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Die Welt · 1910-03-25 · 12 (25.3.1910) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
12 (25.3.1910)
Date
1910-03-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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No. 12 DIEIaKELT 257 Auslande zur Vorrückung der politischen Einflußsphäre auf türkisches Gebiet benutzt werden kann. Albanien und Mazedonien sind sprechende Exempel, und das Wettlaufen europäischer Großstaaten in der Gründung von Schulen in ihren jeweiligen Sprachen auf türkischem Boden gab ebenfalls zu denken. Wir wissen auch, daß derAlliance und ihren französisch-sprachlichen Schulen nicht wenig Mitwirkung bei der Französierung oder Befestigung des französischen Einflusses in Tunis zugeschrieben wird. Und es ist' heute bereits die Zeit gekommen, wo die Türkei solche Tunisschicksale sich nicht wiederholen sehen und alle solchen Entwicklungen günstige Faktoren vorausschanend und mit Energie beseitigen will. Das ist der Sinn des letzten Wortes des Ministers: „Als nationale Sprache der Juden keine Auslandssprache! Das wäre mit den Interessen des Vaterlandes nicht vereinbar." Die „ Alliance Israelite Universelle", die zionistische Forderungen geflissentlich überhört, wird wohl oder übel diesen Worten des türkischen Ministers für öffentlichen Unterricht Gehör schenken müssen. Es gibt keine andere Instanz in der Türkei, die dahin wirken könnte, daß den Juden eine ausländische Sprache als nationale Sprache aufsuggeriert wird, als sie. Es gibt keinen andern jüdischen Machtfaktor in der Türkei, der sich der Einführung der hebräischen Sprache als der jüdischen Nationalsprache widersetzt, als sie. Gibt sie diese altübernommene und überlebte Schulpolitik nicht auf, so-läuft sie Gefahr, sich mit dem Willen der türkischen Staatsregierung in unvereinbaren Widerspruch zu setzen. Setzt sie aber den Unterricht des Französischen, der heute mit dem. Unterricht jüdischer Kinder überhaupt identifiziert wird, auf das Maß herab, das der Pflege irgendeiner Auslandssprache zukommt, und hebt den hebräischen Unterricht auf die Stufe eines Unterrichts der nationalen Sprache, zugleich das Türkische als die offizielle Staatssprache viel stärker fördernd, so wird sie sowohl mit der ottomanischen Regierung als auch mit dem jüdischen Volkswillen und -empfinden in wohltuendem Einklang stehen. Und das muß das ottomanische Judentum im Interesse seiner politischen Wohlfahrt von ihr fordern. Finnland Vor etwa einem Vierteljahr stand in den führenden Blättern Europas ein von namhaften Persönlichkeiten der deutschen Gelehrten- und Künstlerrepublik gezeichneter Protest gegen die Entrechtung des Großfürstentums Finnland zu lesen. Große, scharf heraustretende Lettern hatten die Blätter für diesen Zweck gewählt, um ihre Leser auf die Wichtigkeit der Sache aufmerksam zu machen, ihr Mitgefühl zu wecken. Das erreichten sie auch. Die öffentliche Meinung, die prachtvolle Massenstimmung, die nur das Gefühl, das Herz sprechen läßt und von der Staatsraison nichts wissen will, gab sich so laut kund, daß ihr Widerhall sogar in die Petersburger Duma drang und dort die echten Russen zu dem alten Lied veranlaßte: Das sind wieder jüdische Verleumdungen! Purischkewitsch sprach das Wort aus und die Rechte applaudierte. Europa protestiert aber weiter. Und wir wollen die Hoffnung aussprechen, daß dem fleißigen, ernsten und hartgeprüften Volk im Land der tausend Seen sein Recht werde. Aber wir wollen gleichzeitig feststellen, daß wir Juden doch auch ein Recht haben, mit den Finnen ein Wörtlein zu reden. Ihr Land ist nämlich vom Russeiitum schon derart infiziert, daß es die Judenausweisung zu einer ständigen Einrichtung erhoben hat. Gerade jetzt, in den letzten Tagen, hat der Senat wieder 40 jüdische Familien cus Helsingfors ausgewiesen. Und gerade jetzt hat die finnische oberste Behörde eine Maßregel getroffen, die von Gewissenszwang schlimmster Sorte diktiert ist. Sie hat das Schächten nach jüdischem Ritus verboten. Die Juden haben die Hilfe des — russischen Generaigouverneurs angerufen. Wir sind weit davon entfernt, zu klagen, zu bitten oder gar die öffentliche Meinung zu molestieren. Wir stellen einfach eine Tatsache fest. So gehen die Finnen, deren Leiden in keiner Anklage fehlen, die man gegen die russische Regierungsmethode erhebt, gegen die an Zahl so geringen Juden vor. Der Haß gegen die Juden ist das allen Nationen Gemeinsame. Wir schreiben dieses Axiom ruhig hin und legen einen neuen Akt zu den übrigen. Auch inJBern ist vor einigen Tagen gegen die Vergewaltigung Finnlands prostestiert worden. Professor Forei hielt eine flammende Rede, nach der man über eine geharnischte Resolution abstimmen sollte. Aber da meldete sich ein jüdischer Student zu Wort und sprach von dem Schicksal seines Volkes in Finnland. Es entstand große Verlegenheit. Professor Forel, der sonst über alle unterdrückten Völker ganz gut informiert ist, gestand seine Unwissenheit. Ein paar jüdische Sozialdemokraten, die anwesend waren, hüllten sich in tiefes Schweigen. So wie sie das immer tun. In Finnland werden aber weiter trotz aller Resolutionen die Juden ausgewiesen und drangsaliert. DIE GRUNDLAGEN Von Dr. Jacob Klatzkin I. Zionismus als Idee und als Organisation Zunächst einige einleitende Worte, die vornehmlich zur psychologischen Analyse unseres Themas beitragen sollen. Der Aufsatz „Stammesbewußtsein und Volksbewußtsein" von Dr. Franz Oppenheimer in Nr. 7 dieses Blattes hat bekanntermaßen Aufsehen erregt. Mehr. Er wirkte wie eine Überraschung. Für gar viele eine unangenehme, für nicht wenige jedoch eine recht angenehme Überraschung. Und umso schmerzlicher für die einen als willkommen für die andern. Wie anders, wenn nach vierzehn Jahren zionistischer Bewegung der elementarste Grundbegriff des Zionismus erschüttert, ja umgestürzt werden soll! Erweckt es nicht etwa den Anschein, als sei diese Bewegung bereits so weit fortgeschritten, daß sie ihren Ausgangspunkt nicht mehr zu finden vermag? Qar mancher unserer Mißgönner dürfte an einer solchen Ironie wohl Gefallen finden und uns siegesbewußt die Hand „zur gemeinsamen Arbeit" reichen . . . Man fragt sich mit Recht: Waren all die heißen Kämpfe um die theoretische Grundlegung derzionistischen Idee, die längst ausgefochten zu sein schienen, nicht gründlich genug, um die nationale Erkenntnis als Basis, als das unantastbare Prinzip des Zionismus zu sichern? Und wie ist es anderseits zu verstehen, daß seit der Festlegung des Basler Programms bis zur Kundgebung Oppenheimers diese Erkenntnis als das zionistische Bekenntnis zu gelten vermochte, — und zwar als eine banale Selbstverständlichkeit, die nur unsere Widersacher stutzig machen konnte, als eine conditio sine qua non, die immerdar die Aufnahmefähigkeit unserer Organisation beschränkte und die Ausdehnung unseres Lagers begrenzte? Wozu haben wir den Zionismus mit dem Schicksal und den strengen Forderungen der nationalen Idee verknüpft, die naturgemäß abschreckend wirken und den sachlichsten Grund für eine Gegnerschaft bieten 2

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