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Die Welt · 1910-03-25 · 12 (25.3.1910) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
12 (25.3.1910)
Date
1910-03-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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256 DIEIaXELT No. 12 Regierung, wie wir bereits mitteilen konnten, die Subvention auch der nichtmohamedanischen Schulen beschlossen. Und so ist endlich auch die Kapitalfrage des Militärdienstes der Christen und Juden in energischer und toleranter Weise zugleich zur Lösung gekommen. Aber auch für uns Juden direkt hat sich diese Frontschwenkung auffallend und erfreulich fühlbar gemacht. Konnten noch vor kurzer Zeit Befürchtungen dahingehend auftauchen, ob nicht die türkische Regierung eine starke Beeinflussung des jüdischen Schulwesens und die Einführung des Türkischen als vorherrschende Sprache versuchen würde, so kann heute keine Rede mehr davon sein. Und wenn gewisse jüdische Politiker, deren Vorsicht auch der bessere Teil der Tapferkeit ist, unsere Bestrebungen zur Verbreitung unserer nationalen, der hebräischen Sprachen unter den türkischen Juden als gefährliche Unternehmungen ausgeben konnten, die einen antipatriotischen Charakter an der Stirne trügen und „oben" den Verdacht aufkommen lassen könnten, daß hier ein Anfang zu jener nationalkulturellen Sonderstellung im Entstehen sei, die im Sinne des zionistischen Endzieles liege und den Regierenden der Türkei absolut nicht genehm sei, so werden sie jetzt wohl oder übel ihre pessimistisch geschwärzten Segel streichen müssen. Es liegt eine ganz unzweideutige Äußerung der Regierung selbst über diese Frage vor, die nicht verfehlen wird, Aufsehen zu erregen, ja für die Entwicklung der ottomanischen Juden in kultureller Richtung epochemachend werden kann. Es handelt sich um eine Unterredung mit Emrullah Bej, dem gegenwärtigen Minister des öffentlichen Unterrichts, die vor einigen Tagen unser Gesinnungsgenosse M. J. Cohen im Auftrage der „Aurore" gehabt hat. (vergl. „Welt" Nr. 11). Daß Emrullah Bej ein wahrhaft aufgeklärter Mann sei, eigentlich der erste moderne Unterrichtsminister, den die konstitutionelle Türkei besitzt, war schon aus den ersten Aktionen dieses Mannes seit seiner Amtsübernahme zu erkennen. Mit einem wahren Feuereifer sind die Reformen im Erziehungswesen aufgenommen worden, und bei jeder Gelegenheit von ihm die weitschauendsten und weitherzigsten Gesichtspunkte in den Vordergrund gerückt worden. Nichts aber bestätigt so sehr den vortrefflichen Eindruck, den das patriotische Wirken dieses Mannes machte, als seine freimütigen und furchtlosen Bemerkungen über die Juden und ihre Sprache, die eigentlich mehr als das, nämlich ein Appell an die Juden selber sind. Das Interview nahm folgenden Verlauf: „Exzellenz," begann der Interviewer, „ich komme, Sie in einer Angelegenheit, die zwar direkt und in erster Reihe die Juden des ottomanischen Reiches interessiert, die aber für das Reich selbst und für das universelle Judentum nicht ohne Bedeutung ist, um Ihre Meinung zu befragen. In der neuen Situation des Landes, die allen Nationalitäten volle Freiheit zur Pflege ihrer nationalen Interessen und ihrer nationalen Sprachen gewährleistet, werden sich die ottomanischen Juden bald genötigt sehen, ebenfalls eine nationale Sprache anzunehmen. Wäre nicht.der polyglotte Charakter des Reiches, so würden, glaube ich, viele ottomanische Juden vorzugsweise für die türkische Sprache optieren. Aber da ein Teil unserer Juden unter arabischer Bevölkerung[lebt und andere unter griechische und bulgarische Bevölkerungen zerstreut sind, so würde die Annahme des Türkischen, die nur für einen Teil des Reiches angängig würde, als nationale Sprache für die Juden deren Zerstückelung und Zerfall nach sich ziehen, was eine ernste Gefahr für sie bedeuten würde. Als Berichterstatter jüdischer Zeitungen des In- und Auslandes würde ich nun gern die Ansicht der ottomanischen Regierung darüber kennen lernen, welche Sprache nach ihrer Meinung die Juden als ihre nationale adoptieren sollten." „Sie wissen ja bereits," entgegnete der Minister, „daß meine Regierung den Nationalitäten prinzipiell volle Freiheit in allem läßt, was die Pflege ihrer Nationalsprache betrifft. Sofern sie nur das Türkische, die offizielle Landessprache, zur Genüge erlernen, so enthalten wir uns vollkommen jeder Einmischung auf diesem Gebiete. Was die Juden betrifft, so ist da noch die Schwierigkeit ihrer Zerstreuung in der Welt, ihres Kosmopolitismus--" „Verzeihung, Exzellenz, ich bitte Sie, zu glauben, daß die Juden nichts weniger als Kosmopoliten sind. So zerstreut sie auch sein mögen, sie lieben die Länder ihrer Zuflucht, und die türkischen Juden insbesondere stehen an Vaterlandsliebe den andern Nationalitäten in nichts nach--" „Ganz gewiß," versetzte Emrullah Bej, „wir sind tatsächlich überaus zufrieden mit unsern Juden. Sie beginnen bereits, sich dem Studium der türkischen Sprache hinzugeben und sind wahrhaftig ausgezeichnete Patrioten. Was nun ihreNationalsprache anbetrifft, warum sollten sie als solche nicht die hebräische Sprache annehmen, die ihnen schon mehr oder weniger geläufig ist, und die, wie man mir sagte, im Begriffe ist, sich zu modernisieren?" „Ja, aber es handelt sich darum, zu wissen, ob die Regierung es nicht vielleicht übel vermerken würde, sie eine andere Sprache zur nationalen Sprache machen zu sehen, als die offizielle?" — „Aber absolut nicht! Das Hebräische lieber als jede andere Sprache! Als semitische Sprache wäre das Hebräische uns um so sympathischer, als es den großen Vorteil bietet, den Staatsinteressen gegenüber völlig neutral zu sein. Ich wiederhole: das Hebräische lieber als jede andere Sprache! Entscheiden sich die Juden für Hebräisch, so würde die Regierung darin absolut nichts Unpassendes erblicken. Falls sie nun auch das Türkische erlernen, werden sie all unsere Mithilfe, alle Begünstigungen erfahren, die der Staat zu vergeben hat, werden wir ihnen Subventionen bewilligen und sie in unsere Staatsschulen aufnehmen. Apropos, gibt es praktische und leichte Methoden zum Unterricht des Hebräischen für kleine Kinder?" „Sehr wohl, Exzellenz, und zwar vorzügliche, die in Palästina und anderwärts bereits sehr befriedigende Resultate ergeben haben. Wir besitzen auch eine sehr reiche, künstlerische und wissenschaftliche Literatur in neuhebräischer Sprache." — „Um so besser also", sagte der Minister. Apropos, viele Ihrer jungen Leute beschäftigen sich auch mit dem Studium fremder Sprachen und hauptsächlich des Französischen. Ich finde das sehr gut für sie, und ich beglückwünsche sie dazu; die Kenntnis fremder Sprachen ist immer nützlich. Mögen sie fortfahren, Französisch, Deutsch, Englisch zu lernen, warum nicht? Aber als ihre nationale Sprache keine Auslandssprache! Das wäre mit den Interessen des Vaterlandes nicht vereinbar!" So weit die Worte des Ministers. Sie bedeuten nichts anderes als eine vollkommene, eindrucksvolle Bestätigung aller von zionistischer Seite über diesen Gegenstand geäußerten Gedanken. Interessant ist die Bemerkung Emrullah Bejs, daß das Hebräische als semitische Sprache den Türken nur willkommen sein kann, offenbar weil ihre Verwandtschaft mit den großen semitischen Bestandteilen der türkischen Sprache eine kulturelle Wechselwirkung zwischen beiden erleichtern kann. Von hervorragender Wichtigkeit ist aber die weit ausschauende Erkenntnis von dem politisch neutralen Charakter des Hebräischen. Wir müssen mit Nachdruck dabei verweilen, daß wir immer vor einer Bevorzugung irgendwelcher europäischen Sprache durch die türkischen Juden als vor einer politisch riskanten Unternehmung gewarnt haben. Wir haben darauf hingewiesen, daß sich politische Konstellationen ergeben können, die eine dieser Sprachen als unliebsame Äusdrucksform einer gerade in der Türkei politisch feindselig betrachteten europäischen Großmacht erscheinen lassen können, so daß die Juden durch ihre Bevorzugung derselben als unpatriotisch oder gar als Bundesgenossen, wenigstens kulturelle, dieser Auslandsmacht verschrien werden könnten. Die Türkei hat gerade genug peinliche Beispiele davon gehabt, wie eine Sprachenpropaganda von einem

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