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Die Welt · 1910-03-25 · 12 (25.3.1910) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
12 (25.3.1910)
Date
1910-03-25
Page
– (sequence 15)
Language
German
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No. 12 DIESaKELT 269 Sollte ich meinem Bruder Motel nachmachen, so müßte ich mit der Sprache und der Melodie der wirklichen Megille sagen: „Wehoir Schuchan no-woj-choh . . ." Aber nicht das ist die Hauptsache. Ihr wollt doch wahrscheinlich wissen, was das Ende mit der Tochter des Rebe und mit meinem Etruder Motel gewesen ist. Was soll sein? Nichts. Esther hat geheiratet Einen Witwer hat sie geheiratet. Ach, hat die geweint! Ich bin auf ihrer Hochzeit gewesen. Warum hat sie eigentlich geweint. Das weiß ich nicht. Sie scheint geahnt zu haben, daß sie mit ihrem Ehemann nicht alt werden wird. So geschah es auch. Sie lebte mit ihm im ganzen ein halbes Jahr und starb. Woran, kann ich euch nicht'sagen. Ich weiß es selber nicht. Niemand weiß es. Der Rebe und die Rebezin wissen es auch nicht. Man sagte, sie habe sich vergiftet. Einfach hingegangen und sich vergiftet. Es ist aber eine Lüge. Feinde haben das ausgedacht. Die Rebezin selbst hat es mir so gesagt. Und mein Bruder Motel? Oho! Er hat sich noch früher verheiratet, bevor noch Esther sich verlobt hatte. Er reiste zu seinem Schwiegervater, kam aber schnell wieder zurück und . . . ganz allein. Was ist passiert? Er will sich scheiden lassen. Sagt ihm der Vater: „bist ein wilder Kerl!" Das mag die Mutter nicht. Man zankt sich. Es wird lustig! Es hat aber nicht geholfen, er ließ sich scheiden und heiratete zum zweiten Mal. Er hat sogar schon zwei Kinder: einen Jungen und ein Mädchen. Der Junge heißt Herzl nach dem Dr. Herzl benannt, und das Mädchen nennt man Estherel. Der Vater hat sogar verlangt, sie soll heißen Qütel nach seiner Mutter und die Mutter bestand darauf, sie soll heißen Lejtsche, nach ihrer Mutter. Ein großer Streit ist enstanden, eine ganze Nacht und einen ganzen Tag dauerte der Zank. Es blieb dabei, das Kind soll heißen Laje Qütel nach beiden Müttern. Erledigt? Da überlegte sich der Vater! Nein, er will nicht, Laje Qütel. Warum nicht? Ganz einfach, warum soll denn der Name ihrer Mutter vorangehen? Da kommt mein Bruder Motel von Schul und sagt, er hätte schon dem Kind einen Namen gegeben: Esther. Sagt ihm der Vater: „wilder Kerl, wo hast du den Namen Esther her?" Sagt er, ich meine Motel: „hast du vergessen, daß wir bald Purim haben?" ..... Na, was werdet Ihr ihm jetzt sagen? Man hört nicht mehr „wilder Kerl". Erledigt. Vater und Mutter schauen einander ganz sonderbar an und schweigen —--- Was dieses Schweigen bedeutet, weiß ich nicht, vielleicht wißt ihr es? H- H BRIEF AUS BERLIN (Von unserm Purim-Korrespondenten.) Seitdem Ludwig der Fromme die „Allgemeine Zeitung des Judentums" redigiert, geht's mir mit diesem Blatte wie dem Schammes von Pinne mit „Lohengrin". Wenn man mich nämlich fragt, wie mir die Allgemeine Zeitung gefalle, pflege ich zu antworten: Nu, man lacht. — Kürzer und zugleich treffender kann man wohl einem humoristischen Blatte seine Anerkennung nicht aussprechen, und mein Lob gebührt in erster Linie dem Verleger. War's nicht ein ganz famoser Witz von ihm, daß er den frommen Ludwig zum Leiter einer jüdischen Zeitschrift machte? Schon durch dieses lustige Ereignis war für die atiserwählte Schar humoristisch begabter Menschen in sinniger Weise angedeutet worden, daß die Allgemeine Zeitung nun nicht mehr ernst, sondern heiter genommen werden will. Die übrige Menschheit merkte die Wandlung erst, als Ludwig anfing seine Scherzartikel darin aufzustapeln. Mit wie feinem Spotte hat er doch die jüdischen Toren gegeißelt, die sich durchaus an den Weihnachtsbaum hängen wollen! Mit unerbittlicher Konsequenz zeigte er den sonderbaren Schwärmern, daß sie sich dann auch das Reformationsfest und andere Gebräuche der Staatskirche zu eigen machen müßten. Und aus einer Parenthese grinste das überlegene Faunsgesicht heraus: Ha, wollt ihr's wagen, christliche Sitten zu entweihen und dadurch die gläubigen Christen zu verletzen? So gab er sie der Lächerlichkeit preis. Ludwig besitzt entschieden ein stark humoristisches Talent, er ist ein Meister der Ironie, der es versteht, mit dem Ei des Kolumbus umzuspringen. Leider stehen seine Mitarbeiter nicht auf der gleichen Höhe. Es sei hier nur erinnert an den Artikel eines Herrn Lessing über die Juden in Galizien. * * * Gewiß, auch der Feder Lessings ist eine gewisse Komik nicht abzusprechen; aber der Verfasser besitzt nicht die Fähigkeit, seine Leser richtig einzuschätzen. Br setzt bei ihnen Kenntnisse voraus, die sie nicht besitzen; umd dadurch bleiben die besten Witze eine moderne Frau, d. h., unverstanden. Herr Lessing hat es zweifellos sehr humoristisch gemeint, als er einen Gottesdienst am Freitag abend beschrieb und erzählte, daß die Männer an der Stirn und am Arm Gebetriemen trugen. Aber woher sollen die Leser der Allgemeinen Zeitung wissen, daß das ein Witz ist, da sie doch unmöglich wissen können, daß man erstens am Abend und zweitens am Sabbat keine efillim legt? Nun, mit der Zeit wird Ludwigs Publikum klüger werden, sein Verständnis für den Humor wird wachsen, und es wird bei der Lektüre der Allgemeinen Zeitung ebenso herzlich lachen wie wir. Neidlos wollen wir feststellen, daß der Humor eines Volkes oder einer Gesellschaftsklasse immer ein Zeichen moralischen Wohlbefindens und innerer Freiheit ist. * * * Wir müssen gestehen, daß das zionsfeindliche liberale Judentum in Berlin diesen freien Humor besitzt, daß der Zionismus dagegen leider noch im barbarischen Ernste verharrt. — An seinem Leibe wuchert wieder der Spaltpilz, das bekannte bacterium Ugandocharkowicum commune. Die Biologie dieses Spaltpilzes ist nun genügend studiert: Er hat einen großen Mund und an seinem Kopfende meistens lange Geißelfäden, die wie Haare aussehen. In frischer Luft und im Sonnenlicht geht er zugrunde, gedeiht aber vortrefflich bei künstlicher Beleuchtung und in einer Atmosphäre, die mit Zigarrettendampf gesättigt ist. Als die besten Nährböden für den Bazillus haben sich dünne Aufgüsse von Teeblättern oder Kaffeebohnen erwiesen. Daher kann man ihn beispielsweise um Mitternacht im Cafe" Monopol zu Berlin in Reinkultur vorfinden. Vereinigen sich mehrere dieser Pilze unter günstigen Wachstumsbedingungen zu einer Gruppe, so klammern sie sich an den Zionismus und beginnen ihn zu spalten. Die Spaltprodukte gleichen dem Halley'schen Kometen. Sie werden mit großem Geschrei angekündigt, treten sehr prätenziös auf und erwecken den Glauben, daß sie die Erde zerschmettern können, dann verschwinden sie lautlos,

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