur als Eigentümerin großer Ländereien vertreten. ■ Die Deutschen wurden durch die Nachwirkungen der russischen Revolution, die sich hier hauptsächlich gegen die Deutschen wandte, von ihrer dominierenden Stellung verdrängt, unter der stillen Unterstützung der russischen Regierung, der sie stets ein Dorn im Auge waren. Die Konterrevolution hat den hochfliegenden Plänen von der lettischen Republik ein Ende gemacht; aber auf friedlichem Wege machen die Letten und Esthen in der Eroberung der Gemeindeverwaltungen Fortschritte; selbst in Riga konnten sich die Deutschen nur durch Kompromisse behaupten. Die Deutschen, die hier eine große, nationale Energie entwickeln, legen aber nicht resigniert die Hände in den Schoß. Sie haben erkannt, daß die neue Zeit auch erfordert, daß mit neuen Mitteln gearbeitet wird. In Kur-, Liv- und Esthland bedeckt ein Netz von Ortsgruppen deutscher Vereine das Land, die durch Gründung von deutschen Schulen, Bibliotheken, Veranstaltung von Vorträgen, Volkstheater und Volkskonzerten, Organisation deutscher Armenpflege und durch Errichtung eines Stellenvermittlungsbureaus im nationalen Sinne wirken. Das letztgenannte Bureau hat speziell den Zweck, deutsches Dienstpersonal aus dem Deutschen Reiche oder den deutschen Kolonien in Südrußland herbeizuziehen, da zwischen der erbgesessenen Bevölkerung und den Deutschen, wie oben erwähnt, ein heftiger Antagonismus besteht. Früher war die Hauptlast für den deutschen Unterricht auf den Schultern der Ritterschaft gelegen, die, als seit Alexander II. die deutsche Schule verboten war, es ihren Volksgenossen ermöglichte, in kleinen Privatkreisen ihre Kinder deutsch zu erziehen. Nachdem im DIElfeXELT No. 14 Mai 1906 der deutsche Unterrieht für die Privatschulen freigegeben wurde, haben deutsche Vereine diese Aufgaben übernommen. In den drei Provinzen wirken drei Vereine, die gemeinsame Ziele verfolgen. In Kurland ist es der „Verein der Deutschen"; er wendet sein Hauptaugenmerk der Pflege des deutschen Elementarunterrichts zu. Die Ritterschaft unterhält zwei Gymnasien; in Mitau und Goldingen. In Livland bildet: der „Deutsche Verein" den Mittelpunkt. Die Ritterschaft unterhält hier in Birkenruh und Fellin Gymnasien. Der Stadt Riga ist es gesetzlich verboten, deutsche Schulen zu errichten. Daher gründete der Verein in Riga ein klassisches und reales Doppelgymnasium,, „die Albertschule", und zwei Elementarschulen, die „Herder-" und die „Meinhardschule". Der deutsche Frauenbund gründete zwei Schulen, die „Louisenschule" und die „Dorotheenschule", die erstere zur Erinnerung an die Königin Louise, die letztere zur Erinnerung an die Herzogin Dorothea von Kurland. Außerdem errichtete der deutsche Verein Progymnasien in Wöhnar, Lemsal, Pernau und an mehreren kleineren Orten Volksschulen. In Dorpat gründete der Verein eine Volksschule, eine Bürgerschule, ferner ein Lehrer- und ein Lehrerinnenseminar. In Esthland wirkt der „Esthländische deutsche Schulverein", mehrere Volksschulen, während die Ritterschaft zu Reval eine Ritter- und Domschule von gymnasialem Charakter unterhält. Von der Ausbreitung dieser Vereine können wir uns einen Begriff machen, wenn wir hören, daß die Ortsgruppe Riga des livländischen Vereins 10 000 Mitglieder zählt. Zweierlei Zionismus Von S. H. Goldmann, Frankfurt a. M. Wir hatten bisher nur einen Zionismus, und nur eine Art von Zionisten. Da brachte uns Herr Dr. Franz Oppenheimer in seinem Artikel: „Stammesbewußtsein, Volksbewußtsein" in der „Welt" Nr. 7 einen zweiten Zionismus, und eine zweite Art von Zionisten. Er nahm eine Zweiteilung vor und teilte die Zionisten in Östier und Westler. Wir wollen nun die Ausführungen Oppenheimers näher untersuchen. Zunächst die Östier. Herr Dr. Oppenheimer stellt zwei schwerwiegende Behauptungen auf: 1. Den Juden des Ostens geht die westeuropäische Hochkultur ab, 2. die jüdische Kultur ist ein Produkt der Ghetti und ist „aus dem Mittelalter hinübergerettet worden", und infolgedessen müssen die gebildeten Westler, „die nicht rückwärts können und wollen," diese mittelalterliche Kultur ablehnen, während aber die ungebildeten Östler sie festhalten müssen. Herr Dr. Oppenheimer wird mir wohl verzeihen, wenn ich konstatiere, daß beide Behauptungen, insofern sie sich auf die Östler beziehen, falsch sind. Die jüdische Kultur bedeutet für die einen die Summe aller geprägten Werte der geistigen Kräfte des jüdischen Stammes von seinem Entstehen bis auf den heutigen Tag, für die andern die Summe der Werte einer göttlichen Offenbarung; mithin reicht die jüdische Kultur weiter als bis zum Mittelalter und steht trotz ihres Alters keiner Kultur irgendwie nach, sofern sittliche und ethische Postulate den innern Wert einer wirklichen Kultur ausmachen. Was aber die Vertrautheit des Östlers mit der europäischen Kultur bezüglich ihrer äußeren zivilisatorischen Formen betrifft, so ist es hierin wirklich nicht so schlimm bestellt, wie Herr Dr. Oppenheimer es meint. Die Intelligenz der Östler steht an Bildung den Westlern nur in wenigem nach, aber auch das Gros der östlichen Masse ist viel gebildeter und politisch reifer, als dies Dr. Oppenheimer annimmt. Die Östler halten an der jüdischen Kultur deshalb fest, weil diese in ihren Augen objektiv