Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 13 (1.4.1910)
- Date
- 1910-04-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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282 DIE^KELT No. 13 Umgebung auch das innere Wesen sich änderte, wer dürfte daran zweifeln, daß unsere Brüder im Osten, sobald ihre Wirtsvölker sich zu der politischen Reife und Freiheit der Westvölker durchgerungen haben, eben so schnell die Kultur ihrer Umgebung annehmen würden, um dann so jeden Zionismus überflüssig zu machen, um so mehr, als die psychische Energie der Juden in Rußland derjenigen der Russen unendlich viel näher steht als ihre Korrelate im Westen. Oder leugnet Oppenheimer die Möglichkeit eines Völkerfrühlings für den Osten? Aber auch die positiven jüdischen Kulturleistungen der Ostjuden sind, soweit sie nicht ins Gebiet der Religion hineinreichen, erst jüngsten Datums, mit durch den modernen Zionismus geboren, können also nicht jenen fundamentalen Gegensatz zu den jüdischkulturlosen Elementen des Westens bilden. Denn eine positive jüdische Kultur ohne jene Halbheiten und notwendigen Verrenkungen, eine positive Kultur, die der einzige wesentliche Ausdruck der.spezifischen jüdischen Energie, des Stammes&ewußtseins ist, ist nur möglich in einer freien jüdischen Gemeinschaft, auf selbsterrungenem, eigenem Boden, in selbsterrungener geistiger und seelischer Freiheit. Ein wirkliches Stammesbewußtsein der Juden des Westens kann sich also nur äußern in dem Wunsche und in dem Versuche, für sich selbst ebenso wie für die andern ein jüdisches Zentrum zu schaffen, dessen Ausdruck in lebendiger Kraft eben allein jüdische Kultur sein kann. Ein anderes ist es, wenn etwa Oppenheimer ausdrücken wollte, daß vermöge der verschiedenen äußeren Lebensbedingungen der Ost- und Westjuden für eine Besiedelung Palästinas zunächst in der Hauptsache — so weit es sich um Massenbesiedelung handelt — nur die Juden des Ostens in Betracht kämen. Das können wir ihm ohne weiteres zugeben; damit aber würde Oppenheimer offene Türen einrennen, da brauchte es nicht dieser scharfsinnigen und doch so halsbrecherischen Differenzierungen der zionistischen Empfindungen. Man fragt sich auch, ob etwa Oppenheimer dem Zionismus einen Dienst leisten wollte dadurch, daß er ihn nach dem Ge~ schmacke und der jüdischen Trägheit der Westjuden modifizierte. Durch diese Verwässerung des Zionismus würden die Östler nur vor den Kopf gestoßen — und gerade das wollte ja Oppenheimer durch seinen Friedensruf verhindern — würde dem Zionismus überhaupt, und praktisch zunächst dem Zionismus der Westjuden, jene natürliche Stoßkraft und Festigkeit genommen, die für die Massen in einem absoluten Ideale besteht. „Ideal" kann man aber nicht eine Bewegung nennen, die den innersten Kern der Idee für das Bewußtsein ihrer Anhänger leugnet. Das tut aber Oppenheimer mit der Konstruierung seines schemenhaften Begriffes des gegenwarts- und zukunftslosen Stammesbewußtseins. Nationales Schaffen und nationale Phrase Von Dr. D. Pasmanik Es scheint, daß Oppenheimers Artikel „Stammesbewußtsein und Volksbewußtsein" viele Zionisten sehr unangenehm berührt hat. Ich habe den Artikel genau gelesen und fand nichts daran auszusetzen. Ein wahres Wort, das den Lebenstatsachen vollauf entspricht. Oppenheimer konstatiert einfach das, was das Leben im Verlaufe der letzten 150 Jahre geschaffen hat: die Zerrissenheit der jüdischen Seele. Er irrt nur in einer Beziehung: auch innerhalb des östlichen Judentums ist die Zerrissenheit da, in viel stärkerm Maße, als man es gewöhnlich zugesteht. Auch im Osten findet man zahlreiche Rassenjuden, die ihrem ganzen Denken und bewußten Fühlen sowie ihrer Wiliensrichtung nach eher Russen als Juden sind. Dasselbe konstatiert man in Galizien und sogar in Rumänien. Oppenheimer hat eben nur eins beschreiben wollen: den Zionismus eines assimilierten Juden. Ja, hat er denn das zionistische Ideal als eine historisch begründete und von unbewußtem Volksgefühl geschaffene Wesenheit definieren wollen? Keineswegs. Und wir müssen zugestehen, das offenherzige Wort Oppenheimers ist viel mehr wert, als die Sentimentalitätsiuselei mancher Philisterzionisten. In dieser Offenheit liegt Kraft und zeigt den Weg zur Besserung, denn sie deckt das Übel auf. Und dieses Übel ist die Zerrissenheit der jüdischen Seele. Worin besteht diese Zerrissenheit? Doch nur darin, daß der Jude überall ohne Ausnahme weder Volljude noch Voll-Nichtjude ist. Da gibt es massenhafte Abstufungen, aber der orthodoxeste Nationaljude aus dem Ghetto ist schon kein Volljude, er spricht eine fremde Golussprache, er betätigt sich in einem fremden sozialen Milieu, er ist nicht mit der ganzen jüdischen Vergangenheit verbunden, die ja nicht bloß aus Talmud, sondern auch aus Prophetenlehren besteht, nicht bloß im Tempel, sondern auch auf den Bergen und in den Tälern Palästinas geschaffen wurde. Deshalb — wegen der innern Zerrissenheit — kann es eben geschehen, daß orthodoxe Juden Gegner des Zionismus sein können. Noch mehr: sogar in Palästina selbst lastet noch das Golus zentnerschwer auf dem dortigen Judentum. Nicht bloß auf den Chalukahjuden und nicht nur auf den dahinvegetierenden Juden Jaffas, sondern auch auf den Zionisten! Da ein Beispiel für Hunierte: Es handelte sich darum: wie sollen die Juden ihre innern Zwistigkeiten schlichten, — vor eigenen auf Grund des jüdischen Rechtes urteilenden Richtern oder aber vor den türkischen Richtern. Und da waren es Zionisten, die zu schreien begannen, man solle ja nicht die Rabbiner als Richter anerkennen. Statt durch das Leben das jüdische Recht weiter zu entwickeln,, wie es die babylonischen Juden vor 14—16 Jahrhunderten taten, statt nationale Werke mitzuschaffen, verlangten palästinensische Zionisten fremdes Recht! Für den Tieferblickenden gewinnt diese Tatsache eine immense Bedeutung, denn sie beweist am besten, wie weit wir vom nationalen Schaffen entfernt sind. Aber da handelt es sich um das Ende der Stufenleiter. Aber steigen wir sie hinunter. Was finden wir da? Bleiben wir bei den Zionisten. Ja, wie viele von uns sind ganz Juden, wie viele von uns kennen das Jüdisch-Nationale, die Sprache, die Literatur, die Geschichte, die geistige Evolution? Und wie viele von uns leben in und aus dem Judentum? Aber ein ganzes Judentum gibt es gar nicht, es muß erst geschaffen werden, denn ihm fehlt vor allem die soziale Basis. Wir sind alle mehr oder weniger assimiliert ohne Ausnahme, wenn wir sogar alle chassidischen und sonst orthodoxen Rabbiner hinzurechnen, denn wir schaffen nichts Jüdisches, denn wir können im Golus nichts schaffen. Überlege man, was man bei uns jüdische Kultur nennt! Da kommt man und gibt deutsche Übersetzungen von chassidischen Legenden und JargDndichtun^eti heraus, und man meint, das sei jüdische Kultur. Oder aber sind jüdische Kultur all die Werke unserer Jargonschriftsteller,' die im besten Falle eben die Zerrissenheit der jüdischen Golusseele schildern! Und nicht einmal das Schaffen eines genialen Bialik in der herrlichen Propheten spräche ist vollwertige jüdische Kultur, denn der Inhalt dieses Schaffens wurzelt im Golus, in der Zerrissenheit, im von außen her Bedingtem. Aber nationale Kultur muß bodenständig sein, muß nur von innen aus bedingt sein, muß nicht bewrußt aus dem leidenden Leben, sondern unbewußt aus dem schaffenden Leben entspringen. Aber wir haben keinen Boden, wir haben kein unbewußt schaffendes Leben. Woher sollen wir Kulturjudentum schaffen? Somit muß die Assimilation eintreten und mit ihr die innere Zerrissenheit. Und der ganze Unterschied zwischen Ost und West ist nur ein quantitativer, aber kein qualitativer. Warum also regte man sich so auf, als Oppenheimer erklärte, er fühle sich Kulturdeutscher? Wo ist denn der ganze, echte Kulturjude? Nicht einmal in Babylonien war der Jude ein ganzer Jude, obwohl er dort den Talmud geschaffen hat und obwohl er dort Ackerbauer war. Der Talmud