Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 13 (1.4.1910)
- Date
- 1910-04-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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eine neue Existenz zu schaffen. Um sie hierin zu unterstützen, wurde nun in Bochum eine polnische Volksbank gegründet. Der erste Schritt auf dem Wege zu einer wirtschaftlichen Koalition des polnischen „Auswanderertums" war die Gründung eines „Selbsthilfevereins für die polnischen Kaufleute" in Westfalen und Rheinland. Die polnische Volksbank in Bochum stellt sich auf breiterer Grundlage und mit größern Mitteln in den Dienst derselben Bestrebungen. „Sie kann," sagt der Dortmunder „Dziennik Polski", „eine mächtige ökonomisch-soziale Stütze für das ganze Auswanderertum werden. An eine deutsche Bank wendet sich der polnische Landsmann nicht, denn er besitzt kein Vertrauen zu ihr. Auch einer polnischen Bank in der Heimat übergibt er seine Ersparnisse nicht; denn er fürchtet, im Falle der Not nicht schnell Mittel zur Verfügung zu haben. Eine polnische Bank ist auch mit Rücksicht auf die polnischen Vereine in der Fremde sehr erforderlich. Häufig müssen auch unsere, Landsleute auf eine günstige Gelegenheit, sich selbständig zu machen, Verzicht leisten, weil sie keine Darlehn erhalten können. Alle diese Unzuträglichkeiten kann die Bochumer Volksbank beseitigen." Die beste Stütze in dem politischen und wirtschaftlichen Kampfe ist die Presse. Die Zahl der polnischen Zeitungen nimmt von Jahr zu Jahr beträchtlich zu. In Europa und Amerika erscheinen gegenwärtig 600 polnische Zeitschriften und Zeitungen; davon sind 546 selbständige Organe, 54 erscheinen als Beilagen, Kalender usw. Zur Ausgabe gelangen in Deutschland 130, in Russisch-Polen 142, in Galizien 146, in Österreichisch- Schlesien 15, in Frankreich 7, in England 4, in Italien 3, in Amerika 52 polnische Zeitungen. Unter den Städten, in denen die publizistische Tätigkeit in größerm Maße betrieben wird, steht an erster Stelle Warschau mit 126 polnischen Zeitungen und Zeitschriften; es folgen Lemberg mit 107, Krakau mit 87, Posen mit 38, Chicago mit 11, Thorn mit 11, Beuthen mit 8, Graudenz mit 7, Bochum mit 6 usw. Zweimal täglich erscheinen 2 Zeitungen. Die Zahl der eigentlichen Tagesblätter beträgt 54. Dreimal erscheinen 17, zweimal wöchentlich 12, einmal wöchentlich 216 Zeitschriften. Alle 14 Tage erscheinen 10, monatlich 199, vierteljährlich 16, jährlich 12 Zeitschriften. In unregelmäßigen Zwischenräumen erscheinen 13 Zeitschriften. Die Anfänge der Entwicklung der polnischen Presse reichen in das Jahr 1661 zurück, wo in Krakau die erste periodische Zeitschrift M-erkurjusz polsko ordynaczny herausgegeben wurde. Im Jahre 1677 bestanden in ganz Polen 4 Zeitungen, 1760 waren es 13, 1820 nur 5, im Jahre 1838 existierten 77, im Jahre 1850 96, 1870 134, 1884 230, 1897 354, und das Jahr 1905 weist 600 Zeitschriften auf. Ein weiterer Schritt in dem nationalen Kampfe sind die von v. Koscielski gegründeten Strazvereine. Koscielski, einstmals unter dem Spitznamen Admiralski, Intimus Wilhelm IL, steht jetzt im Vordergrund der polnischen Bewegung. Die Mittel dazu brachte ihm seine Frau, die Tochter des russischen Staatsrats v. Bloch. Die Strazvereine bezwecken indirekt ein eigenes polnisches Gerichtswesen im preußischen Staate zu gründen, indem die Polen freiwillig ihre Streitigkeiten nicht bei den preußischen Gerichten, sondern vor den gewählten Starosten anhängig machen und sich dieser Entscheidung unterwerfen. Der Gedanke ist sehr kühn; daß er sich nicht ganz durchsetzen konnte, zeugt nur von den Schwierigkeiten, die seiner Verwirklichung entgegenstehen, nicht aber gegen die Großzügigkeit der Idee. Ein Beweis für die ausgezeichnete Organisation des nationalen Kampfes der Polen ist es, daß die Deutsehen gezwungen sind, sie nachzuahmen, um sie zu überwinden. So wurde in Ostrowo ein deutscher Stipendienverein gegründet nach dem Muster des Marciekowski-Vereins. Sein Zweck ist, evangelischen jungen Deutschen beiderlei Geschlechts zur Ermöglichung einer guten Ausbildung und bessern Fortkommens, angemessene Unterstützung zu gewähren. Voraussetzung sind sittliche Würdigkeit und Bedürftigkeit. Die Unterstützungen bestehen entweder in zinsfreien, später rückzahlbaren Darlehen (Stipendien) oder unter ganz besondern Umständen in einmaligen Geldgaben. Der Stipendienempfänger hat sich durch Abgabe einer schriftlichen Erklärung zu verpflichten: 1. Das Darlehen, sobald seine Verhältnisse es gestatten, spätestens aber nach zehn Jahren zurückzuerstatten. Verlängerung dieser Frist ist zulässig; 2. dem Verein dauerndals Mitglied anzugehören; 3. seinen Wohnsitz, wenn irgendmöglich, in der Provinz Posen zu nehmen; 4. nach Kräften für die Hebung der deutsch-nationalen Sache einzutreten. Die gewährten Stipendien können bei späterer UnWürdigkeit entzogen werden. Die Bewilligung einmaliger Unterstützung, sei es in Geld oder in Kleidern, Büchern usw. soll nur ganz ausnahmsweise erfolgen. Eine Erstattungspflicht besteht für diese nicht. Die Mitglieder des Vereins (Männer und Frauen) zerfallen in ordentliche, immerwährende und Ehrenmitglieder. Auch die Ultramontanen Deutschlands haben einen Ajlbertus Magnusverein gegründet zur Unterstützung katholischer Studenten der weltlichen Fakultäten. Dieser Verein zählt 65 Zweigvereine. Unterstützt wurden 125 Studierende. Nachdem der Zentralkasse in Trier etwa 3000 Mark überwiesen wurden, hatte der Verein rund 20 000 Mark zur Unterstützung von Studierenden zur Verfügung. Von den 125 Stipendisten studierten Philologie 85, also rund drei Viertel. Das ist kein Zufall; es entspringt dem Bestreben des Vereins, den Strom katholischer Studenten jeweils in die Fächer zu leiten, in denen die Aussichten günstig sind. Zu der nationalen Arbeit der Polen gehört auch, um wiederum zu unserm Thema zurückzukehren und dieses Kapitel abzuschließen, die Abhaltung national-polnischer Kongresse der Naturforscher und Ärzte und die Zusammenschließung der polnischen Teilnehmer auf interr nationalen Kongressen zu besondern Gruppen. Eingehende Kommentierungen zu dieser nationalen Arbeitder Polen, die ich nur skizzierte, sind wohl überflüssig; die Lehren, die sich für unsere Arbeit ergeben, sind leicht zu ziehen. Ost- und Westzionismus von Dr. Albert Nacht-Berlin Kann man Dr. Oppenheimer einen Vorwurf daraus machen, daß er in dieser konfliktsschwangeren Zeit neuen Gärungsstoff in die Massen geworfen hat, neue Gegensätze konstruiert oder zum wenigsten systematisiert hat? Kann man ihm sagen: Es galt jetzt nach dem Kongresse alles Gegensätzliche, Trennende auszuschalten, zurückzudrängen, zu verdecken, um inzwischen ungehindert durch bohrende, fressende Gegensätze positive Werke zu schaffen, auf