Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 12 (25.3.1910)
- Date
- 1910-03-25
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3315709-3316406-3316419--53044-3346785- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Vashti 2× ep/1007377
OCR text
268 DIE2§KELT No. 12 Jefas tojar- — eine Schönheit, ein Prachtexemplar. Watitaw hanaaroh — Und das Mädchen gefiel ihm. Loi higidoh Esther—Esther erzählt nicht. KiMordechai— denn Mordechai. Ziwoh olejho — hat ihr befohlen. Ascher loi sagid — sie soll nicht erzählen. Uwechol joim wejoim — alle Tage. Mordechai mishalech — geht Mordechoi vorbei. Lodaas schloim Esther — einen verstohlenden Blick auf Esther zu werfen. Uwehagia toir Esther — und wenn die Zeit für Esther kommen wird. Bas Awichail — sich zu verheiraten. Watilokach Esther — wird er die Esther nehmen. Wajamlicheho — und er wird mit „ ihr gehen. Tachas waschti — unter die Chupeh"...... Was sagt ihr dazu, wie mein Bruder die „Megille" ausgedeutet hat? Ich wäre sehr neugierig zu hören, was der Rebe wohl von einem solchen Kommentar halten würde? Aber, wie macht man das? Pst . . . ich habe eine Idee, so wahr ich ein Jude bin! Ich werde die Sachen verwechseln: Das Gedicht, welches für den Reben bestimmt war, werd ich der Esther geben, und die „Megille", die für Esther geschrieben wrar, übergebe ich dem Reben. Möge er sich ein bißchen amüsieren. Was schadet das, wenn ein Rummel daraus entsteht? Ist es denn meine Schuld? Passiert es nicht, daß ein Mensch einmal einen Irrtum begeht? Es kommt auch vor, das der Briefträger einen Brief überhaupt nicht besorgt. Mit mir kann so etwas nicht passieren. Ich bin nicht so einer . . . IV. Mit den Worten: „Wünsche einen recht guten Feiertag, Rebe!" stürzte ich in das Cheder so ungestüm hinein, daß der Rebe erzitterte. „Mein Bruder hat euch „Schiach Mones" geschickt und wünscht euch, ihr möget erleben das nächste Jahr!" Und ich überreichte dem Reben die „Megille". Der Rebe öffnet die „Megille", beschaut, befühlt, sucht und dreht sie nach allen Seiten. Er sucht augenscheinlich nach etwas. „Such, such, Rebe", denk' ich mir, „du wirst schon etwas finden . . . . " Mein Rebe legt die silberne Brille an, liest die „Megille" durch und verzieht nicht einmal das Gesicht. Er ließ nur einen Seufzer hören, nichts mehr. Dann sagt er zu mir: „Warf einen Augenblick, ich werde ein paar Worte schreiben . . . " Er nimmt Tinte und Feder und setzt sich hin, um die „paar Worte" zu schreiben. Inzwischen spaziere ich ein bißchen im Cheder herum, bekomme von der Rebezin einen Kuchen und einen „Fladen", nähere mich unmerklich der Esther und reiche ihr das Sch'lach Mones, das hebräische Gedicht. Sie errötet, verkriecht sich in einen Winkel, öffnet langsam das Briefchen und lodert auf, wie eine Kerze; ihre Augen brennen, wie die Kohlen! Scheint unzufrieden mit dem „Schiach Mones", denk' ich mir, nähere mich dem Reben, der mir die „paar Worte", die er niedergeschrieben hat, gibt. „Einen guten Feiertag euch, Rebe!" sage ich mit derselben Hast wie bei der Ankunft, „möget ihr das nächste Jahr erleben!" Und ich marschiere los. Als' ich schon jenseits der Tür war, lief mir Esther mit rot verweinten Augen nach: „Hier", sagt sie mir zornig, „dies da sollst du deinem Bruder übergeben." Unterwegs öffne ich zuerst das Bxiefchen des Rebe, es soll den Vorzug haben. Das Briefchen lautet: „Mein lieber und getreuer Schüler Mordechai! Ich danke Dir vielmal für das Sch'lach Mones, das Du mir geschickt hast. Voriges *Jahr hast du mir geschickt Schiach Mones, wirkliches Schiach Mones . . . . Heute schickst Du mir einen neuen Kommentar zur Megille. So dank' ich Dir für die Megille .... Ich muß Dir aber sägen, Motel, daß Dein Kommentar mir gar nicht gefällt. Erstens ist Schuschan Habiroh — die Hauptstadt, nicht, wie Du sagst, „unser Städtchen". Zweitens möchte ich gerne wissen, wo es geschrieben steht, Mordechai sei ein Bochur gewesen und woraus Du entnehmen konntest, daß „Omen" „lieb hatte" bedeute? Omen bedeutet ja: „erzogen", wie es heißt „omon padgog". Was Du ferner deutest: wajamlichecho tachas waschti — er werde mit ihr unter die Chupeh gehen — ist schon gar reiner Unsinn. Erstens bezieht sich „wajamlichecho" auf Achaschwejrosch, nicht auf Mordechai; zweitens wird nirgends in der Megille erwähnt, daß Achaschwejrosch mit Esther unter die Chupeh gegangen sei. Auch ein Kunststück, einen Bibelvers zu nehmen und ihn in so verrückter Weise zu verdrehen. Muß doch jede Deutung einen Sinn haben. Voriges Jahr und vor zwei Jahren hast Du mir etwas anderes geschickt .... Dieses Jahr hattest Du den Einfall, dem Reben einen Kommentar zur Megille zu schicken, — und was für einen Kommentar .... rein meschugge. Aber was ist zu machen? Wahrscheinlich muß es so sein .... Ich schicke Dir hierbei Deine Megille zurück, und möge Dir Gott ein gut Jahr geben, wie es Dir wünscht Dein Rebe....." Das heißt eine tüchtige Portion Maulschellen! Verdient hat es mein Bruder. Er wird solche Megilles nicht mehr schreiben, glaube ich. Mit dieser Lektüre fertig, muß man, denk ich mir, einen Blick tun in die Antwort, die sie geschrieben hat, ich meine die Tochter des Rebe; — ich öffne ihr Briefchen, und da fallen mir die zwei Papierrubel heraus. Was ist da wieder los? Die ganze Antwort enthält zwei Zeilen: „Motel! Ich danke Dir für die zwei Rubel. Kannst sie zurücknehmen. Ein solches Schiach Mones hab ich von Dir nicht erwartet. Geschenke verlange ich von Dir nicht und ein Almosen erst recht nicht . . . il Ha, ha! Was sagt ihr dazu? Sie verlangt kein Almosen! Eine schöne Geschichte, so wahr ich ein jüdisch Kind bin! Kurz, was weiter tun? Ein anderer an meiner Stelle würde wahrscheinlich beide Briefe zerreißen und sich das Geld in die Tasche stecken. Zwei „goldene Nichtschen" würde er nach Hause bringen, nicht zwei Rubel." Aber ich bin nicht so einer. Ich hab es besser gemacht. Ihr werdet es hören. Ich, habe mir die Sache so überlegt: für meine Mühe habe ich ja den Lohn von meinem Bruder schon bekommen, — wozu brauche ich denn den Bruder noch mehr? Ich geh' also und übergebe beide Briefe dem Vater. Ich werde hören, was der Vater sagen wird. Er wird die „Megille" besser verstehen, als der Rebe, obwohl der Vater ein Vater, und der Rebe ein Rebe ist. . V. Was geschah, als der Vater beide Briefchen mit der Megille durchgelesen hatte und meinen Bruder vornahm, um zu erfahren, was hier vorgehe? . . fragt gar nicht.