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Die Welt · 1910-04-01 · 13 (1.4.1910) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
13 (1.4.1910)
Date
1910-04-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Grund deren man dann vielleicht ohne Schaden jene Scheidungsmerkmale formulieren konnte, weil nun das positiv gemeinsam Geschaffene eine genügende einigende Kraft besaß? Selbst demjenigen, der die Ausführungen Oppenheimers mit all ihren Konsequenzen unterschreibt, kann es zweifelhaft erscheinen, ob der Moment zur Eröffnung dieser Debatten günstig gewählt war. Aber zweifellos hat Oppenheimer mit voller Absicht gerade jetzt die Scheidungslinie zwischen Ost- und Westzionismus gezogen, weil jene Zerklüftung, "die in Form einer scheinbaren Personenfrage den neunten Kongreß bedrohte, ihm ein gefährliches Symptom einer Krankheit erschien, die sich nicht mehr verdecken und wegdisputieren ließ, die schleunigst auf ihre Aetiologie hin untersucht werden mußte, wenn man ein Heilmittel finden wollte. Die Krankheit lag offen zutage: Es war der Gegensatz zwischen Ost und West, der innere Volksg^gensatz, nicht der Gegensatz zwischen einzelnen Personen hier und dort; er fand den Gegensatz natürlich, wohlbegründet, ja gerade wünschenswert; er fand eine Formel, die jedem das Seine gab, eine gemeinsame Arbeitsbäsis schaffen sollte und mit einem Male alles Gegensätzliche eliminierte. So lange man glaubte, daß man eins war, stieß man sich an den kantigen Dingen im Räume, nun da das Un-Eine kodifiziert, sanktioniert ist, eine reinliche Scheidung vollzogen ist, wird der Ösiler in seinen Schranken bleiben und seine idealen Forderungen den Westzionisten gegenüber einstellen, im Gegenteil nur Dank empfinden für die rein ideale Mitarbeit dieser glücklichern Brüder, denen er neidlos ihre Überlegenheit zugesteht. So war es eine Friedensarbeit, die Oppenheimer unternahm, er wollte den latenten erbitterten Kampf beenden, indem er ihn auf die Spitze trieb. Aber Oppenheimers Prämissen erweisen sich bei genauerer Betrachtung als unzutreffend. Gelingt es uns, das zu erweisen, so werden die Schlußfolgerungen von selbst zusammenfallen. Eine der Hauptstützen des modernen Zionismus war die Erkenntnis, die Prägung des Begriffes der „moralischen Judennot" der Westjuden; das war für die praktische Politik der materielle Kern, der jedes Ideal tragen muß; mit diesem Wort gewann der Zionismus in den Westländern Zug- und Stoßkraft; auf Grund dieser Erkenntnis konnte er einen großen Teil der intelligenten Jugend gewinnen, jene „Feuerköpfe", die. in jeder größern Bewegung Mark und Salz den starren Massen bringen, jenes Übermaß an Begeisterung und an Glauben, das die Schwankenden und die Verzagten aufrecht und zusammen hält. Die klare Erkenntnis dieser Judennot, das Bewußtsein ihrer Unteilbarkeit, ließ das Verständnis aufgehen für die gemeinsame Grundlage jener gröberen, oft entsetzenvollen Not der Ostjuden und der moralischen Bedrückung ihrer westlichen Brüder. Diese Gemeinsamkeit der Not mußte die gleiche Ursache haben; diese Ursache, war hier und dort unsere Fremdheit, unter den Wirtsvölkern, diese Fremdheit, hervorgerufen durch eine artdifferente Abstammung, differente Sitten und Gebräuche, differente Geschichte, differente körperliche, geistige und seelische Dispositionen, kurzum durch Dinge, die uns als eine kompakte, wohlorganisierte und vollendet stilisierte Einheit hinstellte, die in Jahrhunderten und Jahrtausenden gemeinsamer Geschichte, gemeinsamer Abschließung gegen das umgebende Fremde gewissermaßen als eine noch nie dagewesene, nirgends erreichte Reinkultur spezifischer Eigenschaften erscheinen mußte. Eine den Juden des Westens ziemlich plötzlich gegebene äußere Freiheit konnte für einige Zeit wohl das Bewußtsein dieser Fremdheit lähmen, aber schnell genug brach*es überall, zuerst natürlich bei den „Anderen", mit elementarer Wucht hervor und vernichtete einen Traum, der nur im Unterbewußtsein Platz und Berechtigung hatte. Aus dem Begreifen der Judennot als einer natürlichen und unvermeidlichen Folge unserer allzu tief eingewurzelten, durch Jahrtausende vererbten Fremdheit, ergab sich eine klare, unerbittliche Konsequenz. Vereinigung dieser fremden, sich fremd fühlenden, von den anderen als fremd gehaßten, bestenfalls geduldeten Elementen unter eigener Fahne, im eigenen Lande zur Fortentwickelung und Förderung der arteigenen Kultur. Damit ist das negative und positive Postulat des Zionismus einfach und klar definiert. Ich versage es mir, jetzt noch eine Definition des Begriffes „moralischer Judennot" zu geben. Um aber ja nicht falsch verstanden zu werden, will ich hervorheben, daß das Bewußtsein dieser Judennot am krassesten zum Ausdruck kommt in der Einsicht der Unmöglichkeit der Erhaltung der Judenart, positiv in dem Wunsche ihrer Konservierung, Weiterentwickelung. Von all dem sagt uns Oppenheimer nichts. Vielmehr wird scharf hervorgehoben der absolute und unüberbrückbar scheinende Kulturgegensatz zwischen Ost und West, wird das Vorhandensein einer jüdischen Kultur bei den Westjuden oder gar der Wunsch oder die Notwendigkeit der Schaffung resp. Wiederbelebung und Förderung jüdischer Kulturelemente geleugnet. Wir fragen uns erstaunt und bedrückt: Ist denn Kultur etwas so Wesenloses, Uneigenes, Uninneres, daß es genügt, nach jahrtausendelanger Fremdheit und Abgeschlossenheit in eine fremde Kultur hineinzuspringen, sich ihre Äußerungen anzueignen, um dann diese Kultur als fundamentale Eigenschaft hirtzustellen, die nichts mit dem jüdischen Wesen zu schaffen hat? Ist dievinnere Kultur eines Volkes ein so leicht zu wechselndes Gewand, fehlt ihr die natürliche Beziehung zu Stammes- resp. Volkseigenschaften, so ist es nicht innere, sondern äußere Kultur, und diese werden wir nimmermehr als fundamental trennendes oder vereinigendes Element ansehen können. Der deutsche Jude ist so wenig „Kulturdeutscher", als der westeuropäisch gebildete Japaner Kultureuropäer ist. Der tiefere Sinn der Stammesgenieinschaft, des Stammesbewußtseins, ist doch nicht die einfache biologische Tatsache oder selbst die historische Gemeinschaft; beides weist in die Vergangenheit, und begründet keine Forderung für die Gegenwart und Zukunft. Stammesgemeinschaft und Stammesbewußtsein werden erst dann zu jenen hochzuhaltenden Faktoren, auf die man stolz sein darf, wenn man bewußterweise den Stamm, vielmehr den Stammesgeist, als einen ^besonderen anerkennt und weiter erhalten will, jene spezifische Energie, die potentiell vorhanden, die Quintessenz seines Wesens ausmacht, in Bedingungen zu bringen, die das kinetische Äquivalent auslösen können, d. h. dem Stamme ermöglichen, seine eigene Kultur unverdeckt und unverhüllt zu schaffen, zu befestigen, weiter auszubilden. Leugnet Oppenheimer diese potentielle jüdische Energie — Kulturmöglichkeit und Kulturnotwendigkeit — bei Westjuden, dann sinkt sein Stammesbewußtsein zu einem leeren Schema, dann ist jede innere organische Verbindung zwischen Ost und West ein Phantom. Und diese innere organische Verbindung aufzudecken, war eine der ersten Aufgaben des modernen Zionismus. Die Westjuden, soweit sie nicht traditionstreue, religiöse Juden sind, kranken mehr als die Ostjuden daran, daß sie gezwungen sind, diesen jüdischen Kulturtrieb zu unterdrücken. Jede Unterdrückung eines wesentlichen Triebes äußert sich wie in der Psychopathologie des Einzelnen, so in der einer organischen Gemeinschaft durch unangenehme, störende, ungewollte Nebenerscheinungen, die nichts als der Umweg der Natur sind, jenen unterdrückten Trieben zu ihrem Rechte zu verhelfen. Die bewußte und zum Teil durch die Umgebung aufgezwungene unbewußte Unterdrückung der jüdischen Eigenart in bezug auf positive Kulturleistungen, äußert sich in jener uns sattsam bekannten, bei den Westjuden, Fremdkulturjuden, besonders stark betonten Unfreiheit, Gedrücktheit, Halbheit, Gequältheit ihres Wesens, die scheinbar eine neue jüdische Eigenschaft geworden sind. Es wäre ein verdientes Unternehmen in allen Kulturleistungen der Westjuden, so weit sie nicht von vornherein spezifisch-jüdisch waren, diesen pathologischen Judenzug in seiner positiven und negativen Form nachzuweisen. Wäre es so, daß mit der Übernahme der äußeren Kultur der 2

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