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Die Welt · 1910-03-18 · 11 (18.3.1910) · page 16

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
11 (18.3.1910)
Date
1910-03-18
Page
– (sequence 16)
Language
German
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246 DIEIqKELT No. 11 Schließung der jüdischen Schulen Die „N. J. K." erhält von sehr zuverlässiger Seite aus Petersburg eine Mitteilung, die, wenn sie sich bewahrheiten sollte, was leider unter den gegebenen Umständen als nicht ausgeschlossen angesehen werden muß, den furchtbarsten Schlag bedeuten würde, der seit Jahrzehnten gegen die russische Judenheit geführt wurde. Danach soll im Unterrichtsministerium ernsthaft der Plan einer vollständigen Schließung alier jüdischen Elementarschulen und des jüdischen Lehrerinstituts in Wilna erwogen werden. Charakteristisch für die Urheber dieses Planes ist die Begründung, die sie ihrer Absicht geben und die so widersinnig und verlogen ist, daß man sich füglich darüber wundern muß, wie man es wagen kann, der Öffentlichkeit derartig absurde und den tatsächlichen Verhältnissen widersprechende Gründe vorzusetzen. Zunächst behauptet man nämlich allen Ernstes, daß die Juden selbst gar keine jüdischen Schulen wollen! Als Beweis hierfür führt man den augenblicklich etwas schleppenden Eingang der Lichtstetier an, die für den Unterhalt der jüdischen Schulen bestimmt ist, wobei allerdings zu bemerken ist, daß-der größere Teil dieser Steuer seit Jahrzehnten von den Steuerbehörden einbehalten wird. Im schärfsteh Widerspruch zu dieser Begründung steht der zweite Grund, mit dem die Urheber des Projekts aufwarten. Angeblich befördern nämlich die jüdischen Schulen den „Separatismus" der russischen Juden, und da in den russischen Elementarschulen keinerlei Zulassungsbeschränkungen für Juden bestehen, sei ja den jüdischen Kindern durchaus die Möglichkeit gegeben, diese Schulen zu besuchen. Der Plan ist bereits den Schulinspektoren der verschiedenen Rayons unterbreitet worden, und es ist kaum daran zu zweifeln, daß diese ihn zustimmend begutachten werden. Später soll das ganze Projekt dem Ministerrat eingereicht werden. Und wenn man das bekannte Zirkular Stolypins über die Rechte der Fremdvölker in Betracht zieht, besteht leider keine Aussicht, daß der Ministerrat das Projekt verwerfen werde. Daß die Nachricht nicht ganz unbegründet ist, beweist u. a. auch der Umstand, daß die bekannte hebräische Tageszeitung „Hed Hasman" sich bereits veranlaßt sah, sich ernsthaft damit zu befassen. Eine interessante Enquete Aus Petersburg wird uns gemeldet: Unter den Studenten des Petersburger technologischen Instituts ist vor einiger Zeit eine Enquete über die Frage: „Wie stellen Sie sich zur Gleichberechtigung der Juden?u veranstaltet worderl, deren Ergebnis jetzt vorliegt. Daraus geht hervor, daß ein Fünftel der Studenten gegen die Gewährung der Gleichberechtigung an die Juden ist. Interessant ist, daß unter den mit „Nein" Abstimmenden ein verhältnismäßig sehr großer Prozentsatz von Angehörigen der sozialdemokratischen Partei und der Partei der Kadetten sich befindet, und zwar 16°«» Sozialdemokraten und 35% Kadetten. Ein großer Prozentsatz der Studenten hat sich überhaupt entweder der Abstimmung enthalten oder seiner Gleichgültigkeit gegenüber dieser Frage in anderer Form Ausdruck gegeben. So haben viele geantwortet, daß es ihnen vollkommen gleich sei, ob man den Juden die Gleichberechtigung gewähre oder nicht. — Auch unter dieser „neutralen" Gruppe befindet sich ein großer Prozentsatz von Radikalen, nämlich 60/« Sozialdemokraten und 7°o Sozialrevolutionäre. Eine Antwort lautete kurz dahin, man solle die Juden umbringen. Dieses Verhalten der akademischen Jugend ist für die Beurteilung der Lage der russischen Juden überaus bezeichnend. Noch charakteristischer und beschämender ist aber die schmachvolle Stellungnahme, die hier Sozialdemokraten und Kadetten der Judenfrage gegenüber einnehmen. Sie bildet eine treffliche Kennzeichnung der Aussichten, die sich den russischen Juden von dieser Seite her eröffnen. Gegenmaßnahmen der russischen Juden Aus Riga berichtet uns unser Mitarbeiter: Bekanntlich hat der Polizeichef des Kurorts Dubbeln den Juden den Sommeraufenthalt in den Badeplätzen Bilderlinghof, Majorenhof u. a. m. verboten und ihnen lediglich den Aufenthalt in Dubbeln selbst gestattet. Nunmehr hat eine große Anzahl angesehener jüdischer Bürger Rigas sich verpflichtet, so lange, bis dieses Verbot nicht aufgehoben ist, überhaupt keinen der Badeorte in Kurland zu besuchen, auch Dubbeln nicht. Sterbefälle Am 4. März ist in Budapest der Privatgelehrte Dr. Wilhelm Jöseffy im 86. Lebensjahre gestorben. Er war ein großer Gelehrter, der sich hauptsächlich mit biblischen und talmudischen Studien, überdies aber auch mit vergleichender Mythologie befaßte; eines seiner letzten Werke hieß: „Gott und Götter. Kreislauf der Religionsideen und Mythen bei allen Völkern des Erdballs." Jöseffy wirkte in den Sechziger-Jahren als Rabbiner in Wien, in den Siebziger- und Achtziger-Jahren arbeitete er im Londoner British Museum und redigierte dort die Ausgabe mehrerer für die Bibelkunde wichtiger Codices. Die letzten Jahrzehnte verlebte er in Budapest, wo er sich nur mit vergleichender Religionswissenschaft befaßte. In dem Verblichenen betrauert der bekannte Klavierkünstler Raphael Jöseffy, gegenwärtig Musikakademiedirektor in NewYork, seinen Vater. Am 8. März verschied in Ölten (Schweiz*) nach längerm Leiden, im Alter von 77 Jahren, Herr Henry Levy, der Vater unserer Gesinnungsgenossen Dr. Levy in Biel (Mitglied des Großen Aktionskomitees und Nationalfondskommissär) und Moritz Levy in Liestal (Präsident des Schweizerischen Landesverbandes). Ein Mann von leutseligem Charakter, war er noch einer der Veteranen des italienischen Feldzugs und des Krimkriegs, wo er an den Schlachten an der Tschernaya und bei Balaklawa mitgekämpft und die ganze Belagerung und Erstürmung von Sebastopol mitgemacht hat. Bis in die allerletzte Zeit interessierte er sich auch lebhaft für alle jüdischen Fragen, und sah stets mit Stolz und Befriedigung auf seine in der zionistischen Bewegung tätigen Söhne. Wieder haben wir den Tod eines hervorragenden orthodoxen Rabbiners zu verzeichnen. R. Feiwel Rohatyn, Rabbiner in Zloczow (Galizien), ist in seinem 51. Lebensjahre verschieden. Rabbiner Rohatyn vereinigte — eine äußerst seltene Erscheinung unter den galizischen Rabbinern alten Schlags, — umfassende talmudische Gelehrsamkeit mit gründlichem und vielseitigem modernem Wissen. Sein Rabbineramt bekleidete er unentgeltlich, da er materiell sehr gut situiert war und nur aus Idealismus den rabbinischen Beruf ausübte. Rabbiner Rohatyn hat auch wiederholt unverhohlen seinen Sympathien für die zionistische Bewegung Ausdruck gegeben. Altsemitische Kultur Am 28. Februar hielt der österreichische Reichsratsabg. Dr. Mahl er, der bekanntlich Archäologe von Beruf ist, im jüdisch- literarischen Vereine in Olmütz einen Vortrag unter dem Titel „Versunkene Welten". Im ersten Teile seiner Ausführungen sprach der Redner in klaren und allgemeinverständlichen Worten über die hohe Kultur längst untergegangener semitischer Völkerschaften, wie der Sumerer, Babylonier und Assyrier. Er erwähnte, daß von ihnen die Buchstabenschrift sowie viele andere wichtige Einrichtungen die noch auf unser heutiges Leben Einfluß haben, herrühren. Dann sprach er über die Literatur dieser Völker und zitierte einige poetisch schöne Stellen aus zwei größeren Epen der Assyrier, sowie althebräische Volksdichtungen. Eingehender sprach er über die Gesetzgebung der alten Semiten und führte auch hier einige hochinteressante Bestimmungen Hamurrabis und anderer Gesetzgeber an, las auch den Brief eines kanaanitischen Herrschers an den König von Ägypten vor, der das Eindringen der Hebräer in Kanaan unter Josuas Führung erwähnt. So führte Dr. Mahler dem Publikum vor Augen, daß jene längstvergessenen Völker eine Kulturstufe erreicht hatten, die weit über derjenigen späterer Jahrtausende. z.B. des Mittelalters, stand und zeigte, daß diese Kultur auch auf die spätere Entwicklung der Griechen und somit auch auf die der gesamten Menschheit einen tiefgehenden Einfluß ausübte. Daran anknüpfend behandelte Dozent Mahler im zweiten Teile die Lage der heutigen Juden. Er meint, daß die geringe Achtung, welche ihnen oft von anderen Völkern entgegengebracht werde, hauptsächlich durch den Mangel des Judentums an Selbstachtung verschuldet sei. Das jüdische Volk hätte aber alle Ursache, als Erbe solcher Stämme seine Tradition hochzuhalten und sich selbst zu achten. Von der jüdischen Kolonisation in Argentinien Herr Leon Chasanovitsch (Kathriel"), der jüngst in Paris in einer sehr stark besuchten Versammlung über das Thema „Die Krisis der jüdischen Kolonisation in Argentinien" referiert hatte, hielt am 27. Februar in Wien einen Vortrag über den gleichen Gegenstand. Herr Chasanovitsch war seinerzeit vom allweltlichen poale-zionistischen Bureau (Wien) nach den jüdischen Kolonien in Argentinien zwecks Studium der dortigen Verhältnisse gesandt

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