Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 13 (1.4.1910)
- Date
- 1910-04-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316406-3316420--53069-3346811- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Unsere geehrten Abonnenten, deren Bezugszeit am 31. März 1910 abgelaufen ist, ersuchen wir um gefl. rechtzeitige Erneuerung des Abonnements, damit in der regelmäßigen Zustellung der Blätter keine Unterbrechung eintritt. Posterlagscheine an unsere Abonnenten in Österreich-Ungarn, sowie Zahlkarten an die Abonnenten in Deutschland haben wir diesmal direkt per Post eingeschickt und ersuchen, dieselben zur kostenlosen Überweisung der Abonnementsbeträge zu benutzen. Aus allen übrigen Ländern empfiehlt es sich, Beträge per Postanweisung einzuschicken. Den Abonnenten in Deutschland, die unser Blatt durch Postüberweisung zugestellt erhalten, bringen wir zur Kenntnis, daß die Anmeldung von uns aus bei der hiesigen Postzeitungsstelle rechtzeitig und ordnungsgemäß erfolgt ist. Bei etwaigen Unregelmäßigkeiten in der Zusendung der Blätter wolle man ausschließlich beim Postamte seines Wohnorts (Bezirks, Amts usw.) reklamieren. Für unsere aus Anlaß der Wiederkehr von Theodor Herzls 50. Geburtstag (10. Ijar 19. Mai a. c.) erscheinende Herzl-Gedenknummer haben bereits eine Reihe hervorragender Schriftsteller Beiträge zugesagt. — Wir können schon heute konstatieren, daß die Nummer eine ebenso reichhaltige als vornehme Ausstattung erhalten und sich als eine des Anlasses würdige Gedenkschrift präsentieren wird. Wir ersuchen unsere geehrten Leser und Gesinnungsgenossen, insbesondere aber die zionistischen Organisationen und Vertrauensmänner, für eine intensive Verbreitung der Nummer in den weitesten Kreisen nach Kräften tätig zu sein. Die Abonnenten der „Welt" erhalten die Festnummer selbstverständlich kostenlos zugesandt. Der Preis für die Einzelnummer beträgt 50 Pfg. — Zionistischen Vereinen, Vertrauensmännern und Kolporteuren berechnen wir 10 Exemplare mit Mk. 4.60 25 „ „ „ 10. 50 v vt » 1*7. 100 „ n » 30.— Bestellungen (nur gegen Voreinsendung des Betrages oder Nachnahme) richte man an Die Expedition der „Welt" Köln a. Rh., Karolingerring 31. Polnisches Seit einiger Zeit beschäftigt sich die polnische Presse ungemein viel mit der Judenfrage. Diese Frage steht heute in Polen geradezu im Mittelpunkt des öffentlichen Interessen Es handejt sich dabei nicht um die allrussische Judenfrage, die, — von den allgemeinen komplizierten Merkmalen und Erscheinungen, die der „Judenfrage" schlechtweg eigentümlich sind, abgesehen, in erster Reihe eine Rechtsfrage ist, deren Lösung weder von den Juden, noch von den Polen, sondern in der Hauptsache von den Russen abhängt. Hier ist vielmehr die Rede von der spezifisch polnischen Judenfrage, die in der letzten Zeit sehr akut geworden ist. Zwei Erscheinungen fallen auch bei der oberflächlichsten Betrachtung des jüdischen Lebens in Polen in der allerletzten Zeit besonders auf: der rapide wirtschaftliche Niedergang der Juden bei einem allgemeinen ökonomischen Aufschwung, und eine tiefgreifende Verschlimmerung der gegenseitigen Beziehungen von Polen und Juden, die zurzeit geradezu den Charakter einer scharfen Krisis angenommen hat. Beide Erscheinungen hängen selbstverständlich im Innern zusammen, sie lassen sich aber keineswegs restlos auf dieselbe Grundursache zurückführen. Wir können bei der Erklärung der modernen wirtschaftlichen Kalamität der Juden Polens von dem Antisemitismus als primäem Faktor zunächst absehen. Die objektive Entwicklung der Produktions- und Tauechverhältnisse des wirtschaftlichen Lebens Polens hat es bei der exzeptionellen ökonomischen Stellung, die die Juden in der feudalen Epoche eingenommen haben, mit sich bringen müssen, daß der allgemeine Fortschritt ihnen zum Verhängnis wurde. Und hierin liegt der tiefe tragische Sinn dieser wirtschaftlichen Misere, die mehr als eine Magenfrage ist, die vielmehr ein frappantes Symptom unserer unsinnig anormalen Stellung im Völkerkonzert bildet. Das Verhängnis besteht nämlich in diesem Falle darin, daß die Juden in Polen in der Regel die Träger der vorkapitalistischen Wirtschaftsformen sind und deshalb alles Ungemach über sich ergehen lassen müssen, welches die siegreich fortschreitende Großindustrie für das Handwerk und den Pfennighandel mit sich bringt. Im feudal-leibeigenen Polen lag der Handel ausschließlich in den Händen der Juden. Ja, die Juden waren die einzigen Vertreter des dritten Standes überhaupt. Ihnen gegenüber standen einerseits die adeligen Gutsherren mit ihrer souveränen Verachtung für den Handel, anderseits die leibeigenen Bauern, die keinen Zutritt zum Handel hatten. Diese wie jene bedienten sich ruhig der Handelsvermittlung der Juden, und von einem Konkurrenzverhältnis konnte gar nicht die Rede sein. Noch vor wenigen Jahrzehnten waren selbst in den Großstädten keine andern Läden zu finden als jüdische. Unen;behr!ich waren auch die Juden bei der Vermittlung von allerlei Geschäften und Operationen, wie Geldleihen, Kauf und Verkauf von Gütern u. dgl. Auch das Handwerklag im großen und ganzen in ihren Händen. Nach Krziwickys Zählung sind heute noch in Polen 52.5'Yo aller Optiker und Uhrmacher, 46.50/o aller Schneider, und 41.1V aller Schulter Juden. So lebten die Juden in Polen als selbständige, wirtschaftliche Kategorie außer Konkurrenz, und erfüllten zugleich bestimmte, für den allgemeinen ökonomischen Mechanismus unentbehrliche Funktionen. Nun ist es anders gekommen. Die idyllischen Zustände der feuda'en Volkswirtschaft sind längst dahin; jene primitive gesellschaftliche Teilung der Arbeit gehört bereits der Geschichte an. Schon in den siebziger Jahren beginnt die autochthone Bevölkerung, sich dem Handel zuzuwenden. Im Anfang waren es noch schüchterne Versuche; nach und nach fassen aber die neuen Leute immer mehr Boden. Jetzt kommt für den jüdischen Handels: mann die Konkurrenz. Der Kampf ums Dasein wird ihm erschwert, aber noch nicht aufs äußerste getrieben, da sein Konkurrent sich in den gleichen Bedingungen befindet wie er. Allmählich erhebt sich aber ein viel gefährlicherer Feind, die großkapitalistische Produktion. Die Liquidation der feudalen Wirtschaftsordnung geht rasch von statten. Das polnische Volk wird ein Vo.k von Kapital und Arbeit von Handel und Industrie. Die jüdischen Massen, die in den alten Wirtschaftsformen stecken geblieben sind, werden einfach über Bord geworfen. Die Konzentration der Industrie und des Handels bringt Tausende und Abertausende jüdische Handwerker und Kleinhändler ums Brot. Vor allen leidet der jüdische Vermittler. Auch die Post und die Eisenbahn, der Droschkenkutscher und der Dienstmann machen ihn vielfach überflüssig. So erweisen sich die alten Beiufe und Wirtschaftsformen als überlebt; für einen Versuch größerer Massen, sich den neuen Formen anzupassen, erweisen sich aber ungeheure Widerstände. Man stößt nicht nur auf das freie Kräftespiel der — freilich stark