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Die Welt · 1910-03-25 · 12 (25.3.1910) · page 11

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
12 (25.3.1910)
Date
1910-03-25
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Alliance und des Hilfsvereins, die Vertreter der jüdischen Klubs und Institutionen sowie eine Anzahl anderer Notabein versammelt. Der Botschafter wurde mit den Klängen der türkischen Konstitutionshymne und einem hebräischen Gesang des Schülerchors der Talmud-Thora empfangen. Auf die Begrüßungsrede Rabbi Jakob Meirs hielt der Botschafter eine bedeutsame Erwiderungsänsprache. Er verglich die gastliche ^Türkei, die ihre Pforte den Vertriebenen Spaniens öffnete, mit den Vereinigten Staaten, wo die Juden vollkommenes Bürgerrecht genießen. Er erinnerte daran, daß Amerika eben in dem Jahre der Vertreibung, 1492, entdeckt wurde, und er stellte die Juden Amerikas den türkischen als Beispiel hin. Er trat gegen den Gebrauch der spaniolischen Sprache auf; es sei eine Ironie, daß sie die Sprache der Unterdrücker ihrer Väter sprächen. Er empfahl ihnen, Türkisch zu sprechen, wie die amerikanischen Juden Englisch. (Eigentümliche Ironie, daß der türkische Minister das Hebräische, der jüdische Minister dagegen das Türkische den Juden als Nationalsprache empfiehlt!) Er fuhr fort, indem er die Aufgabe der türkischen Juden pries, als würdige Söhne ihres Vaterlandes in der Armee zu dienen. Er sprach von dem Ruhm der jüdischen Solidarität; die jüdische Rasse ist die anpassungsfähigste und die fortschrittlichste; sie ist ein Segen für das Land, in dem sie wohnt. - Der Dragoman der Botschaft, der Satz für Satz aus dem Englischen übertrug, unterließ es, wohl durch ein bedauerliches Versehen, die letzten Worte wiederzugeben, was eine gewisse Unruhe, besonders bei den Schülern der Mädchenschule, die Englisch verstanden, hervorrief. Herr Strauß schloß seine Rede auf das neue Regime in der Türkei: _ „Wenn ich nicht Amerikaner wäre, so wollte ich Ottomane sein, um an der Erneuerung dieses Landes und der Hebung der noblen Rasse der sephardischen Juden mitzuarbeiten." Hierauf erfolgten Begrüßungen an den Botschafter durch einen Schüler der Talmud-Torah in hebräischer Sprache, durch einen AUianceschüler auf französich und eine Schülerin der Gemeinde- Mädchenschule auf englisch. Nach Beendigung der Feier stattete Herr Strauß dem Großrabbiner sowie dem „Cercle des Intimes" einen Besuch ab. Dort antwortete er auf eine Ansprache des Präsidenten Modiano mit einer neuen Rede, an deren Schluß er die jungen Leute ermahnte, in ihrem Werke fortzufahren, unter ihren jüdischen Mitbürgern die Industrie und Bildung zu verbreiten zum Wohle und Fortschritte der jüdischen Nation. Alsdann wurden dem Botschafter die Delegationen der jüdischen Gewerkschaften vorgestellt, die der Schneider, Schuhmacher, Bootsleute, Feuerwehrmänner usw. Am darauffolgenden Tage besuchte Herr Strauß noch die Schule der Alliance und das Hirsch- Hospital. Die „Kizwah", die nationale Kopfsteuer Der „Medschliß dschismani" hatte eine Kommission beauftragt, die jüdische Bevölkerung der Hauptstadt für die vom letzten „Mischlisch umumi" beschlossene Kopfsteuer einzuschätzen. Die Kommission hat ihre Einschätzungsarbeit erledigt, und nunmehr wird von Seiten des Großrabbinats zur Einziehung der Steuer geschritten. Das Dokument, das die Zahlungsaufforderung an die jüdischen Bürger begleitet, enthält in der Begründung der Steuer unter anderm folgendes Programm für die Konstantinopeler Gemeindeverwaltung: Schaffung von Talmud-Torahs, in denen nach moderner Methode die Nationalsprache und die Reichssprache gelehrt werden sollen, Reorganisation des Rabbinerseminars, auf das die Gemeinden des Orients hoffen, Gründung eines Lehrerseminars zur Ausbildung von hebräischen und türkischen Lehrern, Reformen in den Wohltätigkeitsinstituten und Schaffung neuer Werke von allgemeinem Nutzen. Dieses Programm, das zu unserer Genugtuung gleich früheren amtlichen Schriftstücken derselben Behörde das Hebräische als unsere nationale Sprache bezeichnet, ist ebenso reichhaltig wie von dringendster Notwendigkeit diktiert. Es bleibt zu wünschen, daß der Appell an die Opferwilligkeit der Konstantinopeler Juden nicht ohne Erfolg sei, damit das ernsteste und hoffentlich einzige Hemmnis der Leitenden, sich wirklich endlich zu betätigen, in Wegfall komme. Die „Ehemaligen" der A. J, U. Das provisorische Komitee zur Konstituierung des Verbandes, dem die freudige Zustimmung seitens der Association von Salonik zuging, hat prompter als erwartet wurde, seine Anfgabe in Angriff genommen. Die Statuten des neuen Verbandes sind bereits ausgearbeitet und eine neue allgemeine Gründungsversammlung auf den 27. März einberufen worden. In dieser wird das endgültige Präsidium der Association gewählt und die Mitgliederlisten eröffnet werden. Die hiesigen aus den Allianceschulen hervorgegangenen Zionisten beteiligen sich rege an der neuen Gründung. Rußland Die Rabbiner-Konferenz und die Rabbiner- Kommission Nach einer siebzehnjährigen Unterbrechung tritt wiederum eine Rabbinerkommission zusammen, die über Fragen des religiösen Lebens und über jüdische Gemeindeangelegenheiten beraten und für das Kultusdepartement Vorschläge ausarbeiten soll. Im Zusammenhang damit wurde eine Konferenz von Rabbinern und Notabein, aus indirekter Wahl je zweier Vertreter aus einem Gouvernement des Ansiedelungsrayons hervorgegangen, einberufen, die die Arbeiten der Kommission vorzubereiten resp. zu unterstützen hat. Aus der Mitte der Konferenzteilnehmer ernannte die Regierung die Mitglieder der Kommission. Zum Vorsitzenden der Konferenz wurde Baron D. Günzburg, zum Vorsitzenden der Kommission Rabbiner Zirelsohn aus Kischinew ernannt. Am 15, März begannen nun die Beratungen der beiden Körperschaften. Departements-Direktor Charusin begrüßte .die Konferenz. Baron Günzburg dankte im Namen der Versammlung. Hierauf fand in der Hauptsynagoge ein Gottesdienst für das Wohl des Zaren, Rußlands und des jüdischen Volkes statt. Nach dem Gottesdienst kehrten die Teilnehmer in den Sitzungssaal zurück. Auf einstimmigen Beschluß der Versammlung wurde an Stolypin ein Telegramm abgesandt mit der Bitte, die devoten Untertänigkeitsgefühle der Konferenzteilnehmer zu den Füßen des Zaren zu legen. — Rabbiner Zirelsohn hielt die Eröffnungsrede, in der er seine Genugtuung darüber ausdrückte, daß die Regierung den religiösen und moralischen Bedürfnissen der Juden entgegengekommen ist. Man müsse nun darauf bedacht sein, den Parteiegoismus, der leider schon so häufig den Tempel des Volkswohls zerstört habe, in die Beratungen nicht einreißen zu lassen. — Die Konferenz teilte sich sodann in drei Sektionen oder Kommissionen, entsprechend den drei Haupttraktanden : die Frage des doppelten Rabbinats, Ritualfragen und die Organisation der Gemeinden. Bei der Wahl in die Kommissionen wurde eine lebhafte Agitation entfaltet. Es kämpften einerseits die „Intelligenz" mit der Orthodoxie, anderseits die „Chassidim" mit den „Misnagdim". Schließlich einigte man sich auf das Proportionalitätsprinzip. — In die Rabbinatskommission wurden 20, in die Gemeindekommission 16, in die Ritualkommission 12 Personen gewählt. Die Verhandlungen werden in den Kommissionen im Jargon geführt. In der Rabbinatskommission wurde am 16. März über das Institut des doppelten Rabbinats beraten. Rabbiner Mase (Moskau) trat für den Status quo ein. Die geistlichen Rabbiner dürften nicht Kronbeamte werden, da sie dann ihre Autorität einbüßen würden. Die geistlichen Rabbiner sprachen sich gegen die Kronrabbiner aus, die die jüdische Religion weder kennen noch respektieren. Der neue finnländische Senat und die Juden Aus Helsingfors schreibt man uns: Schwere Zeiten sind für die hiesige jüdische Gemeinde gekommen. Schon im Jahre 1908 drohte vielen jüdischen Familien die Ausweisung. Damals wurde aber die harte Maßregel dank der Intervention ausländischer Finanziers aufgehoben. Nun ist ein neuer Senat ans Ruder gekommen und an die 40 jüdische Familien müssen zum Wanderstab greifen. Sehr beunruhigt sind die Juden Finnlands auch durch das vom neuen Senat verfügte Schechitah-Verbot. In ihrer Not wandten sie sich um Hilfe an Generalgouverneur Sein. Der Vertreter der russischen Regierung soll also die Juden vor der gesetzgebenden Körperschaft des Freien Finnlands schützen! Liquidation der Pogromprozesse Der Pogromprozeß, der iu Saratow auf Anordnung der Behörde hinter geschlossenen Türen stattgefunden hat, endete damit, daß sieben Angeklagte „wegen Störung der öffentlichen Ruhe" zu einer Geldstrafe von 20 Rubeln verurteilt wurden, fünf wurden freigesprochen. Die Zivilklage blieb unberücksichtigt. Dieser Tage ging auch in Woronesch der Prozeß wegen des Pogroms von 1905 zu Ende. Auf die Frage des Gerichts nach der Ursache des Pogroms erklärte der Zeuge Besuß, er könne auf diese Frage keine aufrichtige Antwort geben, solange er die Macht der Behörde fühle. Von den 34 Angeklagten wurden verurteilt: einer zu einem Jahre Korrekturhafl, zwei zu je acht Monaten, einer zu 1 xk Jahr Gefängnisstrafe; die andern wurden freigesprochen. Die jüdische Sprache in der Duma Der Abgeordnete Friedmann hatte in der Kommission für Volksbildung einen Antrag auf Anerkennung des Jüdischen als Unterrichtssprache in den jüdischen Volksschulen eingebracht. Der Antrag wurde mit 15 gegen 11 Stimmen abgelehnt.

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