Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 13 (1.4.1910)
- Date
- 1910-04-01
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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No. 13 DIE30KELT 293 verschärften -- wirtschaftlichen Konkurrenz, 'sondern auch '"auf eine planmäßige, zielbewußte, national-politische Ausschaltung der Juden. .- Und hier kommen wir zum Antisemitismus. Die Industrialisierung Polens erzeugt die Losung von der Polönisierung der Industrie und des Handels. Es entstehen und entwickeln sich in raschem Tempo die Konsumvereine und die Agrarkooperationen mit der Losung: Kauft nicht bei den Juden, bestellt nichts bei den Juden! Es beginnt der ökonomische Vernichtungskampf nicht nur gegen das jüdische Kleinbürgertum, sondern auch gegen das jüdische Proletariat. Vor kurzem hat eine große Warschauer Tabakfabrik zur selben Zeit, wo das Unternehmen bedeutend vergrößert wurde, hundert jüdische Arbeiter entlassen. Abgesehen also von „der natürlichen Schwierigkeit der „Proletarisierung" für den jüdischen Kleinkrämer und Luftmenschen, abgesehen ferner von dem nicht zu unterschätzenden Hemmnis, das in der Beobachtung der Sabbatruhe gegeben ist, steht noch der Antisemitismus der Anpassung an die neuen Wirtschaftsformen im Wege. Daßaberder Antisemitismus gerade in der allerletzten Zeit besonders akut geworden ist, — dafür gibt es seine guten Gründe. Wir haben es hier nicht nur mit einem neuen, im Zusammenhang mit der allgemeinen Reaktion stehenden Triumph der alten judenfeindlichen Strömung zu tun, die schon seit den siebziger Jahren in der polnischen Gesellschaft zu Hause war; es handelt sich vielmehr um eine ganz neue Etappe des polnischen Judenhasses, der uns vor neue, ungeahnte und ungeheure Kämpfe hinstellt. Zu den alten ökonomischen, religiösen, kulturell-psychologischen und wie sonst noch die Motive der ewigen Hetze Israels heißen mögen, gesellen sich neue, mächtige national-politische Faktoren, die den permanenten Konflikt in eine akute Krise, in einen Kampf auf Leben und Tod verwandeln. Die Repressivmaßregeln der russischen Regierung gegen die Polen, die darauf ausgehen, jede national-politische und national-kulturelle Regung des polnischen Volkes im Keime zu ersticken, hatten eine geradezu krankhafte Steige* ung des polnischen Nationalgefühls zur Folge. Das gesunde, berechtigte Gefühl der Eigenpersönlichkeit, das natürliche Streben nach Ausleben der Volksindividualität, nach freier Entfaltung der eigenen Kräfte, —"artete in einen exklusiven, engherzigen Chauvinismus aus; der progressive, defensive Nationalismus wurde zum reaktionären, offensiven. Dazu kam eine große Wandlung im inneen Leben des Judentums. Die schöne Zeit, wo jeder halbwegs intelligente Jude sich mit Haut und Haar der national-polnischen Kultur verschrieben hatte, ist dahin. Die „Polen" mosaischen Bekenntnisses haben dermaßen abgewirtschaftet, daß ihr einziges Organ, die „Israelita", sein Erscheinen eingestellt hat. Der ruhe- * störende Zionismus kam, der in einem Teile der jüdischen Intellektuellen das jüdische Nationalgefühl wachrief, das Streben nach jüdisch-nationaler Kultur schuf. In den letzten paar Jahren sorgte - eine' stark verbreitete Jargon-Presse für die Nationalisierung der jüdischen Massen. Die Polen können aber niemand ein anderes als polnisches Nationalgefühl verzeihen. Es kam .noch ein äußeres Moment hinzu. In den letzten Jahren, seit den großen Ausweisungen aus Moskau, wurde die jüdische Bevölkerung Polens ganz erheblich vermehrt durch die Zuwanderung aus Litauen. Die litauischen Juden bringen aber von Hause keine intimen Beziehungen zur polnischen Kultur, keine Kenntnis der polnischen Sprache mit. Da sie als Kaufleute hauptsächlich Handelsbeziehungen nur mit Rußland pflegen, so haben sie auch keinen dringenden Anlaß, sich die Kenntnis einer neuen Sprache anzueignen. Sie sprechen also unter sich jüdisch, und im Verkehr mit Behörden und offiziellen Institutionen — russisch. Dies ist aber in den Augen der Polen ein Verbrechen, ein Attentat auf ihre nationalen Positionen, die sie in fast übermenschlichen Kämpfen gegen gewaltsame Russifikation verteidigen. So geben die Juden im Kampfe zwischen Russen und Polen den Prügelknaben ab die übliche Begleiterscheinung aller Nationalitätenkämpfe. Man denke an Galizien und Böhmen. Daß die russische Regierung den Juden für ihre „russifikatorischen" Dienste nichts gibt, braucht nicht erst gesagt zu werden.- Nicht einmal die Öffnung von russischen Privatsehulen wird ihnen so leicht gestattet. Vgl. die jüngste Verfügung des Ministers für Volksaufklärung, Schwarz. — Wie dem .aber auch sei, so wird durch die angebliche „russifikatorische" Tätigkeit der litauischen Juden ein „casus belli" geschaffen. Man sieht einfach in dem Juden ejnen gefährlichen politischen Feind und zieht daraus die extremsten Konsequenzen. Man glaubt'nicht mehr an die Assimilation der Juden an die Polen. Daraus folgt aber nicht ein Abfinden mit dem jüdischen Nationalismus, die Anerkennung des Rechtes des jüdischen Volkes auf eigene Existenz, sondern man folgert daraus das Postulat des Kampfes gegen das Judentum auf der ganzen Linie. Während nun Kiziwicky auf Grund der ökonomischen Entwicklung Polens eine totale Pauperisierung der polnischen Juden prophezeien zu sollen glaubt, wird uns auch in gesellschaftlicher Beziehung der Boden immer heißer unter den Füßen. „Es sind ihrer zu viel bei uns", — das ist heutzutage das Grund- und Leitmotiv aller polnischen Politik. Hierin sind sich Roman Dmowsky, der Führer der „Volksdemokraten", Straszewicz, der Leiter der sog. Realisten und alle andern, die Progressisten nicht ausgenommen, einig. Wie das nur weiterkommen wird? — Darüber möchte man sich am liebsten gar keine Gedanken machen. — Felix. Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Die Blutluge auf Kreta Erst kürzlich hatten wir den Fall eines Juden aus Skala Nuova zu registrieren gehabt, der auf einer der Inseln des griechischen Archipels unter dem Verdachte der Christenabschlachtung beinahe gelyncht worden wäre, und schon wiederhaben wir ein ähnliches Ereignis aus der Welt griechisch-christlicher Nächstenliebe zu vermelden. Diesmal war es in Kanea, der Hauptstadt der Sagenreichen Insel Kreta, daß versucht wurde, mit Hife der Blutlüge eine Judenhetze in Szene zu setzen. Ein griechisches, kaum den Kinderschuhen entwachsenes Mädchen diente seit einiger Zeit bei dem Juden Gabriel Ishakis. Es bestahl seinen Brotgeber dieser Tage um ein unbedeutendes Geldstück und floh dann aus Furcht vor Entdeckung aus dem Hause. Man suchte es überall, als sein Ausbleiben auffiel, konnte es aber nirgends entdecken. Das reichte für die Nachbaren hin, um das Gerücht zu verbreiten, das Mädchen sei gar nicht davongelaufen, sondern in dem Hause des Juden abgeschlachtet worden. Inzwischen war auch die Mutter des Mädchens benachrichtigt worden. Sie wurde gleichfalls sehr unruhig, als das Mädchen bis zum Abend nicht erschien, und begann Lärm zu schlagen. Es rotteten sich Leute zusammen, die das Haus des Ishakis bedrohten und Verwünschungen gegen alle Juden ausstießen. Ais Ishakis sah, welche gefährliche Haltung die Menge ge^en ihn annahm, eilte er zur Polizei, um bei dieser Schutz für Leben und Habe zu suchen. Aber ihm ward die Antwort, eine benachbarte griechische Familie hätte selbst gesehen, wie man das Mädchen bei ihm geschlachtet hätte. Die Polizei nahm hierauf eine Haussuchung bei dem Juden vor, während sich die Volksmassen mit Stöcken und Waffen ausrüstete und das Haus belagerten. Die Lage war bereits sehr kritisch, als ein griechischer Advokat, der den Juden kannte, sich der Menge entgegenstellte, um sie über den Aberglaube i au z iklären und sie zur Ruhe zu mahnen. Er wurde jedoch verhöhnt und ausgelacht. Die Menge benahm sich erst vernünftiger, als ein Polizist erklärte, er habe selbst gesehen, daß das Mädchen nach dem Hause seiner Eltern gegangen sei, das außerhalb der Stadt lag. Er nahm es auf sich, die Verschwundene zu finden, und die Menge hörte auf ihn. Tatsächlich gelang es ihm auch, sein Wort einzulösen. Das Mädchen hatte sich bis zum Einbruch der Nacht auf den Straßen herumgetrieben, bis es aus Mitleid in ein Haus aufgenommen wurde. Am Morgen begab es sich sodann zu den Eltern. Dort wurde sie von dem Polizisten aufgefunden, und der unschuldige Ishakis war mit dem bloßen Schrecken davongekommen. Rabbiner Ebiagon von Kanea hat den Fall an kompetenter Stelle gemeldet und Ishakis gleichfalls von den Behörden Genugtuung gefordert. - In Kanea hatte bereits einmal, im Jahre 1873, das Blutmärchen eine Rolle gespielt. Damals war ein christlicher Knabe von der eigenen Mutter versteckt worden, um einen Aufruhr gegen die Juden hervorzurufen. Nur dem energischen Einschreiten des derzeitigen französischen Konsuls war die Rettung der Juden zuzuschreiben. Patrouillen mußten die Juden beschützen und mit Waffengewalt die Ruhe aufrecht erhalten. Damals taten die Behörden ihre Pflicht, und vierzig Griechen wurden empfindlich bestraft. Eisenbahn Tripoli-Homs in Syrien Beim Ministerium der öffentlichen Arbeiten eingetroffenen Depeschen zufolge hat die französische Konzessionsgeseilschaft zum Bau der Linie Tripoli-Homs die Arbeiten auf Grund des Kaiserlichen Irade bereits aufgenommen. Mit der Vollendung dieser Strecke wird Syrien einen zweiten, nördlichen Verbindungsstrang der Hedschasbahn mit dem Mittelländischen Meere gewonnen haben. Die Linie beträgt 102 Kilometer Länge, der Betrieb kann schon im nächsten Jahre eröffnet werden.