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Die Welt · 1910-03-18 · 11 (18.3.1910) · page 14

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
11 (18.3.1910)
Date
1910-03-18
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Brüder, die zum erstenmal unter die Fahne treten, ihr und dem Judentum zur Ehre gereichen werden. Antisemitismus in der Türkei Man hört allenthalben und spricht es nach, daß in der Türkei kein Antisemitismus existiere. Das ist auch richtig, wenn man eine weit verbreitete oder gar organisierte Bewegung darunter verstehen will. Wenn aber Äußerungen religiöser oder Rassenabneigung gegen die Juden damit gemeint sein sollen, so ist leider auch die Türkei kein von Antisemitismus keimfreies Gebiet mehr. Nur nimmt hier diese gefährliche sozialpsychopathische Erscheinung mehr den Charakter der Verachtung als des Hasses und des Konkurrenzneides an. Wir hatten vereinzelte Fälle wiederholt schon zu registrieren gehabt. Aber gerade in den letzten Wochen mehren sie sich unerfreulich. So wird aus Haidar Pascha, dem asiatischen Vororte Konstantinopels, folgender Vorfall berichtet: Ein Jude, namens Gamliel, der mit Möbelträgern in Differenzen geraten war, war von dem dazwischentretenden Gendarmen mit Schlägen bearbeitet worden. Und als er in Begleitung mehrerer jüdischer Zeugen diesen Vorfall auf dem Polizeibureau zur Anzeige* bringen wollte, mußte er sich von dem Polizeibeamten eine neue Abfuhr gefallen lassen. Dieser schrie ihn an: „Die Juden sind aus Rußland und Rumänien bereits herausgejagt worden, bald wird man sie auch aus der Türkei herauswerfen!" Auch das Wort „Verräter" soll er ihm zugeschleudert haben. — Es muß abgewartet werden, welche Sühne dieser Vorfall, der vom Chachambaschi zur Kenntnis des Ministers des Inneren gebracht wurde, durch die Behörden finden wird. Ein zweiter Fall ereignete sich in einem Vororte von Smyrna, wo eine jüdische Dame in der Tramway von dem Schaffner antisemitisch insultiert wurde. Es wird nicht ohne psychologisches Interesse sein, in diesem Zusammenhange einen Passus aus der Smyrnioter jüdischen Zeitung „La Boz del Pueblo" zu zitieren, der ein höchst erfreuliches Licht auf den in den jüdischen Massen der Türkei neu auftretenden Geist der Mannhaftigkeit wirft, und der psychologische Wahrheiten ausspricht, die auch die Juden des Abendlandes noch mancher Orten hinter die Ohren schreiben sollten. „Was uns am meisten wundert," heißt es in dem Artikel über den zitierten Vorfall, „das ist die Gleichgiltigkeit unserer Brüder von Caratasch. Schon mehrere Male haben unsaubere Typen sich erlaubt, Grobheiten und Roheiten gegenüber Juden zu begehen, und die Leute von Caratasch duldeten es. Zum Teufel! Haben denn die Juden von Caratasch kein Blut in den Adern? Warum verstehen es unsere Brüder in anderen Städten, wie Salonik z. B., eine Gesellschaft zur Vernunft zu bringen, die da glaubt, sich über unser Volk lustig machen zu dürfen? Wir erinnern uns wohl: einmal rissen die Juden von Salonik der Straßenbahn die Schienen aus dem Pflaster, weil die Gesellschaft für eine antisemitische Insulte keine Genugtuung leisten wollte. Hier in Smyrna, da sind wir geduckter, man beleidigt uns, man verflucht uns, man speit uns ins Gesicht — und wir legen dem weiter keine Bedeutung bei. Wir sagen uns: Gott wird es ihm vergelten, und gehen unseres Weges weiter. Aber meistens geschieht es, daß Gott es diesen „Wilden" nicht vergilt, und wir bleiben hübsch mit der Beleidigung stecken. Ich bin überzeugt, wenn man sich das gleiche einer türkischen, griechischen oder katholischen Dame gegenüber erlaubt hätte, der Betreffende wäre so regaliert worden, daß er es nicht wieder vergäße. Aber dieser Schaffner weiß ganz genau, was er tat: die Dame ist eine Jüdin, also wird er straflos bleiben. Es ist eine Schande!" Wahr, deutlich und herzhaft. Ja, es scheint wirklich, das die Tage der Sklavenseligkeit unter den Juden des Orients gezählt sind. Der jüdische Turnverein „Makkabi" Die Losung der „Makkabäer" zündet. Sie gibt der Jugend Lebensinhalt, eine muntere Frische und greifbare Betätigung. In den Vororten Hasköj und Ortaköj ist sie rüstig an der Arbeit. In Balat, woher bislang die jungen Leute zu Fuß den stundenweiten Weg mehrmals in der Woche, am Vorabend hin und um Mitternacht zurück, sich nicht verdrießen ließen, hat anscheinend die Volksstimmung, insbesondere der drohende Boykott der „Association des A. E." durch die Turner, die Alliancepotentaten nun doch veranlaßt, der Bewilligung der Turnhalle näherzutreten. Auch in Kusgundschuk wird in allernächster Zeit eine Turnsektion errichtet werden. In der Stadt selbst wird die Mädchenabteilung durch Einführung eines Kursus in Kunsttänzen bedeutende Hebung erfahren; schon jetzt ist seit einigen Monaten eine große Entwicklung derselben bemerkbar. Der unermüdliche „Makkabi" hat in diesen Tagen endlich seinen Lieblingsplan realisiert und einen Turnlehrer engagiert. Dieser, eine in der nationaljüdischen Turnerwelt sehr bekannte Persönlichkeit, Herr L. Kikoler, wird in kürzester Frist hier erwartet Von seinem Eintreffen verspricht sich alles einen außerordentlichen Aufschwung. Wir werden bald das Schauspiel des Zusammenschlusses eines mächtigen Turnerkartells in Konstantinopel und allen seinen Vororten, geschmiedet im Zeichen des Nationaljudentums, sich vollziehen sehen. Die Folgen versprechen weittragende zu werden. Die türkische Regierung und die hebräische Sprache Aus Konstantinopel wird uns geschrieben: Der türkische Unterrichtsminister hat im Laufe eines Gespräches mit dem bekannten jüdisch-türkischen Schriftsteller Moise Cohen Gelegenheit genommen, sich in höchst bemerkenswerter Weise über die hebräische Sprache zu äußern. Moise Cohen wies auf die Schwierigkeiten hin, die sich der ausschließlichen Einführung der türkischen Sprache als Einheitssprache unter den türkischen Juden entgegensetzen. Die Zerstreuung des jüdischen Volkes unter den verschiedenen Nationalitäten des türkischen Reiches mache die türkische Sprache zur ausschließlichen Einheitssprache der Juden wenig geeignet, und die Einführung der türkischen Sprache werde voraussichtlich nur die Schwächung der jüdischen Volkseinheit zur Folge haben und daher auch dem ottomanischen Reiche schaden. Der Minister erwiderte darauf, daß die türkische Regierung bekanntlich allen Nationen vollständige Freiheit in der Entwicklung ihrer nationalen Kultur und Sprache lasse, freilich unter der Voraussetzung, daß sie die offizielle Sprache, die türkische, erlernen. Hinsichtlich der Juden sieht er dabei allerdings ein Hindernis, ihren Kosmopolitismus. „Sie lernen zu viele fremde Sprachen, besonders die franzö-. sische. Das ist ja vielleicht sehr nützlich, aber diese Sprachen dürfen nicht die nationale Sprache der türkischen Juden werden. Wir zweifeln keineswegs an dem Patriotismus der türkischen Juden, der sich schon so vielfach bewährt hat, und wir sehen mit Freu'ien, daß sie sich bemühen, die türkische Sprache sich eigen zu mahnen. Was ihre nationale Sprache anbetrifft, so sehe ich nicht ein, warum nicht die hebräische Sprache die Nätionalsprache der türkischen Juden sein soll, die sie ja alle mehr oder weniger kennen, und die, wie man mir sagt, sich zu einer modernen Sprache entwickelt hat. Sie ist uns um so sympathischer, als sie einerseits politisch die neutralste, anderseits eine uns sympathische semitische Sprache ist. Palästina Das Technikum in Haifa Der demnächst erscheinende Jahresbericht des „Hilfsvereins der Deutschen Juden" enthält folgende interessante Mitteilungen über das jüdische Institut für technische Erziehung in Palästina; „Je mehr der von Herrn Dr. Nathan noch vor der Umwälzung in der Türkei gefaßte Plan, ein Institut für technische Ausbildung im Orient m errichten, bekannt wird, desto festere Wurzel schlägt er in allen denjenigen Kreisen, die der Entwicklung des Orients mit Interesse und Verständnis folgen. Kaum jemals ist eine neue Idee so günstig aufgenommen worden, kaum jemals ist ein Projekt von solcher Tragweite in so kurzer Zeit der Verwirklichung nahe gebracht worden. Am 19. März 1908'beschlossen die Erben des verewigten Herrn WolfWissotzky aus Moskau durch Errichtung einer Stiftung von 100 000 Rbl. dem Hilfsverein die erste Möglichkeit zu geben, dem Plane näherzutreten. Genau ein Jahr später, am 29. März 1909, hatte durch eine hochherzige Schenkung von 100 000 Doli, seitens des großen Philanthropen Jakob H. Schiff in New York das Projekt einen so großen Umfang angenommen, daß es sich empfahl, namentlich in Anbetracht der internationalen Sympathien und finanziellen Förderung, die das geplante Unternehmen fand, eine besondere Gesellschaft zu gründen, die mit dem Hilfsverein und der Wissotzkystiftung durch Personalunion verbunden ist. Die öessllschaft ist unter dem Namen: Jüdisches Institut für technische Erziehung in Palästina beim Amtsgericht in Berlin eingetragen. Vorsitz und Geschäftsführung liegen in denselben Händen wie beim Hilfsverein der Deutschen Juden. Als Kuratoren gehören der Gesellschaft alsdann neben Herrn Simon und Herrn Dr. Nathan an die Herren Dr. Cyrus Adler-Philadelphia, Dr. Gawronsky-Moskau, U. Ginzberg-London, R. Gotz-Moskau, Generalkonsul Eugen Landau-Berlin, Dr. S. Levin-Berlin, Richter Julian Mack-Cbicago, Lou's Marshall-New York, Prof. M. Philippson- Berlin, Julius Rosenwald-Chicago, Prof.Salomon Schechter-NewYork, Ludwig Schiff-Frankfurt a. M., Mortimer L. Schiff-New York, Carl Stettauer-London, Samuel Strauß-New York, Richter M.»Sulzberger-

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