Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 12 (25.3.1910)
- Date
- 1910-03-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 31 ELT ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XIV. JAHRO. Köln, 25. März 1910 q-nnb ND"nn*N "3 -hn V' No. 12. (□□□□□ x- REVUE DER WOCHE o □ □□□□II O —b o „Unauffällig ausweisen" Ein Zirkular des russischen Ministers des Innern fordert die Gouverneure gewisser Provinzen auf, die Juden unauffällig auszuweisen. Dies kann man, wenn man will, als ein Symptom des Eindringens europäischer Anschauungen in Halbasien deuten. In bunter Reihenfolge wechselten dort Pogrome und Austreibungen ab, die jedesmal mit dem ganzen offiziellen Apparat offen vor aller Welt in Szene gesetzt wurden. War die Entrüstung in Europa nun sehr stark und laut, so kamen die bekannten Bulletins der St. Petersburger Telegraphenagentur, oder es arbeiteten die in Westeuropa in ziemlicher Anzahl verbreiteten journalistischen Agenten Rußlands an der Irreführung der öffentlichen Meinung. Dies gelang gewöhnlich, und Europa wandte sich wieder mit allerdings prompterm Elan den andern Völkerschaften zu, als da sind: Slowaken und Rumänen in Ungarn, Bulgaren in Mazedonien, Serben in Bosnien (wegen welcher es fast zu einem Weltkrieg gekommen wäre), und besonders die Finnen. Die Klagen der Juden Rußlands wurden so häufig, daß sie Europa langweilig fand. Die russische Regierung hat nun aus dieser Erscheinung gelernt. Sie will den Zorn Europas schlafen lassen und doch dem Drängen der Schwarzen Hundert nachgeben. Und so fand sie das bequeme Mittel des „unauffällig Ausweisens". Das vollzieht sich ruhig, bei Nacht und Nebel, und erfüllt doch seinen echtrussischen Zweck . . . Die amtlich angekündigte Scharlach-Epidemie In Czernowitz, der östlichen Hauptstadt Österreichs, wird alljährlich Purim gefeiert. Die Feier bewegt sich in denselben Formen wie Karnevalsfeste anderwärts, etwa in Köln, in München, in Nizza in den österreichischen Alpengegenden, im Böhmerwald. Auf Straßen und Plätzen treiben Masken in allerhand Vermummungen lustigen, harmlosen Ulk. In Österreich stehen solche Volksfeste unter dem hohen Schutz des Arbeitsministeriums, das in einem besondern Erlaß die Schonung und Pflege von Volksbräuchen den k. k. Behörden dringendst ans Herz gelegt hat. Aber der Mummenschanz» den die Juden in Czernowitz zu Purim vollführen, fällt nicht unter diesen Erlaß. Man muß wissen, daß das Arbeitsministerium für Geßmann, den Organisator des christlich-sozialen Reichspartei- Antisemitismus, eigens geschaffen wurde, um den Geist zu begreifen, dem Geßmanns Beamte gleichen. Der schöne Erlaß gilt nämlich für alle Völkerschaften, nur nicht für die Juden. Das heißt, man sagt das nicht so brutal heraus. Die österreichische Gemütlichkeit mildert alles. Das Maskentreiben in Czernowitz wird also verboten. Und mit welcher Begründung? Weil eine Scharlach-Epidemie kommen wird. Die Czernowitzer Polizei weiß das nämlich schon vorher und sie muß unbedingt die Juden vor der Seuche schützen. Sie schneidet ihnen nicht die ganze Purimfreude ab. Sie gestattet Masken. Jede Maske muß eine ordentlich ausgestellte, „ad hoc" angefertigte (wie sich das Amt so schön ausdrückt) Legitimationsurkunde haben (weil nämlich der Fiskus je 2 Kr. Stempelgebühr bei jeder Urkunde schmunzeld einstreichen kann) und sie auf Verlangen jederzeit vorweisen. Aber — auf die Straße darf keine Maske hinaus. Und was nützt die schönste Maske, wenn man sie nicht zeigen darf, weil man sich sonst den Scharlach holen könnte? Die türkische Regierung und die hebräische Sprache Tempora mutantur, die Zeiten ändern sich. Sie fliegen sogar, so hastig ist ihr Wechsel. Noch einige Monate, ja Wochen zurück konnten gewisse Anzeichen uns glauben machen, daß die offizielle Türkei entschlossen sei, dem Prinzip der Nationalitäten keinerlei Konzessionen zu machen. Einigermaßen im Vordergrund stehende Politiker hatten Äußerungen verlauten lassen, die darauf hinzudeuten schienen, daß man ernsthaft noch an eine Möglichkeit der Assimilation glaube, und daß man von den Elementen, die das Reich zusammensetzen, Bemühungen in dieser Richtung verlangen wolle. Der Erlaß des Ministers des Innern, in den arabischen Gebietsteilen die türkische Sprache als offizielle in die Gerichtspraxis einzuführen, sowie die Andeutungen von einem „uniformen" Erziehungswesen sind auch noch nicht so alten Datums. Und heute schon haben wir eine völlig umgekehrte Tendenz zu signalisieren. Seit Hakki Pascha die Regierung übernahm, sind nicht nur die Patriarchate durch beruhigende Zusicherungen befriedigt worden, sondern hat wirklich eine Praxis der Toleranz begonnen, die zu den freudigsten Hoffnungen berechtigt. So hat die Regierung in die große Frage des albanesischen Alphabets, die zur Beeinflussung im türkisierenden Sinne geradezu verlockte, sich absolut nicht hineingemischt und überläßt der Nation der weißen Berge allein die Entscheidung darüber, ob sie sich durch Adoptierung der arabischen Lettern mehr mit dem Osten oder der lateinischen Schriftzeichen enger mit dem Westen kulturell zu verbinden gedenkt. So hat ferner die 1*