Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 12 (25.3.1910)
- Date
- 1910-03-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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No. 12 DIEE^ELT 259 heiten und Verdunklung^ befestigen zu müssen glaubt, als ob es möglich wäre, — ja, als ob es nötig wäre. Als bestände nicht vielmehr die Kraft einer Idee in ihrer Ganzheit und Reinheit. Und somit gehen wir zur logischen Analyse über. Wir glauben nicht, daß der Aufsatz Dr. Oppenheimers auf wissenschaftliche Qualitäten Anspruch machen will. Schon deshalb nicht, weil er die verwickeltsten sozialen und kulturellen Probleme, die einer wissenschaftlichen Erfassung um so schwieriger sich ergeben als sie inmitten des Lebensgewühls stehen und von Qefühlsaffekten stets begleitet sind, mit einer bewundereswerten stilistischen Leichtigkeit streift und eigentlich umgeht. Man hat aber ein Recht darauf, von einem Mann wie Oppenheimer zu fordern, daß er zuvörderst die Basis seiner Anschauungen^ die eine Unwertung des Zionismus besagen sollen," theoretisch gut fundiert, damit eine Auseinandersetzung überhaupt möglich wird. Er entzieht sich dieser Aufgabe. Keine methodische Bestimmung der so schwierigen strittigen Begriffe: Nation, Stamm, Kultur, Bewußtsein und der Annexe: Nationalitätsbewußtsein, Stammesbewußtsein, Staatsbewußtsein usw., sondern ein dogmatisches: so ist es. Man mißverstehe uns nicht. Wir meinen damit keineswegs, daß eine theoretische Auseinandersetzung über den Zionismus, selbst wenn sie eine wissenschaftliche Note trägt, eine wissenschaftliche Darlegungsform bedingt. Sie darf eine publizistische, ja auch journalistische Form haben. Aber es verletzt die Einheitlichkeit des Denkstils, die Methode, wenn man mit wissenschaftlichen Begriffen in einer publizistischen Art so operiert, daß es den Verdacht einer wissenschaftlichen Begründung erweckt. Diese Bequemlichkeit bringt uns in die mißliche Lage, ein Gebiet betreten zu müssen, das scheinbar nur das Terrain jenes Artikels ist. So haben sich einige seiner Opponenten veranlaßt gesehen, ihn von der Warte der Wissenschaft aus zu beobachten und zu prüfen, ohne aber für diesen Gesichtspunkt in besagtem Artikel die nötigen Anhaltspunkte zu finden. Sie haben daher vielleicht eine richtige, aber überflüssige Kritik geübt. Wir wollen diesen Fehler vermeiden und die Behauptungen Dr. Oppenheimers in sich geschlossen behandeln, d. h. ihren Gehalt einer logischen Untersuchung unterziehen, ohne über die Grenzen ihrer wissenschaftlichen Qualifikation hinauszugehen. Wenn" man den Aufsatz Dr. Oppenheimers auf seine innere Folgerichtigkeit prüft, erfährt man gleich, daß der oben gekennzeichnete methodische Fehler sich auf der ganzen Linie rächt. Abgesehen von den mehrfachen Widersprüchen, denen der Verfasser bei der willkürlichen Begriffsbildung nicht entgehen konnte und die bereits in einem andern Blatte nur teilweise aufgezählt wurden, zeigt der Grundgedanke solche Lücken auf, über die uns nicht einmal der geistreiche und glänzende Stil der Darlegung hinwegtäuschen kann. Dieser Grundgedanke besagt die Unterscheidung des jüdischen Bewußtseins in Stammes- und Volksbewußtsein. ,,Das Stammesbewußtsein geht auf Vergangenes; es ist überall da vorhanden, wo das Individuum das Bewußtsein hat, von einem Volkstum abzustammen, das dem Volkstum, dessen Bürger es zurzeit ist, an Ruhm und Adel mindestens gleich ist." Man sieht gleich, das Stammesbewußtsein, das auf Vergangenheit gerichtet ist, bildet sich nur dann zu einem selbständigen Inhalt aus, wenn das Individuum in einer andern Gegenwart, in einem andern Volkstum lebt, „dessen Bürger es zurzeit ist", — genauer, wenn es ein anderes Volksbewußtsein hat. Denn das Volksbewußtsein geht auf Gegenwärtiges: „auf Gemeinschaft der Zwecke, der Sitte, der Wirtschafts- und Rechtsbeziehungen usw. und der geistigen Kultur". Also, dem Stammesbewußtsein mit seinem romantischen Inhalt steht das Volksbewußtsein mit einem unermeßlichen Inhalt der Realität: der Sprache, Sitte, Wirtschafts- und Rechtsbeziehungen — und der geistigen Kultur gegenüber. „Wir Westjuden haben jüdisches Stammesbewußtsein, die Ostjuden jüdisches Volksbewußtsein." Stimmt es, so ist die am Schlüsse des Oppenheimerschen Aufsatzes als dessen eigentlicher Zentralpunkt auftretende Frage: Kann ein solcher Westjude Zionist sein? — wohl gerechtfertigt. Dieses armselige Stammesbewußtsein, das jedes realen Inhalts bar ist und der Macht der Realität eines Volksbewußtseins: der Sitte, Sprache, Recht, Wirtschaft und schließlich auch der Kultur gar standhalten soll, — dieses lose und weichliche Bewußtsein etwa der Pietät kann wahrlich nicht für die Idee einer Volksbewegung, für die Renaissance eines Volkes auch nur ein Surrogat, geschweige ein Agens bilden. Aber es ist eine Selbstverleugnung, Selbstverleumdung, wenn ein westeuropäischer Zionist sagen wollte: Ich habe nur Stammesbewußtsein. Oder dieses Stammesbewußtsein will mehr bedeuten, als es Oppenheimer meint. Ein Analogon dazu mag der Assimilationsjude bilden, der sich nur verleumdet, wenn er meint, er sei kein Jude mehr. Er ist mehr, er ist besser, als er glaubt. Und hat er es eingesehen, so ist er auf dem Wege zum Nationaljudentum. Sehen wir uns das Stammesbewußtsein an und versuchen wir nun, seinen Wert zu ermessen. Das Stammesbewußtsein bezieht sich auf Vergangenes, das Volksbewußtsein auf Gegenwärtiges. Angenommen. Aber wie mag das Gegenwärtige einen selbständigen Bewußtseinsinhalt bilden, als ob die Gegenwart von der Vergangenheit losgetrennt und nicht vielmehr als deren Resultante zu betrachten wäre? Freilich, es handelt sich hier um ein Bewußtsein, das abgebrochen wurde und einen neuen Inhalt aufgenommen hatte. Und wenn hier vom Gegenwärtigen die Rede ist, kann nur ein solches Gegenwartsbewußtsein gemeint sein, das schon eine Vergangenheit hat. Nur ein solches darf als ein besonderer Inhalt ausgezeichnet werden. Hier entsteht uns aber die Frage: wie alt ist die Vergangenheit dieses neuen Inhalts, daß er die Realität des alten Inhalts vernichtet und uns nur einen Reflex auf Vergangenes zurückgelassen hätte? Diese Frage enthält für unsern Fall fast die Antwort: da ja die Vergangenheit des jüdischen Bewußtseins ziemlich groß, hingegen die des neuen auf Gegenwärtiges gerichteten Bewußtseinsinhalts verhältnismäßig neuen Datums ist. Ist es historisch-logisch denkbar, daß das jüdische Bewußtsein eines nach Jahrtausenden zählenden Alters durch das junge nichtjüdische Bewußtsein abgetan sein soll? Aber nicht nur die Geschichtslogik spricht dagegen, sondern auch die Alltagswirklichkeit, die eine kontinuierliche Erhaltung des jüdischen Bewußtseins auch in den Individuen bestätigt, die es selbst nicht wissen; die, weil Bürger eines andern Volkstums, mit