Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 12 (25.3.1910)
- Date
- 1910-03-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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258 DIE^ELT No. 12 mußte; wozu sich eine vorzugsweise finanziell sehr vorteilhafte Expansionsmöglichkeit nehmen lassen und Feinde heraufbeschwören, die wir durch den kleinen Verzicht auf eine Nebensächlichkeit — das Nationale — leicht loswerden, das will heißen, zu den Unsrigen -zählen könnten? . . Und ferner: wie hat es geschehen dürfen, daß wir bis dato über die Kluft zwischen jüdischem und nichtjüdischem Nationalismus uns nicht hinwegsetzen, hingegen eine Kluft übersehen konnten, die nunmehr plötzlich zum Vorschein gekommen sein soll, — die zwischen Ost und West? Diese Fragen, die sich jedem Denkenden, Nochdenkenden aufdrängen müssen, sind wohl geeignet, die psychologische Problemstellung zu ermitteln und mithin die Lösung anzubahnen. Sie erhalten aber eine falsche Färbung und schlagen in ihren methodischen Gegensatz um, wenn sie das Motiv der Bestürzung und Beängstigung auslösen. Wer die zionistische Idee historisch zu erfassen und zu würdigen gelernt hat, den kann jene symptomatische Kundgebung weder wundernehmen noch beunruhigen. Ich will es erklären. Der Weg einer Idee ist nicht die gerade Linie, seine Bildungsfläche nicht die Ebene. Kurvenartige Auf- und Abstiege, die wir als Fort- und Rückschritt registrieren, bilden die sich gegenseitig immer ablösenden Momente im sozialen Entwicklungsgange einer Idee. Dieser Rückschritt ist aber nicht minder als ein integrierender Bestandteil des allgemeinen Fortschritts zu denken, weil Bedingung und Vertiefung der Entwicklung: der Fortschritt wird durch den ihm folgenden Rückschritt von der Beimischung der fremden zufälligen Elemente geläutert und in seinem Wesen bestimmt, um alsdann nach bestandenem Kampfe als befestigtere und geklärtere Erkenntnis siegreich hervorzugehen. So gibt es ein gewisses Stadium in der Entwicklung einer sozialen Idee, das wir als das Stadium des Enthusiasmus bezeichnen dürfen. Es ist das Anfangsstadium. Seine Hauptmerkmale sind: Pathos, Illusion. In diesem Stadium werden die Differenzierungen innerhalb des Umfangs jener Idee, die eine Gruppe als Einheit erscheinen läßt, nicht oder wenig beachtet. Allzusehr sind dann die Menschen von der Idee beherrscht, als daß sie die Idee zu beherrschen fähig wären. Nun tritt das Stadium ein, wo das Gefühlselement, das doch seinen tiefern Grund im Verstandesgehalt der Idee hat, gesättigt und ausgelebt der Erkenntnis Platz macht. Die begriffbare Verschwommenheit weicht allmählich zurück, die Differenzierungen treten hervor. Es folgt eine Revision der Anschauungen, und die Korrekturen, die an ihnen vorgenommen werden, sind oft so groß, daß sie mit Recht als Umsturz empfunden werden. Dieser Zustand erscheint als Rückschritt, insofern die durch die Gefühlsverdunklung ermöglichte Einheit sich zu differenzieren beginnt, ist aber im Grunde genommen ein wesentliches Glied des Fortschritts im Bewußtsein vom Unklaren zur Bestimmtheit und Prägnanz. Und dies bedeutet gewöhnlich eine intensive Kräftigung an Stelle extensiver Elastizität. Diesen Prozeß können wir auch an der zionistischen Idee beobachten. Auch sie begann mit dem Stadium des Enthusiasmus, des Pathos und der Illusion, die unter den vielen andern Vorteilen einer Erhebung über manche Realitäten auch den Vorteil einer Vereinigung tiefgreifender Differenzen gewährte. Diese wurden aber nur verwischt, keineswegs aufgehoben. Nur Kurzsichtigen war das Vergnügen vergönnt, diese so viele Gegensätze zusammenfassende Einheit als stabile und sichere Position einzuschätzen. Wer - Geschichtssinn besaß, der mußte wissen, daß diese Einheit nur den Wunsch nach Einheit darstellt. Und er kann sich darüber kaum wundern, wenn nach vierzehn Jahren Zionismus das Pathos und die Illusion, die naturgemäß auch die Phrase in Kauf nehmen müssen, vor der Tendenz des Bewußtseins zur Klärung und Vertiefung endlich zurückweichen. Der Zionismus ist bereits in sein zweites Stadium eingetreten, das der Erkenntnis, die einen höhern Grad der Aufrichtigkeit im zionistischen Bekenntnis zu bedeuten hat. Da müssen manche unter uns sich enttäuscht entdecken. Sie gelangen nun zur Einsicht, daß das zionistische Ideal mehr ist, als sie ahnten, und von ihnen mehr fordert als sie darauf gefaßt waren. Sie fühlen sich angesichts der historisch-begrifflichen Kristallisierung des zionistischen Postulats in seiner Strenge und Würde gleichsam betrogen. Dehn gar mancher hat sich zum Zionismus bekannt, ohne jedoch auf die rigorosen Konsequenzen der zionistischen Lehre vorbereitet zu sein. Freilich aufrichtig, — doch haftete •an dieser Aufrichtigkeit die Phrase, die ehrliche Phrase. Das mußte sein, und darüber ist nicht zu klagen. Eine Volksorganisation kann nie, — um mit, richtiger: gegen Achad-Haam zu sprechen, — eine „Gemeinde von Priestern4* sein und soll es auch nicht. Sie muß vielmehr eine Schule auch für Laien sein, die nur den guten Willen zu lernen als Legitimation mitbringen. So mußte und muß unsere Organisation auch für, sagen wir, „Anfänger" — deren Erkenntnis noch von einem nichtjüdischen Nationalismus befleckt ist — Platz haben, um sie in erzieherischer Art für die Aufnahme der vollwertigen zionistischen Idee, kurzum für die zionistische Reife vorzubereiten. Was geschah nun? Viele haben im Zionismus gelernt und gut gelernt, viele auch nicht. Wer daran schuld ist, die zionistische Organisation als Schule oder jene Zionästen als Schüler? Wir vermögen es nicht zu entscheiden, und es kommt ja schließlich, wenn man es gründlicher beurteilt, auf eins heraus. Und so mußte es kommen, daß manche Zionisten sich gegen die zionistische Lehre zu wehren beginnen. Dazu gehört Aufrichtigkeit: gar viele wagen es nicht. Dazu gehört Mut. Franz Oppenheimer hat ihn. Es ist ein Fortschritt. Wie gesagt, ein Fortschritt der Erkenntnis. Es ist viel von Respekt in dieser Abwehr des nationalen Moments im Zionismus, — Respekt vor der Bedeutung und Tragweite dieses Moments. Und es ist wenig von tiefem Respekt in der Ansicht, daß wir die Diskussion über das Nationale hätten besser nicht eröffnen sollen, — womit auch ein Vorwurf gegen die „Welt" erwidert sein mag. Wer historischen Sinn für die zionistische Idee hat, der kann nur wünschen, daß die vielen, für die Oppenheimer das erlösende Wort gefunden, ihren Theoretiker nicht im Stiche lassen und sich zum Wort melden. Oder wäre das Schweigen aufrichtiger als das zu erwartende Wort? Wer dabei Schaden für den Zionismus befürchtet, bestätigt nur, daß auch er noch die Erörterung der Frage nicht entbehren kann, da er die zionistische Idee nicht historisch zu denken vermag und sie durch Halb-