Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 11 (18.3.1910)
- Date
- 1910-03-18
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 11 t> IE a£KE LT 243 Rechenschaftsbericht des Odessaer Komitees (Schluß) Ganz besonders gedeiht quantitativ und qualitativ die Tätrgkeit des Komitees auf dem Gebiete des Schulwesens in Palästina. In erster Reihe gelten die diesbezüglichen Bemühungen des Komitees der Jaffaer Töchterschul e mit ihren derzeit funktionierenden neun Klassen, die von 410 Schülerinnen besucht werden. Die vom Komitee bestrittenen Ausgaben der Schule betragen in diesem Jahre 25 000 Francs, dazu kommen noch zirka 4000 Francs an Schulgeld. Das Komitee scheut vor keinen noch so bedeutenden Ausgaben zurück, um nur diese Schule, in der zum erstenmal in Palästina der Anschauungsunterricht zur Anwendung gelangte und die die Grundlage für die Wiedergeburt unserer nationalen Sprache in Palästina sowohl als auch in der Diaspora gelegt hat, zu einem Musterinstitut zu gestalten. Im abgelaufenen Jahr bezog die Schule ihr eigenes prächtiges Gebäude, welches, abgesehen vom Bauplatz, mehr als 100 000 Francs kostete. * Zu dieser Summe trug das Komitee 27 000 Francs bei, während die übrige Summe von unserm Ehrenmitglied I. Feinberg aus Irkutsk zur Verfügung gestellt wurde. Im abgelaufenen Jahr wurde an der Jaffaer Töchterschule von dem durch Herrn B. Jaffa in Grodno aufgebrachten Gelde (1490 Francs) eine Bibliothek für die Schuljugend gegründet, die auch den anderen Jaffaer Lehranstalten zugute kommt. Zurzeit entbehrt die Töchterschule noch der geziemenden Möblierung und der nötigen Lehrmittel, da das Komitee leider nicht in der Lage ist, die hierzu erforderlichen Kosten zu bestreiten; das Komitee hofft jedoch, daß sich edle Spender finden, die diesem Bedürfnis Rechnung tragen werden. Mit großer Genugtuung kann das Komitee auf die Entwicklung des hebräischen Gymnasiums in Jaffa hinweisen, welches in seinem Lehrerkollegium und in seinem Aufsichtsrat eine ausgezeichnete Leitung besitzt und immer mehr die Sympathien weiter Kreise gewinnt. Im laufenden Jahre funktionierten zwei Präparanden- und fünf Hauptklassen. -- Die Zahl der Schüler — Knaben und Mädchen — beträgt zurzeit 195. — Das Kassenwesen der Anstalt liegt in den Händen unseres Komitees, welches das Budget des Gymnasiums (36 000 Frs.) verbürgt, für die Vergrößerung des Gymnasialfonds Sorge trägt und aus seinen allgemeinen Mitteln zu den jährlichen Ausgaben 5000 Frs. beiträgt. Wie in den vorigen Jahren erhielt und subventionierte das Komitee auch im letzten Jahre folgende Schulen und Institutionen: die Kindergärten zu Beirut, Saffed, Haifa, Tiberias, Jerusalem; die Schulen in Chederah, Wadi - Chanin, Moza, Artuff, Gederah, Kastinie; das Komitee bestritt ferner die Kosten des hebräischen Unterrichts in den AUiance-Schulen zu Beirut und Tiberias, und subventionierte die Kunstschule „Bezalel", die Abteilung für Handwerksunterricht ander Jaffaer Talmud-Torah, den Lehrerverband, die Zeitschrift „Ha-poel ha-zair" und die Bibliotheken zu Jaffa und Haifa. Ferner bewilligte das Komitee in diesem Jahre folgende neue Subventionen: für die orthodoxe Schule „Tachkemoni" in Jaffa, zur Eröffnung neuer Schulen in Haifa, Gaza, Machnaim und Ber-Jakob, für spezielle hebräische Zeitschriften für Landwirtschaft und für Pädagogik in Jaffa, für Abendkurse in Jerusalem, für die Bibliothek zu Tiberias, für einen Turnlehrer, der Palästina bereisen und überall das Turnwesen unter der Schuljugend und den Erwachsenen ordnen soll. Unser Überblick über die Tätigkeit unseres Komitees ist zu Ende (wenn wir nicht noch eine Reihe von kleineren Arbeiten in Erwähnung bringen sollten). Die Leser dieses Rundschreibens werden nun in der Lage sein, uns ihre Ansicht über unsere Tätigkeit mitzuteilen. Wir können nur noch hinzufügen, daß wir Pläne und Entwürfe für weitere Arbeit in Hülle und Fülle haben, leider aber gebricht es uns an den nötigen Mitteln. Folgende Aufstellung zeigt, welche Geldmittel uns vom 1. Januar bis zum #31. Dezember 1909 zur Verfügung gestellt worden sind: Frs. I.Mitgliedsbeiträge................ 51 324.70 II. Einmalige und spezielle Spenden......... 15 888.18 III. Tellersammlungen am „Erew-Jom Kippur" (für Landkauf)................. 35 077.42 IV. Von veranstalteten Abenden, literarischen Vorträgen u. dgl................. 7 088.90 V. Für das Jaffaer Gymnasium........... 32 329.64 VI. Für verschiedene unantastbare Fonds in Wertpapieren 6 969.20 VII. Zuschußspende Feinberg, Irkutsk, für den Jaffaer Schulbau.................. 15 000.— Sa. Frcs. 163 678.04 Mit diesen Mitteln läßt sich wahrlich nicht viel machen. — Es ist gerade beschämend, daß viele Freunde der Palästinaarbeit unserm Komitee nicht die gebührende Berücksichtigung zuteil werden lassen. So z. B. erfüllen große, durch ihr Verständnis und Interesse für gemeinnützige Werke ausgezeichnete jüdische Gemeinden wie Moskau, Kiew und Petersburg durchaus nicht ihre Pflicht unserm Komitee gegenüber. — Dabei hätten wir doch das Recht, mehr Interesse und Förderung zu erwarten. Wir wirken ausschließlich für die Kolonisation Palästinas, eine Sache, die allen jüdischen Volksschichten, ohne Unterschied der Partei und der Richtung gleich teuer ist. Die Betätigung zugunsten unseres Komitees wird von keinen äußern Hindernissen gehemmt. Die Tätigkeit des Komitees in Palästina während der letzten Jahre hat die volle Anerkennung der letzten Generalversammlung gefunden. Wir glauben daher hier am Schlüsse unsere Hoffnung zum Ausdruck bringen zu dürfen, daß unsere Tätigkeit schließlich doch die verdiente Würdigung finden wird, daß alle Freunde des Palästinawerkes energisch an die Arbeit gehen werden, um unsere Einkünfte zu vermehren, damit die segensreiche Tätigkeit unseres Komitees in Palästina einer gedeihlichen und beschleunigten Entwicklung entgegengehe. Odessa, im Januar 1910. Mit Zionsgruß gez.: Der Vorsitzende M. Ussischkin. Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Die jüdischen Rekruten In diesen Tagen endlich hat auch für die Juden eine neue Periode ihrer Geschichte im türkischen Reiche begonnen. Aus den Forderungen und Projekten war das Gesetz hervorgegangen, das den Nichtmohammedanern den Militärdienst eröffnete; aus dem Gesetz ist nunmehr die Ausführung geworden, die gegenwärtig wie keine zweite Angelegenheit den Volksgeist beschäftigt. Gestern, am 5. Februar, sind zum erstenmal die Mannschaften aus der Hauptstadt ausgehoben worden, dreitausend Rekruten etwa reihten sich in die Kasernen. Unter ihnen mögen annähernd zweihundert Juden sein. Unter erschwerten Bedingungen hat sich diese erste Aushebung vollzogen, und man wird von keinem Mangel an Patriotismus sprechen dürfen, wenn festgestellt wird, daß tiefe Schatten über den Tagen lasten, die reine Festtage für die Betroffenen hätten sein sollen. Es sind nämlich, wahrscheinlich, um nicht die ältesten Dienstklasseu ganz zu verlieren, gerade die 25- und 26-Jährigen zuerst unter die Waffen gerufen worden, die zumeist geglaubt hatten, überhaupt nicht mehr mit der Dienstpflicht rechnen zu brauchen, zum großen Teil schon Familienväter, mit der Sorge für die Erhaltung ihres Heims und ihrer Lieben belastet, in festen Stellungen, die ihnen mit dem Ausrücken in den Dienst verloren gehen werden, oder Inhaber von selbständigen Betrieben, die nun zum Untergange verurteilt sind. Und kaum einige Frist, um ihre Angelegenheite i zu ordnen. Bis zum letzten Moment noch war keine Auskunft darüber zu erhalten, wie lange der Dienst dieser Altersklasse dauern werde; jetzt erst wird bekannt, daß volle drei Jahre werden abgeleistet werden müssen. Nur die wenigen Glücklichen, die sich die Zahlung der „Bedel-i-Askerie" im Betrage von 50 Pfund, etwa 950 JC, werden gestatten können, werden mit drei Monaten Reservedienst davon kommen. Die andern, ganz unvermutet aus ihrem Gleise gerissen, sehen einem schweren Dienst wer weiß in welcher entfernten Provinz und unter welchen gefährlichen Umständen, entgegen, unter Kameraden, die geistig vollkommen anders sind als sie selber und zahllosen Rassen angehören, deren gegenseitiger Haß erst durch das Zusammenleben zum Verschwinden gebracht und von einer sehnlich gewünschten, aber schwer zu erreichenden Einigkeit ersetzt werden soll. Und die Gefahr eines Krieges ist durchaus nicht vollkommen auszuschließen. Es ist wahrlich keine leichte Prüfung, der der Patriotismus der nichtmohammedanischen Ottomanen ausgesetzt wird. Das Volk ist in ungewöhnlicher Erregung; wo man geht und steht, begegnet man Gruppen, die über diesen und j men schweren Fall mit Lebhaftigkeit und herzlicher Anteilnahme diskutieren. Die jüdischen Vororte wimmeln wie die Bienenhäuser, alle Schiffe des goldenen Horns, die zumeist von Juden gefüllt sind, klingen von dem großen Ereignis wieder. In manchem jüdischen Hause wird es in dieser Zeit schlaflose Nächte geben. Und doch ist eigentlich niemand, unter den Juden jedenfalls, der laute Klage erhebt. Man weiß, daß das, was jetzt geschieht, der eigene Wille der Nationalitäten war; man fühlt, daß der Staat dessen bedarf, und man tut, so tapfer man kann, seine patriotische Pflicht. Überall in der Welt, wo es Juden gibt, weiß man, daß diese