Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 13 (1.4.1910)
- Date
- 1910-04-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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286 DIEIqKELT : No. 13 eigenen Mitteln beteiligt haben, ist bis zum heutigen Tage eine verschwindend geringe geblieben. Die P. L. D. C. zählt in ganz Deutschland nur etwa 3Q0 Aktionäre, und doch kann heute niemand mehr, welcher Richtung er auch angehöre, die absolute Notwendigkeit dieser Gesellschaft für das Gelingen einer systematischen Kolonisation in Abrede stellen. Auch für das Gedeihen der geplanten Agrarbank ist die Tätigkeit der P. L. D. C. von eingreifendster Bedeutung. Da bisher die Möglichkeiten, auf gesunder Basis agrarischen Kredit zu gewähren, nur außerordentlich * beschränkt sind, so wird eine Agrarbank für größere Summen nur dann ein Betätigungsfeld finden, wenn es bis dahin der P. L. D. C. gelungen sein wird, die Mittel für eine Kolonisation großen Stils aufzubringen und so einen kreditwürdigen Interessentenkreis zu schaffen. Gesinnungsgenossen! Die politischen Verhältnisse des Orients, die schnelle wirtschaftliche Entwicklung Palästinas dulden nicht länger einen Aufschub unserer Arbeit. Nur unter großen Opfern, unter Anspannung aller unserer Kräfte werden wir verhindern können, daß der Boden von Erez Israel in fremde Hände gelange. Darum gilt es ohne Zögern zu handeln. Hier ist ein Weg, der zum Ziele führt! Hat. doch die preußische Regierung nach demselben System während 15 Jahren in den Ostprovinzen 125 000 Menschen sesshaft gemacht! Laßt uns sorgen, daß im weit fruchtbareren Palästina gelinge, was in Preußen möglich war. Laßt uns zeigen, daß die deutschen Zionisten die Einsichtigsten und Opferwilligsten sind! Palästina braucht nicht nur Pjoniere der Arbeit sondern auch des Kapitals! Das Zentralkomitee der zionistischen Vereinigung für Deutschland. Rechtsanwalt Dr. M. J. Bodenheime r, Köln a. Rh. Dr. A. Friedemann, Berlin. Rechtsanwalt Gronemann, Berlin. Dr. Georg Halpern, Hamburg. Rechtsanwalt Dr. Arthur Hantke, Berlin. Dr. Max Jungmann, Berlin. Dr. Ernst Kalmus, Hamburg. M. Kaufmann, prakt. Arzt, Freiburg i. Br. Rechtsanwalt Dr. Alfred Klee, Berlin. Rechtsanwalt Dr.- Max Kollenscher, Posen. Rechtsanwalt Dr. Eduard Leszynski, Berlin. Zahnarzt Hugo Schachtel, Breslau. Julius Simon, Mannheim. Fritz Sondheim er, Frankfurt a. M. Rechtsanwalt Hans Steinitz, Berlin. Hermann Struck, Berlin. Arnold Wiener, Kattowitz. Max Wollsteiner, Berlin. Franz Oppenheimer in Kairo Gelegentlich der Anwesenheit unseres Gesinnungsgenossen Dr. Franz Oppenheimer, der sich auf dem Wege nach Palästina befindet veranstaltete am 20. März der zionistische Verein,, Aha wath - Sion" in Kairo eine große Versammlung im Theatre ßgyptien. Vor dem zahlreich erschienenen Pub.ikum, das den Theaterraum füllte und den Redner mit lebhaftem Beifall begrüßte, führte Herr Dr. Oppenheimer etwa folgendes aus: Er fühle sich hier auf den Spuren Mosis wandelnd, — auf dem Wege von Mizraim nach Palästina.- Damals wie heute gelte es, aus einem zersprengten Volk von Wanderern ein geschlossenes Volk mit e ner Heimat zu machen. Wenn zu den Zeiten der Pharaonen die Juden zu Sklaven gemacht worden seien, so würden sie heute in Rußland und Rumänien verfolgt und entrechtet. Es sind gewaltige Schwierigkeiten zu überwinden, um den zionistischen Plan zu verwirklichen. In einem Lande, das bis heute eine Rechtsordnung irn europäischen Sinne nicht kennt, wollen wir ein Volk von Handwerkern und Händlern zum Ackerbau zurückführen. Doch bietet gerade Ägypten ein Beispiel, wie man die Schwierigkeiten einer Massenansiedlung überwinden kann, denn durch rationelle Methoden ist es ermöglicht worden, auf den 20 000 bebauungsfähigen Quadra'kilometern Ägyptens 12 Millionen Menschen anzusiedeln. — Unser Ziel ist, in Palästina eine jüdische Mehrheit zu schaffen, die unter freiheitlichen Gesetzen Selbstverwaltung haben wird. Dazu brauchen wir keine Autonomie und keine Sprengung der Türkei, vielmehr wünschen wir ihre Einheit zu erhalten. Der erste Satz, den wir uns einprägen müssen, lautet: Wer das Land beackert, gibt dem Lande seine Nationalität. Wir wollen nicht jüdische Plantagenbe itzer schaffen, sondern jüdische Kleinbauern, damit das Land jüdisch wird, und weil so die höchste Dichtigkeit der Bevölkerung erreicht werden kann. Unser zweiter Hauptsatz lautet: Wer Städte gründen will, muß Bauern schaffen. Gewiß wollen wir die Förderung der Industrie im Auge behalten. Aber in erster Linie kommt für uns die landwirtschaftliche Kolonisation in Betracht, deren Ausdehnung ganz von selbst zur Bildung von Industrien führt. Es haben bereits Versuche stattgefunden, in Palästina zu kolonisieren (Rothschild, Ica), und aus diesen Versuchen hat sich ein gedeihender Keim jüdischer Kolonisation entwickelt. Wir wollen uns aber nicht damit begnügen, ein paar tausend Menschen zu helfen. Unser Ziel ist vielmehr die Hebung der jüdischen Misse. Hierfür reicht das bisher angewandte Wohltätigkeitssystem nicht aus, denn wir brauchen viele Hunderte von Millionen, die nur auf dem Wege der Anleihe, nicht durch Gaben einzelner Wohltäter, beschafft werden können. Deshalb ist es unsere Aufgabe, die Kreditbasis zu schaffen, die uns die Aufnahme großer Kapitalien ermöglicht. Diese Kreditbasis kann gewonnen werden, wenn mein vom IX. Zionistenkongreß akzeptierter Vorschlag realisiert wird, eine Siedlungsgenossenschaft zu errichten. Wir wissen heute, daß der Großbetrieb in der Landwirtschaft auf die Dauer unhaltbar ist. Seine Vorzüge gegenüber dem Kleinbetrieb sind zwar unbestreitbar, da im Großbetrieb alle modernen Fortschritte der Technik verwendet werden können, die Aufnahme neuer Kapitalien erleichtert ist und gewöhnlich intell gente Kräfte in der Leitung: des Betriebes tätig sind. Das Grundübel liegt aber darin, daß im Großbetrieb der landwirtschaftliche Arbeiter kein Interesse an dem Gedeihen des Gutes hat und durch die fortschreitende Industrialisierung vom Lande fortgezogen wird. Der kleine Besit;er dagegen steckt seine ganze Arbeitskraft in seinen Boden, so daß heute der Kleinbetrieb als die überlegene Form der Bewirtschaftung zu betrachten ist. Wenn es nun gelänge, die irn Kleinbetrieb tätige interessierte Arbeitskraft des Bauern zu verbinden mit den höhern Formen der Bewirtschaftung im Großbetrieb, so wäre dies die glücklichste Lösung. Eine solche Verbindung ist in der landwirtschaftlichen Genossenschaft möglich. Wir wollen jedoch nicht mit der Genossenschaft in ihrer höchsten Form beginnen, sondern zunächst nur einen Großbetrieb einrichten, bei dem die Arbeiter starke Gewinnbeteiligung erhalten, — bis sie durch ihre Ersparnisse in der Lage sind, die nötigen Anzahlungen zu leisten und dann das Gut genossenschaftlich zu übernehmen. Die letzte Stufe der Entwicklung ist die Siedlungsgenossenschaft, die mit der Ansiedlung von Handwerkern und Vertretern freier Berufe bei ständig wachsender Intensivierung der Bewirtschaftung entsteht. Dies ist der Plan, der keine Utopie bedeutet, sondern die Anwendung längst erprobter Metho ien. Ich bitte Sie, diesem Plan, dem der Zionistenkongreß, die Vertretung des ganzen jüdischen Volkes, zugestimmt hat, Ihr Interesse zuzuwenden. Nachdem der laute Beifall der Versammlung sich gelegt hatte, übertrug Herr Dr. H. G. Heymann-Berlin die Rede ins Französische. Der Vorsitzende des Ahawath-Sion, Herr Sansoni, fügte einige Erläuterungen im Jargon hinzu. Zum Schluß dankte Herr Dr. Mosseri im Namen der Versammlung dem Redner des Abends und schloß die Versammlung. Die zionistische Jugend, die sich im Hintergrunde des Saales versammelt hatte, stimmte „Hatikwah" an, und die Versammlung lauschte stehend der alten Melodie unseres Volkes. Der Vortrag hat, wie die sympathische Stellungnahme der allgemeinen Presse beweist, dem zionistischen Leben Kairos sicherlich einen mächtigen Impuls gegeben, und man darf hoffen, daß auch eine gewisse finanzielle Beteiligung hiesiger Kreise dadurch gewonnen werden wird.