Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 12 (25.3.1910)
- Date
- 1910-03-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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der Seele ihres eigenen oder gewesenen Volkstums allen Zusammenhang verloren zu haben vermeinen, — sie bestätigt es gerade in all den Gestaltungen, die das Individuelle, Persönliche am tiefsten zum Ausdruck bringen. Auf diese Erkenntnis eben beruft sich der Zionismus. Er weiß ganz gut, daß es assimilierte Juden gibt, das heißt: Juden mit einem jüdischen Stammesbewußtsein und mit einem andern Nationalitätsbewirßtsein. Er verzichtet aber auf sie keineswegs, da er das Judentum von einem historisch-nationalen Gesichtspunkte bewertet, wonach jene Assimilation nichts Organisches, sondern eine Abnorm darstellt, die also eine Renaissance des assimilierten historischjüdischen Bewußtseins nicht als einen Gewaltakt verdächtigen kann. Haben wir denn nicht von Anfang an gewußt, daß unsere Organisation höhere und niedrige Abstufungen des Nationaljudentums, richtiger vielleicht: Abstufungen einer nationalen Assimilation, Juden mit westeuropäischassimiliertem Nationalitätsbewußtsein und jüdischnational bewußtere Juden des Ostens, die, man möchte sagen, unbewußt ebenfalls assimiliert sind, in sich vereinigt—vereinigt eben durch eine Bejahung desNationaljudentüms, durch ein Streben nach Steigerung des Nationalitätsbewußtseins? So können Stammesbewußtsein und Volksbewußtsein nur als verschiedene Grade eines nationalen Bewußtseins.betrachtet werden. Wie eng sie miteinander zusammenhängen, können wir leicht daraus ersehen, daß sie in ihrem Wachsen und Abnehmen sich stets gegenseitig bedingen: je stärker das Stammesbewußtsein in einem Individuum, desto mächtiger in ihm auch das Nationalitätsbewußtsein. Gleichviel, sie sind für das zionistische Bekenntnis moralisch gleich qualifiziert, da es hier auf den Willen und die durch ihn antizipierte Zukunft, auf das „Soll", nicht auf den gegenwärtigen Stand, auf das „Sein" ankommt. Mit dem Willen zum Nationaljudentum hört der assimilierte Jude, oder, was dasselbe ist, der Stammesjude mit assimiliertem Nationalitätsbewußtsein sofort auf, Assimilationsjude zu sein, wenn er auch noch assimilierter Jude bleibt. Dieser Wille ist die Grundlage der nationalen und der zionistischen Idee. Damit behaupten wir zwei Momente: dieser Wille ist die elementare Voraussetzung des Zionismus; dieser Wille zu einer neuen Zukunft ist als elementare Voraussetzung ausreichend, trotz des ihm gegenüberstehenden assimilierten Gegenwartsbewußtseins; ausreichend deshalb, weil dieses Bewußtsein eine Abirrung darstellt und keineswegs schon einen selbständigen Inhalt besitzt, der von jenem Willen nicht umwertet und zur Norm zurückgeführt werden könnte. Oppenheimer verneint nun beide Momente. Dieses assimilierte Nationalitätsbewußtsein versteht er als unabänderlich normal Gegebenes; begnügt sich anderseits für den Zionismus mit einem Stammesbewußtsein assimilierter Juden, das, weil auf Vergangenheit bezogen, dem sichern Untergang geweiht, mit jeder weitem Entrückung der Vergangenheit abgeschwächt werden und zu einem schwächlichen Pietätsgefühl sich endlich verflüchtigen muß, — ein Bewußtsein, das vielleicht noch philantrophische Sympathien für den „Stamm" auszulösen vermag, aber doch gar keine Rolle in der Aufrichtung eines Volkes und seines Landes spielen kann und darf. Oppenheimer behauptet und fordert also das Gegenteil von dem, was wir als Grundlage des Zionismus erkennen zu müssen glaubten: das assimilierte Bewußtsein sei nicht umzuwerten und solle es auch nicht; der Wille zum Nationaljudentum sei für die westeuropäischen Juden nicht möglich und dürfe nicht als Bedingung vom Zionismus aufgestellt werden. Warum diese Umwertung nicht möglich und auch nicht wünschenswert sei, — dies erklärt uns Dr. Oppenheimer bei der Bestimmung des Kulturbewußtseins, die auf die kulturelle Überlegenheit des westeuropäisch assimilierten Nationälitätsbewußtseins gegenüber dem jüdischen hinweist: „Wir können nicht rückwärts und wollen nicht rückwärts." Wir werden in einem unserer nächsten Kapitel noch die Gelegenheit haben, dieses auf das Kujturjudentum bezogene „Rückwärts" näher zu beleuchten und glauben daher von einer weitern Erörterung des Korrelats des Nationalitätsbewußtseins, — des Kulturbewußtseins hier absehen zu dürfen. Wichtig ist uns zunächst die Forderung Dr. Oppenheimers für den Zionismus, die Bedingung der nationalen Erkenntnis, jenes nationalen Willens und Bekenntnisses, aufzugeben. Meint er etwa, daß damit das Nationale der zionistischen Idee überhaupt aufgegeben werden soll? Keineswegs. Es gibt noch ein Volkselement, das diese Idee in ihrer nationalen Prägung vertreten kann, — es gibt noch Ostjuden, die dank ihrem kulturellen Rückschritt National- und Kulturjuden sein können... Die Forderung gilt nicht für die zionistische Idee, sondern für die zionistische Organisation. Wir machten bereits darauf aufmerksam, daß eine Organisation nie ihrer Idee adäquat sein kann. Sie kann nicht so rigoros sein wie die Idee, sie muß elastischer sein, eine größere Aufnahmekapazität besitzen. Und jede Organisation muß somit ein Mitläufertum haben, das oft auch Gefahren für die Idee birgt. Aber es gibt gewisse Grundlagen, die unerschüttert bleiben müssen, sonst bleibt die Organisation ohne Idee. Und zu solchen Grundlagen unserer Idee gehört ja das Nationalkulturelle. Gegen dessen Verdunklung oder gar Ausschaltung muß also selbst aus dem Standpunkte der Organisation, geschweige dem der Würde und Strenge der Idee, Stellung genommen werden. * * * Wir sagten, die Kundgebung Dr. Oppenheimers war für viele unserer Gesinnungsgenossen eine angenehme Überraschung. Nicht nur, weil sie dadurch ihr Gemüt entlastet fühlen, sondern auch, weil sie es im Interesse des Zionismus für nötig halten, den Rahmen unserer Organisation zu erweitern und den Zionismus auch für viele unserer Gegner annehmbar zu machen. Wir vermögen nicht zu entscheiden, ob diese zionistische „Herzerweiterung" eine krankhafte Erscheinung ist, ob diese Ansicht einer pessimistischen Stimmung — angesichts der großen Ansprüche unserer Aufgaben — entstammt, oder von andern Motiven begleitet ist. Immerhin bedeutet dieses zionistische Interesse eine Unterschätzung der Kraft der Idee und eine Überschätzung des Organisationsfaktors, in diesem Falle der praktischen Arbeit. Es muß doch aber die Frage gestellt werden: Wie soll eine Organisation gerade durch deß Verzicht auf ihre Grundidee das zu leisten befähigt werden, was die Macht dieser Idee zu leisten nicht vermag? Und allenfalls muß es doch bezweifelt werden, ob der Austausch der zionistischen Seele etwa gegen zionistische Schekel einen zionistischen Gewinn bedeutet.