Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 12 (25.3.1910)
- Date
- 1910-03-25
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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266 DIE^ELT No. 12 c ooooooooo ^S8 "SIS NACHRICHTEN OOOOOOOOO Sterbefälie Am 13. März starb in Berlin einer unserer eifrigsten russischen Gesinnungsgenossen Joseph Rosen fei d aus Berdytschew an den Folgen einer schweren Operation im Alter. von 42 Jahren. Er war, schreibt die „Jüd. Rundschau", einer von denen, die ihr ganzes Sein auf den Zionismus aufgebaut hatten, die so von ihm durchdrungen waren, daß alles, was sie dachten, taten und fühlten, zionistisch und somit jüdisch im edelsten Sinne war. Er starb in der beruhigenden "'Gewißheit, alles, was in seinen Kräften stand, getan zu haben für die große Sache, mitgearbeitet zu haben nach Können und Vermögen an dem großen jüdischen Renaissancewerk. Sein letzter Wunsch war, man möge auf seinen Grabstein schreiben: „Mein Körper im Golus, — meine Seele in Zion." In dem jüngst in Livorno verstorbenen weltberühmten Rechtsgelehrten Vittorio de Rossi verlor'die italienische Judenschaft eines ihrer bedeutendsten Mitglieder. Der Verstorbene war ein Abkömmling der Familie Disraeii, der auch Lord Beaconsfield angehörte. Vittorio de Rossi wurde von der italienischen Regierung zu allen wichtigen kodifikatorischen Arbeiten zugezogen. Er war Mitglied des Rates der italienischen Advokatenkammer, Verwalter der Banca d'Italia und zahlreicher anderer Institutionen, Als Jude betätigte er sich in seiner Eigenschaft als Präsident der jüdischen Gemeinde von Livorno und als Mitglied des Zentralkomitees der „Alliance Israelite Universelle". Aus New-York wird uns der Tod des bekannten hebräischen Schriftstsllers und Gelehrten J. L. Sossnitz gemeldet. Der Verstorbene, der aus Rußland stammte, hat sich vorzugsweise mit wissenschaftlichen Fragen, besonders solchen der Mathematik, befaßt und mehrere Werke in hebräischer Sprache darüber veröffentlicht. Judentaufen Der „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" ersucht uns, unsere „Die Judentaufe vom Standpunkte des Staatsbürgertums" betitelten Ausführungen in Nr. 10 der „Welt" dahin zu berichtigen, „daß Herr Rabbiner Dr. Werner die Taufe nur nebenbei als politisch inopportun bezeichnete. Er habe vom Gesichtspunkte der Religion, der Abstammung, des Charakters, der Geschichte und der Gerechtigkeit seine Ausführungen begründet. Außerdem war Herr Rabbiner Dr. Werner garnicht der einzige Referent in der Versammlung, sondern es haben in dieser Versammlung noch die Herren Gustav Levinstein und Professor Dr. Horowitz gesprochen." Gegen Geigers Weihnachtsbescherung Aus Posen wird uns berichtet: Im Verein zur Förderung jüdischer Interessen fand am 16. März eine Mitgliederversammlung statt, in der nach eingehender Aussprache folgende Resolution einstimmig angenommen wurde: „Der Verein zur Förderung jüdischer Interessen nimmt mit Entrüstung von dem Geigerschen Artikel Kenntnis, der die zwangsweise Teilnahme jüdischer Kinder an christlichen Schulfeiern fordert, und bedauert, daß weder die liberale Vereinigung noch der Zentralverein hier oder anderwärts Veranlassung genommen haben, zu diesem beschämenden Artikel Stellung zu nehmen." Alliance Jsraelite Universelle An Stelle des von der Präsidentschaft zurückgetretenen Herrn Geheimrats Goldberger wird Herr Justizrat Berthold Timendorfer kandidiert; Organisation für hebräische Sprache und Kultur Am 7. März veranstaltete das Zentralkomitee der Organisation für hebräische Sprache und Kultur in Berlin eine öffentliche hebräische Versammlung, in welcher Herr S. Hurwitz eine tiefempfundene Gedächtnisrede für den verstorbenen Moses Löb Lilienblum hielt. Die vornehme und feinsinnige Schilderung, die der Vortragende von Lilienblums Lebensgang und seinem Schaffen gab, fand lebhaften Beifall in der Versammlung. — Der zweite Teil des Abends war der Erörterung über die Berliner Ortsgruppe der genannten Organisation gewidmet. In den Vorstand dieses Vereins wurden dann gewählt die Herren: Hurwitz, Dr. Baneth, Dr. Emil Levy, Josef Lin, Dr. Aschkenasy, Dr. Renzer und G o n z a r. Hebräischer Sprachverein in London London. Der Hebräische Sprachverein veranstaltete hier eine Lilienblum-Gedenkfeier die mit einer interessanten Ansprache von Achad-Haam eröffnet wurde. In kurzen Zügen schilderte er die Persönlichkeit, die schriftstellerische und palästinensische Tätigkeit des Verblichenen, dessen Schlichtheit und Gradlinigkeit im Denken und Handeln. Es sprachen ferner Herr Suwalsky, Redakteur des „Hayehoody" nnd Dr. Melamed. Am 26. März werden die Schriftsteller A. Beilin und A. S. Rabinowitz über Perez Smelensky anläßlich seines 25 jährigen Todestages referieren. Das Zionsbanner als Schiffsflagge Vor einigen Tagen verließ der Frachtdampfer „Heinrich Kayser" den Bremerhavener Hafen mit der Bestimmung nach Havanna. Es ist ein Schiff der sogen. Feldherrngröße (ca. 150 m lang) und kann ca. 14 000 Ballen Baumwolle fassen. Eigentümerin ist die bedeutende Bremer Baum woll- und Produktenfirma H.Kayser&Sohn, deren Inhaber Zionisten sind. Die Flagge zeigt ein Mögen David in blauweißem Felde. Präsident Taft über den Patriotismus der eingewanderten Juden Einer Deputation der „American Association of Foreign Language Papers" gegenüber, die den Präsidenten Taft im Weißen Hause aufgesucht hatte, äußerte sich dieser eingehend über das Einwanderungsproblem, das gegenwärtig die Regierung der Vereinigten Staaten beschäftigt, und sagte mit Bezug auf die eingewanderten Juden des New Yorker East End u. a.: „Von meinem Besuche der East Side in New York - habe ich die Überzeugung heimgebracht, daß in keinem Teil des Landes der wahre Geist der Vaterlandsliebe mehr vorherrschend ist, als unter diesen eingewanderten Juden." Die Juden in Guayana In Niederländisch-öuayana (Südamerika) leben gegenwärtig zirka 4000 Juden, die größtenteils in der Hauptstadt Paramaribo wohnen. In dieser Stadt, die 50000 Einwohner zählt, gibt es zwei jüdische Gemeinden, eine sephardisch-portugiesische und eine aschkenasisch-holländische. Beide sind streng orthodox. Vor kurzem ernannte die holländische Regierung einen Juden, David Da Costa, der früher Präsident des Parlaments in Guayana war, zum Vorsitzenden des obersten Gerichtshofs der Kolonie. Herr Da Costa war jahrelang Parneß der portugiesischen Gemeinde in Paramaribo, Er ist auch in Holland als hervorragender Rechtsgelehrter bekannt. Die größten Kakao-, Bananen- und Zuckerrohrpflanzungen, ferner die bedeutendsten Goldbergwerke, Balatagummi- Industrien und sonstigen industriellen Betriebe befinden sich in den Händen von Juden. Der Direktor der Schulanstalten der Provinz Surinam ist ein Jude, Herr M. Benjamins. Die jüdische-Kolonie Guayanas ist eine der ältesten in Amerika und datiert vom Jahre 1639. Eine Anzahl jüdischer Familien führt ihren Stammbaum auf die ersten Ansiedler zurück. Die Umgangssprache der Juden in Niederländisch- * Guayana ist das Holländische. Eine allgemeine jüdische Konferenz zur Bekämpfung des Mädchenhandels Am 5., 6. und 7. April d. J. wird in London eine von sämtlichen größern jüdischen Organisationen Europas und Amerikas beschickte Konferenz stattfinden, die über Mittel und Wege zur Bekämpfung des Mädchenhandels beraten solh An der Konferenz werden u. a. vertreten sein die Alliance Isra61ite Universelle und ihre Landeskomitees, die Jewish Colonisation Association, der Hilfsverein der Deutschen Juden, die Anglo-Jewish Association, die Großlogen der Bnei Brith, der Deutsch-Jüdische Frauenbund, der American Council of Jewish Women, die Israelitische Allianz und der Hilfsverein für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien (Wien), ferner die jüdischen Kultusgemeinden Wien, Krakau, Lemberg, Czernowitz, Budapest, St. Petersburg, Brüssel, Buenos Aires usw. Lie zionistische Organisation wird durch Mr. L. J. Greenberg und Mr. Walter Nathan von der E. Z. F. vertreten sein. Bis jetzt haben ca. 150 Delegierte ihre Teilnahme an den Beratungen angemeldet.