Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 13 (1.4.1910)
- Date
- 1910-04-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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288 . ' . =■ b\E% Die Tagungen der österreichischen Zionisten . In zwei ungemein stark beschickten Tagungen haben die österreichischen Zionisten an den beiden Feiertagen dieser Woche Musterung gehalten. In Wien traten die Delegierten Westösterreichs, in Lemberg die Vertreter der galizischen Organisation zur Beratung aller das Leben unserer Bewegung beherrschender Fragen zusammen. Und als das gemeinsame Resultat dieser zwei Tagungen ergibt sich das Gefühl, daß hier zwei in vollster Entfaltung befindliche Teile der zionistischen Armee, stolz auf ihre Kraft und selbstsicher in der Beurteilung ihrer Aufgaben, ihrer nationalen Zusammengehörigkeit bewußt in der Liebe zu ihrem Volk die schwierigsten und verschlungensten Fragen im vollsten Licht der Öffentlichkeit einer harmonischen Lösung entgegenführten. Die Bewegung wächst von Tag zu Tag, zieht fast dem Auge sichtbar weitere Kreise und sieht sich dementsprechend immer vor neuen Fragen, neuen Aufgaben, die erfüllt werden müssen. Nur das Ziel bleibt immer das gleiche. Wir sind stolz auf die Stärke unserer Idee. Denn es gibt wenig Parteien, die in ihrer Struktur der unsrigen gleichen. Es gibt aber keine, die *es wagen kann, schwerwiegende verantwortungsschwere Probleme, die an das Leben der Nation greifen, in so fruchtbarer Art zu diskutieren. Der Zionismus ist das Selbstvertrauen und die Lebenshoffnung des jüdischen Volkes. Das haben unsere österreichischen Brüder wieder bewiesen. Die IX. Landeskonferenz der galizischen Zionisten Präsident Wolffsohn in Lemberg Lemberg, 28. März. (Orig. Ber.) Zum erstenmal, seitdem der zionistische Gedanke seinen Zug durch unser Land angetreten, wurde uns die Ehre zuteil, den Präsidenten unserer Organisation bei uns zu begrüßen. Herr Wolffsoh n ist von den galizischen Zionisten in würdiger Form bewillkommt worden. Es war ein ungemein feierlicher Moment, als nach der glänzenden Rede, mit welcher Abgeordneter Stand den Parteitag eröffnete, tiefe Stille im Saal eintrat und alles sich von den Plätzen erhob. Als dann Herr Wolffsohn den Saal betrat, brach ein Sturm des Enthusiasmus los, alle Delegierten, die Gäste, alle jubelten dem Führer zu und die Wärme dieses Empfanges mußte es jedem klar beweisen, daß Organisation und Präsident eins sind. Die Anwesenheit des Präsidenten gab der Landeskonferenz ein würdiges und feierliches Gepräge. Die Nachricht von der bevorstehenden Ankunft Wolffsohns hatte sich rasch verbreitet und wiewohl die Parteileitung dem Wunsche des Präsidenten entsprechend die Stunde seines Eintreffens geheim gehalten hatte, fand sich dennoch eine nach vielen Hunderten zählende Menschenmenge am Sonntag früh auf dem Bahnhof ein. Auch die Parteileitung war vollzählig erschienen. Als um 9 Uhr der Wiener Eilzug in den Perron einfuhr und Herr Wolffsohn am Fenster erschien, brauste ihm ein dreifaches Hedad entgegen. Der Präsident des galizischen Zentralkomitees, Abg. Stand, begrüßte den Gast mit einer kurzen Ansprache, worauf alle Anwesenden die „Hatikwah" anstimmten. Dann begab sich Herr Wolffsohn von einigen Parteigenossen begleitet ins Hotel. Der erste Konferenztag. (Vorm. Sitzung.) Sonntag den 27. um 10 Uhr vormittags wurde die IX. Landeskonferenz der galizischen Zionisten im Saale des Vereins „Jad chuzim" in Anwesenheit von 173 Delegierten aus 82 Städten, darunter 16 Mitgliedern des Zentralkomitees, 20 Mitgliedern der vier gaizischen Distrikskomitees und sieben Mitjliedern verschiedener zionistischer Institutionen eröffnet. Reichsratsabgeordneter Adolf Stand, Präsident der galizischen Landespartei, eröffnet die Konferenz mit einer Ansprache, in welcher er hervorhob, daß die IX. Konferenz [E LT , ~— No. 13 in Galizien auf den IX. Kongreß folge und deshalb von besonderer Wichtigkeit sei. Der Konferenz werde eine Reihe von überaus wichtigen Fragen zur Verhandlung vorgelegt werden und Aufgabe der Delegierten werde es sein, in Würde und Sachlichkeit die Debatten zu führen. Hierauf wies Abg. Stand darauf hin, daß die Konferenz in diesem Jahre unter anderen Umständen tage als ihre Vorgänger. „Wir haben das Vergnügen, sägte der Vorsitzende, den Präsidenten unserer zionistischen Weltorganisation, Herrn David Wolffsohn, in unserer Mitte zu begrüßen, welcher hergekommen ist, um Zeuge unserer Arbeit zu sein. Er wird — wie es Pflicht eines Präsidenten ist — an unserer Konferenzarbeit teilnehmen, um sich an Ort und Stelle ein genaues Bild über den Stand der Bewegung in Galizien zu machen". (Beifall.) Zum Schlüsse widmete der Vorsitzende den im Laufe des Jahres verstorbenen M. E. Lilienblum und Dr. Rubin wie auch den engeren Parteimitgliedern Feiwei Rohatyn, Osias Fadenhecht, Frau Amalie Oranche, Salomon Ochs, Josef Querbach, Moses Lindenbaum, Appel und vielen anderen verstorbenen Parteigenossen warme Worte des Nachrufes, welche von der Konferenz stehend angehört wurden. Hierauf wurde die Wahl des Konferenzpräsidiums vorgenommen. Es wurden per Aklamationen gewählt: Reichsratsabg. Adolf Stand zum Vorsitzenden, die Herren Dr. Osias Thon (Krakau), Dr. Gerson Zip per (Lemberg), Dr. Samuel Schurr (Stanislau) und Salomon Seelenfreund (Rymanow) zu dessen Stellvertretern. Der Vorsitzende berief ins Präsidium zu Sekretären die Gg. Dr. Emil Sommerstein (Lemberg) und Samuel Pilzer (Krakau) Zum ersten Punkte der Tagesordnung „Der Tätigkeitsbericht des Z.-K.", nahm das Wort der Vizepräsident des galizischen Zentralkomitees, Dr. Michael Ringel, welcher eigentlich die Agenden des Zentralkomitees, da doch der Abg. Stand seines Mandates wegen die größere Hälfte des Jahres in Wien zubringen muß, mit aufrichtiger Hingebung geleitet hat. In einem rein sachlichen und ungeschminkten Referate führte Dr. Riegel vor, was das Z.-K. im Verlaufe von 11 Monaten geleistet hatte und leisten konnte. Das Zentralkomitee lies sich in seiner Tätigkeit von folgenden drei Gesichtspunkten leiten, welche ihm von der VIII. Landeskonferenz vorgezeichnet wurden: Landespolitik, Palästinaarbeit und innere Parteiarbeit. Viele Parteigenossen haben in jener Zeit, als die Partei in den politischen Kampf in Österreich eingetreten war, die Befürchtung ausgesprochen, daß die politische Tätigkeit die palästinensische verdrängen werde. Das Zentralkomitee hätte aber Gelegenheit gehabt, wahrzunehmen, daß die politische Gegenwartsarbeit in Österreich nicht nur der Palästinaarbeit keinen Abbruch getan, sondern vielmehr sie gefördert habe. In bezug auf die innere Parteitätigkeit habe die Leitung derselben die innere Konsolidierung der Partei erstrebt und suchte in innigere Fühlung mit den zionistischen Organisationen in den Nachbarländern, vorzugsweise mit denen Westösterreichs und der Bukowina, zu treten, was auch vollkommen gelang. In seinen weitern Ausführungen erklärt der Redner loyal, daß die Pai teitätigkeit nicht bloß der Initiative des Zentralkomitees zuzuschreiben sei, sondern auch vieles unabhängig, aber im Einverständnisse mit demselben von einzelnen Personen oder Gruppen ausgegangen sei, und vieles verdanke man der Mitwirkung der ganzen Judenheit des Landes. In diesem Sinne sei auch der Tätigkeitsbericht aufzufassen und zu betrachten. In Ziffern illustriert dann der Referent den Stand der Bewegung und führt aus, was die Parteileitung auf einzelnen Gebieten geleistet hat Im Berichtsjahre ist der hebräische Schulverein gegründet und an dessen Spitze das bewährte Zentralkomiteemitglied Salomon Schiller gestellt worden. Unser Verhältnis zu den andern Parteien innerhalb des Judentums ist dasselbe geblieben. Mit den — wie wir sie nennen möchten — Altassimilanten könnten wir schon fertig werden. Wir haben aber mit einem andern heimtückischen Feinde zu kämpfen, nämlich mit der polnischjüdischen Goldmanowka-Partei. Die Parteileitung war bestrebt, eine gemeinsame Plattform für ein Zusammengehen mit der poalezionistischen Fraktion zu finden. In letzter Zeit gelang es tatsächlich, ein gemeinsames Komitee einzusetzen, welches die Aufgabe hat, ein gemeinsames Tätigkeitsprogramm, insbesondere für das Oppenheimersche Siedlungsprojekt, auszuarbeiten. In bezug auf die Misrachifraktion meint der Referent, daß diese ein Luxus für Galizien sei, da sich die Orthodoxen leicht innerhalb der gesamten galizischen Partei organisieren lassen, ohne daß ihre religiösen Gefühle verletzt werden. Auf politischem Gebiete hat die Partei eine Art Mobilisierung und Manöver vor dem kommenden großen Kampfe vorgenommen, nämlich während der Ergän*ungswahl in den österreichischen Reichsrat**im Wahlbezirke Böbrka-Bolarowce, wo zwar der Kandidat der jüdisch-nationalen Partei durchgefallen ist, jedoch ein großer moralischer Erfolg erlangt wurde. Im allgemeinen ließ die Leitung kein Moment aus dem Auge, um das jüdische