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Die Welt · 1910-03-25 · 12 (25.3.1910) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
12 (25.3.1910)
Date
1910-03-25
Page
– (sequence 13)
Language
German
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No. 12 DIE^ELT 267 (□□□□□□ o is O / FEUILLETON 0o o □□□□□□ JIO '~ 'J o ESTHER Eine Purimerzählung von Scholem Alechem (Aus dem Manuskript übertragen von H. H.) Nicht eine Geschichte aus dem Cheder, nicht über den Reben und die Rebezin will ich euch heute erzählen. Darüber hab ich euch schon genug erzählt. Vielleichtwird mir diesmal gestattet sein, zu Ehren des Purimfestes euch eine Geschichte von der Tochter des Rebe, Esther, zu erzählen. I Falls die Königin Esther von der „Megille" so schön war wie die Esther, von der ich euch hier erzähle, so ist es kein Wunder, daß sie dem König Ahasverus so gut gefallen konnte. Die Esther, von der ich Ihnen hier erzählen will, hat ebenfalls allen gut gefallen. Alle hatten sie gerne, alle, alle. Sogar ich und sogar mein älterer Bruder Motel, obwohl er schon lange „Barmizwah" gewesen War — und man schlug ihm schöne Partien vor; ja, er trug schon lange eine Uhr mit. einer Kette. (Wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, sproßte ihm schon ein Bärtchen.) Daß mein älterer Bruder Motel sie lieb hatte . . . darüber fragt mich. Ich werde euch genau erzählen. Er glaubt, ich wüßte nicht, daß wenn er jeden Schabbes am Tag in Cheder geht, um quasi „Perek" beim Reben zu lernen, etwas anderes dahinter steckt. Er lernt ja gar nicht. Der Rebe schnarcht im tiefen Schlaf, die Rebezin plaudert draußen auf der Bank mit den Frauen, wir Chederjünglech spielen „Mem Schien Hej", und Motel mit Esther schauen mit den Augen. Er auf sie und sie auf ihn. — Es passiert zuweilen, daß wir Chederjünglech gar „Kutzibube" spielen. Wißt Ihr, was das bedeutet: „Kutzibube"? Ich will es euch erklären. Mannimmt euch, verbindet euch die Augen mit einem Taschentuch, stellt euch in die Mitte des Zimmers, und alle drehen sich ringsum und schreien „ger, ger, ger, greift mich!" Motel und Esther spielen auch mit uns. „Kutzibube", sagen sie, gefalle ihnen. Ich weiß, warum es ihnen gefällt. Denn, wenn sie mit uns „Kutzibube" spielen, tun sie nichts anders, als einander jagen und fangen. Er sie, und sie ihn. Und noch viele Beweise hab ich dafür, die ich euch erzählen könnte. Aber ich bin nicht so einer . . . Einmal hab' ich sie überrascht, als sie einander die Hände hielten, und das wrar gerade nicht am Schabbes, sondern an einem Wochentag; es war an einem Vorabend zwischen „Mincha" und „Maariw". Er ging angeblich nach der Schul' und verirrte sich zu uns in den Cheder. „Wo ist der Rebe?" — „Der Rebe ist nicht da." . Er tritt aber näher und reicht ihr die Hand, das heißt der Esther. Ich steh und beobachte. Sie zieht ihre Hand zurück. Er gibt mir einen Groschen, damit ich niemanden erzählen soll. Sag' ich . . zwei. Gibt er mir zwei. Sag ich . . drei. Gibt er mir drei. Was denkt Ihr? Hätte ich vier gesagt, würde er mir vier geben, und auch fünf und sechs. Ich bin aber nicht so einer ... — Noch einmal ist eine Geschichte passiert .... aber genug der Geschichten. Ich will euch lieber die echte Geschichte erzählen, die ich euch versprochen habe. II. Mein Bruder Motel ist, wie ich euch schon gesagt habe, ein Erwachsener. In den Cheder geht er nicht mehr und zu Hause will er auch nicht lernen. Deshalb nennt ihn der Vater „wilder Kerl". Er hat für ihn keinen anderen Namen als „wilder Kerl". Die Mutter mag das nicht. „Was ist das für eine Art, einen Bochur, der schon bald ein Bräutigam werden soll, einen wilden Kerl zu nennen?" Erwidert ihr der Vater: „Wenn er aber doch ein wilder Kerl ist!" Dann zanken sie sich. Ich weiß nicht, wie andere Väter und Mütter handeln, aber mein Vater und meine Mutter zanken sich unaufhörlich: Tag und Nacht, Tag und Nacht wird nur gezankt. Ich könnte euch über meinen Vater und meine Mutter gar manches erzählen, daß Ihr Euch krank lachen würdet, — aber ich bin nicht so einer ...... Genug, mein Bruder Motel lernt nicht mehr im Cheder. Trotzdem vergißt er es nicht, dem Reben jeden Purim „Sch'lach Mones" zu schicken. Immerhin früher ein Schüler gewesen,—schickt erihm ein schönes Gedicht, hebräisch geschrieben und dabei zwei papierene Rubel, als Geschenk. Durch wen schickt man einem Reben ein solches „Sch'lach Mones?" Selbstverständlich durch mich. „Hier hast Du," sagt mir mein Bruder Motel, „trag hin zum Reben „Schlach Mones", und wenn Du wiederkommst, kriegst Du zehn Groschen". Zehn Groschen ist zwar ein Kapital, es läßt sich nichts dagegen sagen. Was denn? „Ich will," sag ich, „das Geld sofort." Sagt mir mein Bruder, ich sei ein Gauner, sag ich: „Es kann schon sein, daß ich ein Gauner bin, — doch möcht ich vor allem mein Geld sehen." Wer, glaubt Ihr, hat Recht behalten? — Er bezahlte mir die zugesagten zehn Groschen und gab mir das „Sch'lach Mones" für den Reben, einen versiegelten Brief. Aber beim Weggehen schiebt er mir in die Hand noch ein Briefchen und sagt mir leise und schnell: „Und dieses wirstDu der Esther geben" .. „Der Esther?" ... — „Der Esther" ... Ein anderer an meiner Stelle hätte gewiß eine doppelte Belohnung verlangt, aber ich bin nicht so einer .... III. „Du, lieber Gott!" denk ich mir, was mag mein Bruder an die Tochter des Rebe schreiben? Man muß doch einen Blick darauf werfen, nur einen Blick. Ich werde doch „nichts davon abbeißen" .... Ich öffne das Briefchen, welches für Esther bestimmt war, und ich lese eine ganze „Megille," d. h. ganz in der Sprache der „Megille" geschrieben. Ihr werdet hören. Ich wiederhole es euch Wort für Wort: „Von Mordechai an Esther" „Isch, — ein Mensch. Jehudi — ein Bochur. Hojoh — war. Beschuschan Habiroh — bei uns im Städtchen. Uschmoj Mordechai — und sein Name war Mordechai. Wajehi Oimein — hatte er lieb. Es Hadassah hi Esther — das ist Esther .... Wehanaaroh — und das Mädchen.

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