Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 12 (25.3.1910)
- Date
- 1910-03-25
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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264 DIE 3§EE LT no. n ist, erteilt. Die übrigen Fächer werden in griechischer Sprache gelehrt. Für die Erziehung, der Mädchen ist gar keine Vorsorge getroffen. Die wenigen reichen Juden schicken ihre Töchter in die grichischen Schulen, wo sie gar. nichts vom Judentum erfahren, während der allergrößte Teil der Mädchen ohne jeden Unterricht heranwächst. Von der männlichen Jugend tritt ein Teil nach Beendigung der jüdischen Elementarschule in griechische Mittelschulen ein, wo sie das geringe jüdische Wissen, das ihnen in ihrer Kindheit beigebracht worden ist, allmählich wieder verlernen. Viele Knaben erhalten keinen weitern Unterricht, sondern werden gleich nach dem Austritt aus der jüdischen Volksschule dem kaufmännischen Berufe zugeführt. Eine beträchtliche Anzahl von Knaben besucht überhaupt keine jüdische Schule, sondern empfängt auch den Elementarunterricht in einer christlichen Schulanstalt. Trotzdem sind die meisten Juden in Larissa jüdisch-national gesinnt. Es gibt dort sogar zwei zionistische Vereine, „Mewassereth Zion" und „Ohawe Zion", die der zionistischen Landesorganisation in Bulgarien angeschlossen sind. Der erstgenannte Verein ist bestrebt, Mittel aufzubringen, um einige jüdische Jünglinge aus Larissa an dem Lehrerseminar des Hilfsvereins in Jerusalem zu Lehrern auszubilden, damit sie nach ihrer Rückkehr im Interesse einer Verbesserung und Vertiefung des jüdischen und namentlich hebräischen Unterrichts an den jüdischen Schulen Griechenlands wirken können. Vor kurzem hat Herr Lehrer A. Azovi einen hebräischen Abendkursus in Larissa eingerichtet, der sich eines ziemlich guten Besuches erfreut und von der jüdischen Gemeinde gefördert wird. Die jüdische Gemeinde in Volo ist kleiner als die im benachbarten Larissa. Sie zählt etwa 1000 Seelen. Die Juden in Volo sind größtenteils wohlhabende Kaufleute, meist Getreidehändler, doch gibt es unter ihnen auch Handwerker. In jüdisch-kultureller Hinsicht bieten sie ein noch weniger erfreuliches Bild dar als die Juden in Larissa.. Es erweist sich an ihnen die Wahrheit des alten Spruchs, wonach materieller Wohlstand auf die jüdische Eigenart und die Treue zum Judentum oft vernichtend einwirkt. Die reichen Juden sind hier in ihrer Mehrzahl dem Judentum ganz entfremdet und suchen sich den Griechen in jeder Beziehung anzugleichen] Der jüdische Jugendunterricht liegt sehr im argen. Die Gemeinde besitzt eine von der Regierung subventionierte Elementarschule, die von 30 Knaben besucht wird. Die übrigen jüdischen Schulknaben gehen in christliche Schulen und erhalten gar keinen jüdischen Unterricht. Für eine jüdische Erziehung der Mädchen geschieht nicht das Geringste. Ähnlich liegen die Verhältnisse in der nahen Stadt Trikkala, die 700 jüdische Einwohner zählt. Was die jüdische Bevölkerung der griechisch en Hauptstadt betrifft, so gab es dort vor etwa 30 Jahren bloß vereinzelte arme Juden, die im ärmsten Viertel Athens, in der Nähe des Theseustempels wohnten. Aus diesem unscheinbaren Häuflein hat sich im Laufe der Zeit eine angesehene Gemeinde entwickelt. Doch nicht nur die Zahl der Juden in Athen hat zugenommen — sie beläuft sich gegenwärtig auf annähernd 400 Seelen, —sondern auch ihre materielle und soziale Lage hat sich bedeutend gehoben. Sie leben mit ihren christlichen Nachbarn in gutem Einvernehmen und haben sich zu angesehenen Bürgern herangebildet. Nicht zum geringsten ist dieses Aufblühen der jüdischen Gemeinde Athens auch auf die Toleranz der Regierung den Juden gegenüber zurückzuführen. .Obwohl in den von Juden besuchten griechischen Schulen der Religionsunterricht nur für christliche Schüler obligatorisch ist und die jüdischen Schüler vom Religionsunterricht dispensiert sind, hat das Parlament seine Unterstützung für die von der jüdischen Gemeinde noch besonders unterhaltene jüdische Schule bereitwilligst zugesagt. Das Interesse für die hebräische Sprache wird überhaupt von der derzeitigen griechischen Regierung gefördert. So steht, auch der Unterrichtsminister sehr sympathisch dem neu einzurichtenden Lehrstuhl für Hebräisch an der Universität Athen gegenüber. Professor Diomedos Kyriakos hat nämlich auf das Bedürfnis für diesen neuen Lehrzweig beim Minister nachdrücklich hingewiesen und als Lehrer den bedeutenden Hebraisten Herrn Professor Pandyotopoulos empfohlen. Nur dieser judenfreundlichen Gesinnung der griechischen Behörden ist es zu verdanken, daß sich auch in andern Städten des Landes aus kleinen Anfängen stattliche Gemeinden entwickelt haben. -'So gibt es nach dem soeben erschienenen 2. Band der Ergebnisse der Volkszählung im Königreich Griechenland vom Oktober 1907 außer den vorher erwähnten noch folgende größere Judengemeinden im Lande: in K;erkyra auf Korfu 2186, in Volos 885, in Arta 409, in Chalkis auf Euböa 275, in Zakynthos 146 Juden. In Korfu besteht auch ein zionistischer Verein, dem Gg. Dr. J. Battino vorsteht und der eine verhältnismäßig ausgedehnte Propaganda für die zionistischen Institutionen, insbesondere den Jüdischen Nationalfonds entfaltet. Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Die jüdischen Rekruten Tagtäglich fahren mit den Zügen und Schiffen jüdische Rekruten nach dem rumelischen Westen, tagtäglich treffen andere aus dem Westen für die Kasernen der Hauptstadt ein. Sie erschein fürsorglich warm eingekleidet, was bei der plötzlich wider alle Erwarten eingetretenen Frühjahrskälte recht beruhigend wirkt. Die Aufnahme in den Kasernen ist nach dem übereinstimmenden Zeugnis aller eine überaus freundliche, die Behandlung durch die Offiziere geradezu zart rücksichtsvoll, das Essen wird sehr gelobt. Auch das Verhalten der vielrassigen und vielsprachigen Rekruten zueinander wird als ein vorzügliches geschildert. Obwohl nun alle diese Mitteilungen nicht als Garantien für ein gleich angenehmes Soldatendasein für die ganze Dauer des Dienstes anzusehen sind, so haben sie doch vielfach sehr beruhigend auf die vor der außerordentlichen Neuerung etwas besorgte Bevölkerung gewirkt. Durch den Abzug einer großen Zahl erwerbender Elemente, die zum Teile die Stütze ihrer Familien sind, ist in den Konstantinopeler untern jüdischen Volksschichten vielfach bittere Not entstanden, und das Großrabbinat wie die Verwaltung der Aschkenasimgemeinde sind durch Hilfsbedürftige die ganzen letzten Wochen hindurch bestürmt worden. Leider konnte bisher aus Mangel an Mittern nur sehr wenig zur Linderung des Elends geschehen. Es hat sich infolgedessen unter Initiative Rabbi Nahums das Projekt gebildet, eine Hilfskasse für die Familien der Rekrutierten zu gründen. Eine feste Gestaltung hat dieser Plan freilich noch nicht angenommen; aber es steht zu hoffen, daß die Juden den gleichen Eifer für diesen Gedanken sozialer Selbsthilfe zeigen werden, wie für die patriotischen Flottensammlungen. Der Großrabbiner von Salonik hatte telegraphisch den Chachambaschi ersucht, dahin zu intervenieren, daß die Losziehung der Rekruten nicht am Sabbat stattfinde. Nach Meldungen der Saloniker Presse hat der Minister des Inneren in diesem Sinne dem Wali telegraphische Instruktionen erteilt. Der Chachambaschi hatte des Weiteren die Regierung darauf aufmerksam gemacht, daß in den Provinzen die Altersfeststellung der Rekruten nicht vorschriftsmäßig erfolge. Der Justizminister hat daraufhin die Wilajets informiert, daß jede Reklamation wegen der Altersberichtigung, selbst nach der Rekrutierung, in Betracht zu ziehen ist. Auch die schon Kasernierten sind nötigenfalls entweder zurückzuholen oder es ist in ihrer Abwesenheit durch Zeugenaussagen die Feststellung des Alters vorzunehmen. In Salonik wurde den Rekruten vergangenen Sonnabend vom „Cercle des Intimes" ein großes Bankett gegeben, an dem die Zivil- und Militärbehörden teilnahmen. — Ferner fand auf Initiative des „Grand Cercle Israelite" am Montag eine Versammlung statt, an der sich Delegierte aller jüdischen Vereinigungszentren der Stadt beteiligten, um die Frage der Schaffung einer Hilfskasse für die infolge der Rekrutierung brotlos gewordenen Familien zu studieren. Aus Gallipoli meldet der „Telegrafo" folgenden hübschen Vorfall: Als die neuen Rekruten in der Kaserne ihre erste Mahlzeit einnehmen sollten, machte ein jüdischer Rekrut den Wachthabenden darauf aufmerksam, daß man die Soldaten nicht nach Rassengruppen getrennt, sondern zusammen, wie rechte Söhne eines Vaterlandes, hätte setzen sollen. Dieser Bemerkung wurde sofort Folge .gegeben. Derselbe Rekrut bemerkte jedoch weiter, es sei kein einziger Mohammedaner bei Tische, und zur Vereinigung der Elemente gehörte der Türke auch. Augenblicklich kommandierte der diensthabende Offizier die Onbaschis herbei, und die Friedensmahlzeit konnte endlich ihren Anfang nehmen. Der amerikanische Botschafter als Jude unter Juden Mr. Oskar Strauß, der hervorragende jüdische Vertreter Amerikas, der heute zugleich einer der glänzendsten Vertreter des jüdischen Namens in der Türkei ist, befindet sich gegenwärtig auf einer Rundfahrt zum Besuche der amerikanischen Konsulate des Orients. Auf dieser Fahrt, die ihn in Kairo mit dem Expräsidenten Roosevelt zusammenführen und mit einem Aufenthalt im Heiligen Lande ihren Abschluß finden wird, passierte Herr Strauß unter anderm auch Salonik. -.v.r. Dort wurde er vom Großrabbiner Jakob Mejr und einer Delegation des Gemeinderates an Bord seines Schiffes begrüßt; auch der Cercle des Intimes sandte seine Vertreter. Gegen vier Uhr nachmittags fand in der großen Talmud-Thora ein feierlicher Empfang statt. Dort waren der geistliche und der Laienrat der Gemeinde, die Behörden und Kommissionen derselben, das Lokalkomitee der