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Die Welt · 1910-04-01 · 13 (1.4.1910) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
13 (1.4.1910)
Date
1910-04-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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284 -- DIE E spricht zu ihnen in ihrer Lichtsprache und sagt: „Liebe Kinder, da breite ich unter euch warme Kissen und über euch ein Gewand von Licht, erhebt doch eure Köpfe zu mir, sitzet so und es sei euch wohl! Kostet den Geschmack" des Lichts! Sollt auch ihr ein wenig Wärme kennen!" Und noch mehr: Sie beschreitet das Zimmer des Rabbi, seines Vaters, mit mancherlei Spiel und sanftem Tun, bis sie sogar ihn aus seiner finstern Enge aufmuntert, und siehe da: Er gibt seinem kleinen Sohne Jecheskel eine Stunde Freiheit, damit er spielen gehe; — er geht hinaus, und aus jenem Fenster blickt Fradel, ihr Haupt voll goldener Lichtflecke und in seltsames Sonnenleuchten ihr Gesicht getaucht . . . Groß und majestätisch ist solche Abendsonnenstunde in Jerusalem, wenn sie die heilige Stadt mit feurigen Mauern und Bergen krönt, und Rabbi Jecheskel pflegt dann auch hinauszugehen, um zwischen den Bergen zu lustwandeln. Doch vor ihm steigt eine andere Dämmerung auf, ärmlich und blaß, Jünglinge gehen aus dem Bethamidrasch, um auf dem Felde zu lustwandeln, reine Luft zu atmen, sie ergehen sich in angenehmen Gesprächen, — und auch er ist unter ihnen ... Und am Abhänge des Berges hört man die kleinen Schritte der hübschen, anmutigen Töchter des Städtchens, zwischen dem Grün wandeln sie und ihre Köpfe ragen hoch. Dann eröffnet eine von ihnen ein Lied, und er vermeint die Stimme Fradels zu hören: Und sie schicken ihn in die Ferne, Wo ihm eine große Mitgift winkt — Denn so ist's seines Vaters Wille, Der ihn zum Gehorsam zwingt. Er kehrt zu dem reichen Hause seines Schwiegervaters zurück, und je mehr er dort in die Tiefen der Torah sich versenken will, desto mehr schwimmt er in Sehnsucht nach Fradel. Er öffnet die Gemara und beginnt zu lesen; da streicht das Trällern seiner eignen Stimme an sein Ohr und erinnert ihn an einen schönen Sommertag: Sabbat nach demMittagsschlummer. — Er liest seine Lektion vor seinem Vater und weiß, daß Fradel dort hinter dem Fenster sitzt — und jedes Wort, das während des Lernens von seinen Lippen kommt, ist wie ein Segensgruß an sie. Dann bringt sie vor ihn und den Rabbi Früchte, die ihre Mutter zubereitet hat, denn diese bediente sie beide, seit seine Mutter — Friede sei mit ihr — gestorben. Und die .Kirschen sind rot und beider Gesichter, seines und Fradels, spiegeln sich auf ihnen und schweben über jeder einzelnen. ... Die labenden Kirschen sind aufgegessen, die Stimme unterbrochen — und Fradel ist nicht mehr da . . . Und eines Tages kam irgend ein Abgesandter aus den Golusländern nach der heiligen Stadt, und er brachte auch einen Brief für den Eidam des berühmten edlen Mannes. Sein Vater teilt ihm unter anderm mit,' daß mit Gottes Hilfe Fradel, in guter und glücklicher Stunde, ihren Gatten, gefunden und mit ihrer Mutter in eine andere Stadt übergesiedelt sei, und jetzt führe ihm die Frau des Gemeindedieners Küche und Hauswirtschaft, und diese sei auch mit ihrem Manne in jene Hofwohnung gezogen — wo Fradel so viele Jahre zusammen mit ihrer Mutter gelebt. Er wendet den Brief nach allen Seiten und betrachtet ihn genau. Er liest ihn nach vorne und nach rückwärts — und sieht dann nichts. Die Buchstaben sind verwischt und an ihrer Stelle blieben Flecke — Tränenflecke. Aus [ELT No. 13 wessen Augen stammen sie? Sind es Tränen Fradels? Gott bewahre! Diese Keusche hat von dem Tage an,, da sie an einen andern vermählt und Eheweib geworden ist, nichts mehr mit ihm zu tun, keine Beziehung bestetit zwischen ihnen, sie ist an ihren Gatten gebunden. Vor seinen Augen ersteht irgend eine Fradel, den Kopf in ein weißes Seidentuch gehüllt — Fradel, das Eheweib ... Und seine Gefährtin, wo ist sie? Manchmal geht . ein junges, bleiches Weib an ihm vorüber, rasch und flüchtig, ihr Gesicht nach einer andern Richtung kehrend. Wer ist sie? Aber ist es denn die Gewohnheit Rabbi Jecheskels, nach dem Weibe zu fragen? Und jene Tränenflecken auf dem Briefe vergrößern und vermehren sich. Sind es seine Tränen? — Lange Tage hat er doch nicht mehr geweint. Sein Herz hatte der Gram ergriffen, der Schmerz zusammengepreßt, und er fand keine Träne. Dürr und matt wurden die Augen, die ehemals im Glänze der Torah geleuchtet. Und die Jeschiwah beginnt sich von Tag zu Tag zu leeren — er weiß es nicht. .. Alle merken, daß die Seele Rabbi Jecheskels — Gott erbarme sich — verdunkelt ist. Da sah Rabbi Achieser, daß ihm nichts von all seiner Mühe gelungen sei. Kein Segen waltet über seiner, Hände Werk. Auch der Ehebund ist nicht gelungenr — seine Tochter ist gar nicht mehr, was sie frühe gewesen, verschämt und scheu flieht sie die Menschen« — und er verstand, daß dies überhaupt keine Ehe ist- Stumm steht das Paar vor dem Rabbi, ihre Blicke zu Boden gerichtet — den Scheidebrief übergibt Rabbi Jecheskel seinem Weibe. Und wie er sie nicht in der Stunde ihrer Vermählung gesehen, so blickt er sie auch jetzt nicht an, in der Stunde ihrer Scheidung. Und wie sie seine Stimme nicht gehört, als er unter dem Trauhimmel zu ihr sagte: „Siehe, nun bist du mir angetraut!" so hört sie auch jetzt seine Worte nicht: „Siehe, nun bist du geschieden!" „Wer sein erstes Weib verstößt, über den vergießt der Altar selber Tränen!" Hier aber hat der Altar schon im voraus seine Tränen vergossen, damals, als er'sie zum Weibe genommen . . . Und an dem nämlichen Tage hat Rabbi Achieser mit seiner Tochter Jerusalem verlassen. Nicht war ihm seine Jeschiwah gelungen, nicht seine Reformen. Er geht beschämt und gebeugten Geistes von dannen. Das Palasthaus geschlossen, die Jeschiwah, auch das Gebetshaus verlassen, und jene Betgemeinde, die sich bis jetzt immer zu Ehren des Edlen gesammelt, sie kommt schon zum ersten Minchahgebet nicht mehr zusammen. VI. Und in derselben Nacht, da der. Rabbi saß und lernte, schlummerte er ein wenig über der Gemara ein. Plötzlich erwachte er unter heftigem Zittern. Denn er hatte ein Traumgesicht gehabt, daß man im Himmel über ihn beschloß, hinzugehen und eine Mengeirrender Seelen zu suchen — und das verstörte sein Gemüt. Am Morgen ließ sich der Rabbi über seinen Traum trösten und verbrachte dann fastend den ganzen Tag. Aber in der folgenden Nacht sah er all jenes noch einmal — und noch mehr. Hinzu kam eine gewaltige und schreckliche Erscheinung: Ihm war es, als ob er die Schechinah gleichsam in Gestalt eines schönen

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