Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 11 (18.3.1910)
- Date
- 1910-03-18
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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242 DIE ELT die hier zwar nicht sehr zahlreich, aber äußerst mächtig sind, wollten mit Hilfe des Herrn Marveaud, der, nebenbei bemerkt, kein Jude ist, einen Todesstreich gegen unsere Bewegung in Frankreich führen. Der Mitarbeiter des „Journal des Debats", der sich wiederholt als Panegyrikus der Allianz hervorgetan, gab sich dazu gerne her. Als Schauplatz wurde die „ßcole des sciences politiques" gewählt, eines der bekanntesten Institute Frankreichs, aus dem die meisten Journalisten und diplomatischen Verteter der dritten Republik hervorgehen. Die Absicht war klar. Wenn den Hörern dieser Hochschule, die in der überwiegenden Majorität im öffentlichen Leben als Journalisten tätig sind, die Meinung suggeriert wird, der Zionismus sei eine Schöpfung des deutschen Imperialismus, der auf eine Vernichtung des französischen Einflusses im Orient ausgehe, dann ist ein großes Stück Arbeit vollbracht; der Rest wird dann leicht abgetan. Aber es kam — wie so häufig im Leben — ganz anders als geplant wurde. Die Zionisten erhielten Wind von dem geplanten Streiche, und ihre Leiter eilten herbei, um die Sache des jüdischen Volkes zu verteidigen. Die geplante zionsfeindliche Demonstration verwandelte sich alsbald, dank den ausgezeichneten Repliken unserer Freunde, in eine Sympathiekundgebung für unsere Renaissancebewegung. Aus der Mitte des Auditoriums entstanden uns unerwartet Freunde, Anhänger und Verteidiger. Dieser Erfolg der zionistischen Idee in Paris ist umso bedeutungsvoller, als er in Gegenwart des Präsidenten der Allianz, Herrn Narcis Leven, und seines Sekretärs errungen wurde, die dem Vortrag und der äußerst interessanten Diskussion beiwohnten. Der Vortrag fand in der Sektion für Finanzwissenschaft und Gesetzgebung der ehemaligen Schüler der Ecole statt. Der Referent bedauerte einleitend, daß er seine Ausführungen nicht in der diplomatischen Sektion machen könne, wohin eigentlich die zionistische Frage gehöre. Auf das Thema übergehend, schilderte der Redner ziemlich objektiv den geschichtlichen Werdegang unserer Bewegung: die Zionsträume, die nie aus der jüdischen Phantasie geschwunden waren, den Choveve-Zionismus, die Anfänge Herzls, die ersten Kongresse, das territorialistische Intermezzo, die Pogrome in Rußland, die folgende Erschlaffung innerhalb der jüdischen Massen, die Gegensätze zwischen politischen und praktischen Zionisten, und gelangte zum zweiten Teile seines Vortrages, der vom französischen Einfluß im Orient handelt. Hier stimmte der Redner einen Hymnus auf die patriotischen Leistungen der Allianz an, die im ganzen Orient französische Sprache und Gesittung verbreite. Die Allianz repräsentiere die Freiheitsideen der französischen Nation, während der Zionismus sich von der germanischen Rassenidee leiten lasse. Der Zionismus gehe in Sturmschritten gegen die Bestrebungen der Allianz vor. In vielen Ländern würde letztere bereits vom Nationaljudentum besiegt, besonders in Bulgarien und Rumänien. Allüberall, wo der Zionismus durchdringe, werde in den Schulen die französische Sprache durch die hebräische, zuweilen auch deutsehe ersetzt. Die Vorwürfe, da(.> in den Allianzschulen zu wenig Hebräisch gelehrt werde, seien ungerecht, denn nach den Zeugnissen der Rabbiner Porges und Israel Levy besäßen die Allianzschüler ausreichende Kenntnisse in der hebräischen Sprache. Der Zionismus habe in Frankreich keine Zukunft, er könne nur den Antisemitismus stärken. Redner entwickelt dann seine Theorie über den deutschen Imperialismus und den Zionismus, von der wir eingangs gesprochen haben, und schließt mit den Worten, daß nur die Allianz die Interessen der französischen Nation vertrete und daß es Pflicht eines jeden Franzosen sei, diese Gesellschaft in jeder Weise zu unterstützen. Der Präsident der Sektion bemerkt hierauf, daß, wie er aus dem Vortrag entnehme, die stärksten Gegner des Zionismus nicht die Jungtürken seien, sondern daß sie sich innerhalb der Judenheit selbst befinden. Dr. Marmorek: Wer vom Zionismus spricht, muß auch die Judenfrage im allgemeinen berühren. Daß diese auch in Frankreich existiere, sei überzeugend aus der Dreyfusaffäre hervorgegangen. Der Zionismus sei eine ideale Bewegung, die in keines andern Diensten steht als in denen des jüdischen Volkes. Die einzige würdige Lösung der Judenfrage sei nur durch den Zionismus möglich. Man greife die Allianz nicht ihrer französischen Propaganda wegen an, sondern weil sie zu wenig jüdisch sei und den modernen Gedanken der Renaissancebewegung nicht zu fassen vermöge. Der Präsident, stellt mit Zufriedenheit fest, daß der Zionismus keine Gefahr für Frankreichs Orientinteressen bilde. Frau Dr. Kritschewsky erklärt als Russin, daß der Zionismus mit dem Deutschtum nichts gemein habe. Die Allianz habe ursprünglich die große Idee des Gesamtjudentums erfaßt, sie aber dann fallen gelassen. Man verlange von ihr, daß sie mehr jüdisch sei. Es sei Pflicht der französischen Juden, in unsere Reinen zu treten. Wir würden gerne von ihnen französische Politik lernen, französische Klarheit annehmen. No. 11 Dr. Reich spricht als Hörer der ficole und weist die Bemerkung des Referenten zurück, der behauptet, die galizischen Juden verfielen mehr und mehr den deutschen Einflüssen. Die Juden in Galizien seien weder Deutsche noch Polen. Die Studentenschaft, deren jüdische Nationalität die polnischen Behörden nicht anerkennen wollen, lassen sich in die Register als Araber eintragen. Es sprachen dann nochandere Hörer der ficole für den Zionismus. Es sei uns gestattet darauf hinzuweisen, daß die neueste Waffe unserer Gegner, uns als Vaterlandsfeinde zu brandmarken, eine zweischneidige ist. Sie stammt überdies aus dem antisemitischen Heerlager, in dem sie seit lange mit Erfolg verwendet wird. So hetzt Zi B. der rumänische Antisemit Xenopal die Franzosen gegen die Juden in Rumänien, indem er diese als Vertreter und Verfechter der deutschen Interessen hinstellt. Unsere jüdischen Gegner, die sich hier zum erstenmale öffentlich der antisemitischen Kampfesweise bedienten, haben einen kläglichen Mißerfolg erzielt. Sie werden hoffentlich daraus die nötigen Konsequenzen ziehen. Sonntag den 27. Februar fand im Verein nBar-Cochba Jehuda- Halevy" ein sehr interessanter Diskussionsabend zwischen den Zionisten und Sozialisten des Montmartrequartiers statt, der sehr zahlreich besucht war. Dr. Ginsburg sprach über die Demokratie in der zionistischen Bewegung und erläuterte das Oppenheimersche Projekt. Die sozialistischen Redner, unter denen es auch manche Nichtjuden gab, erklärten sich mit den Ausführungen unseres Gesinnungsgenossen einverstanden. Sie wollen, sagten sie, den Zionismus studieren, nicht um ihn bekämpfen, sondern um dem jüdischen Volke in seinem Freiheitsstreben beistehen zu können. Es wurde ein neuer Diskussionsabend in Aussicht genommen, an dem Max Nordau gegen den Sozialisten Victor Bach, Professor an der Sorbonne, sprechen wird. Jüdisches Leben in Kreta Aus Kanea wird uns von unserm dortigen Berichterstatter geschrieben: In der letzten Zeit nimmt das jüdische Leben in Kreta einen erneuten Aufschwung. Die mit der politischen Umwälzung in der Türkei einsetzende Renaissance des spaniolischen Judentums hat ihre Wellen bis auf unsere Insel erstreckt und auch dem hiesigen Judentum neues Leben eingehaucht. Unter diesem Gesichtspunkte ist besonders die kürzlich erfolgte Bildung eines zionistischen Vereins in der Hauptstadt Kretas bemerkenswert, der bereits eine rege Tätigkeit eingeleitet hat. Das zionistische Komitee in Kanea versendet folgenden Aufruf an unsere Gesinnungsgenossen von Kreta: „Der Zionismus verfolgt den edlen und heiligen Zweck, unsern über die ganze Welt zerstreuten Brüdern eine Heimstä'te in Palästina, unserm Vaterland, zu sichern. Wir sind Juden und als solche müssen wir mit unsern Brüdern an der Erreichung dieses Zieles mit allen unsern Kräften arbeiten. Die Gefertigten übernehmen die Direktion des hier seit fünf Jahren bestehenden zionistischen Vereins und stellen sich zur heiligen Aufgabe, den Zionismus wirklich mit Rat und Tat zu fördern. Wir appellieren dringend an die kretische jüdische Bevölkerung, unsere Bewegung wirksam zu unterstützen, und wir haben das Vertrauen, daß alle Juden von Kreta ohne Ausnahme sich der zionistischen Idee abschließen werden." Unterzeichnet ist dieser Aufruf von folgenden Herren: S. E. der Großrabbiner von Kreta, E. Eblagon, als Ehrenpräsident, Abot Fr an co als Präsident, Jacques Hiskia als Sekretär, Victor P. Albert als Beisitzer und Leon A. Eblagon als Kassierer. Eine Erklärung des Jüdischen Klubs Der Jüdische Klub des österreichischen Abgeordnetenhauses versendet folgende Erklärung: Gegenüber den in der Öffentlichkeit verbreiteten Gerüchten von einer angeblich bevorstehenden Auflösung des Jüdischen Klubs erklärt der reichsrätliche Jüdische Klub, daß er nach wie vor ungestört weiterbesteht und daß gerade die derzeitige triste politische Lage der österreichischen Juden diese legitime parlamentarische Vertretung des jüdischen Volkes immer fester zusammenschließt. Dr, Benno Straucher, m. p. als Obmann. Dr. Heinrich Gabel, m. p. Dr. Arthur Mahler, m. p. Adolf Stand, m. p.