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Die Welt · 1910-04-01 · 13 (1.4.1910) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
13 (1.4.1910)
Date
1910-04-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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selbst ist schon der Sprache und bis zu einem gewissen Grade dem Inhalte nach ein Produkt der beginnenden Assimilation, Und der erste, der das erste Gezetz der Assimilation formulierte, war Mar Samuel (180—257), der den Sat^ aufgestellt hat: Dina Mälchuta dina (die Gesetze des jeweiligen Landes sind bindend für die Juden). Und seitdem hat die Assimilation ja wohl einige Fortschritte gemacht, was wohl alle zugeben werden. Nun, wird denn dadurch alles geändert, daß man sich als Zionist erklärt? Im besten Fall kann man dis Bewußte der Assimilation von sich losstreifen, und das mit welcher Mühe, aber doch nicht die vom Milieu geschaffene Assimilation. Oppenheimer hat aber in seinem Artikel auch die Entwirrung des Rätsels, die Lösung des Problems angegeben. Das volle Nationalbewußtsein kann nur in eigenem sozialem Milieu, inmmitt:m des eigenen Kulturschaffens (nicht bloß Kuiturkonserv?erung) entstehen. Und deshalb hat Oppenheimer recht, wenn er schreibt: „Die meisten von uns, die allermeisten, nennen sich Nationaijudjh auf Grund eines Mißverständnisses", — nicht bloß in Anwendung auf die West-, sondern auch die Ostjuden. Und mit gesundem, lebensstrot^endem Instinkt erklärt Oppenheimer: gibt mir in Palästina ein kulturschaffendes Judentum, dann werdeich dort ein Nationaljude werden, denn er wird nicht bloß Hebräisch reden, sondern auch Hebräisch leben, nicht bloß die nationale Würde hochhalten, sondern auch nationale Werte mitschaffen. Und da liegt der Hund begraben; manche von uns meinen, es genüge, die nationale Würde hochzuhalten, um Nationaljude zu sein. Aber neinl Dazu genügt nicht einmal, die aus der Vergangenheit stammenden, nationalen Werte zu konservieren, sondern dazu gehört vor allem das fortwährende Schaffen neuer nationaler Werte. Und das ist ohne ein normales, ganzes Volksleben unmöglich. Des.ialb können wir hier im Gölus keine ganzen Nationaljuden sein. Wo liegt also der Unterschied zwischen dem Ost- und Westjudentum? Abgesehen vom sozialen Moment, d. i. abgesehen davon, daß für den Ostjuden der Zionismus vor allem eine brennende Emigrationsfrage ist, kann der Un!erschied nur in folgendem bestehen: der Ostjude ist mehr verbunden mit den in der Vergangenheit geschaffenen national-jüdischen Kulturwerten, und deshalb ist sein Verlangen nach der schaffenden Fortsetzung der eigenen Kultur viel intensiver als bei dem Westjuden, der schon so ziemlich unsere Vergangenheit vergessen hat. Deshalb ist der Ostjude auch ungeduldiger; er sieht, wie ringsherum die jüdische Kultur zerfetzt und zerbröckelt wird, und deshalb möchte er schneller ein schaffendes Kulturzentrum in Palästina haben. Deshalb kann und will er nicht mit Nordau warten. Und umgekehrt: je mehr sich in Palästina eine jüdische Kultur in einem jüdischen sozialen Milieu entwickeln wird, desto mehr wird sich sogar bei den Westjuden zuerst das Verständnis und dann das Gefühl für die jüdisch-nationale Kultur entwickeln. Desto mehr werden wir alle potentielle Nationaljuden werden, desto intensiver wird in uns das Verlangen nach wirklichem Nationaljudentum, das nur in Palästina entstehen kann, werden. Und nun frage ich: Wodurch hat sich Oppenheimer am Zionismus versündigt? Daß er offen die Wahrheit ausgesprochen hat? Daß er offen erklärt, er fühle sich vorläufig hur Stammesjude? Ja, wodurch sind die andern besser? Doch nur in der Phrase, aber nicht in der Tat. Die Phrase hat aber gar keinen Wert. Es gibt nur eine Art, gegen Oppenheimer zu protestieren: nach Palästina zu gehen und dort jüdisch-originelles Leben zu schaffen. Aber das will und tut Oppenheimer selbst. Er drängt darauf, sofort originelle Formen jüdisch-sozialen Lebens zu schaffen. X)ffen gestanden: ein sich nur Stammesjude nennender Zionist, der nach Palästina geht, um dort Neues zu schaffen, ist mir unendlich lieber als der im Golus hockende Zionist, der im Vollbrusitone nationale Phrasen in die Welt hinausschreit. Und mögen es sogar waschechte Assimilanten sein, die Steine zum Bau eines jüdischen Gemeinwesens in Palästina zusammentragen. Dort wird mit der Zeit schon echtes Nationaljudentum entstehen. Jedenfalls können wir uns wünschen, daß wir in unsern Reihen recht viele Oppenheimers besitzen, obwohl sie sich bloß Stammesjuden nennen. Wer da aber haarspaltende, theoretische Konstruktionen aufstellen will, der vergißt das wirkliche Leben und klammert sich an das Wort. Was man gewöhnlich heutzutage als Nationaljudentum bezeichnet, ist entweder ein schon in Zersetzung begriffenes Surrogat oder aber eine dekadent-dilettantische Phrase. [§(}□□□□□□ o y^^^^^^g^J IL L E T 0^_J^^^^^^^^) § lj SEELENVERBANNUNG (Eine Geschichte aus dem heiligen Lande) Aus dem Hebräischen des Seh. J. Agnon übertragen von Ernst Müller (Schluß) Und Dinah? Einsam sitzt sie in ihrem Zimmer. xManchmal stiehlt sie sich ein wenig fort, zu jener Ecke, wo Ben Uri gesessen und an seinem Werke gearbeitet hatte. Und wenn der Tag sich neigt und die Abendschatten kommen, dann wiederholt sie seine süßen Weisen. Und irri Verborgenen weint ihre Seele, weint und ergießt sich in den Melodien. Lebte doch noch ihre Mutter, die Wunden ihres Herzens zu besprechen! Verwaist ist sie, arm, einsam, elend, elender als irgend ein Weib der Welt ... Einmal ging Rabbi Jecheskel an diesem Orte vorüber und, wie zufällig, hört er eine Stimme aus dem leeren Zimmer kommen. Da will er stehen bleiben und horchen, aber sogleich erinnert er sich, daß man ihm erzählte, diese Stimme komme nicht von Fleisch und Blut, sondern jene Geister, welche der Mundhauch Ben Uris geschaffen, als er noch dagesessen und Lieder dem Asasel gesungen, — sie hausen hier im leeren Qemach und singen, und wer seine Seele hütet, halte sich von hier entfernt. Seit damals, wenn er an diesem Platz vorübergehen soll, stiehlt er sich von dannen und wendet sich zur Seite, damit seine Ohren nicht, Gott verhüte es, etwas von den Melodien jener Geister in sich aufnehmen ... Er geht in sein Zimmer, um allein zu sein, und sofort steigt sein kleines Städtchen in seiner Erinnerung auf mit den niedrigen Häusern: Die Sonne neigt sich zum Untergang, Reihen, Reihen von Häuschen, und darüber breitet der blaue Himmel ein hohes, unbegrenztes Dach. Und hinter dem alten Bethause wälzen sich junge Kinder auf dem grasbewachsenen Hügel, und die allerbarmende Sonne kost sie, tritt zwischen die Kinder, 2*

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