Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 11 (18.3.1910)
- Date
- 1910-03-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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No. 11 DIEJ da er, der Rabbi selbst, schon dafür sorgen werde, sie an ihren Platz im Gebetshause wiedereinzusetzen, im übrigen werde sie der gütige Gott entsühnen. Und sofort, nachdem die Braut von ihm gegangen war, schickte er dem Rabbi Achieser zu melden, daß er die Lade Ben Uris in das Gebetshaus wieder einziehen lasse. Wie sie aber gingen, die Lade herbeizuschaffen, konnte sie nicht mehr aufgefunden werden — gestohlen oder verborgen oder in die Höhe entrückt — wer vermöchte es zu sagen? — -- Der Tag neigte sich, die Sonne ging unter und die Nacht begann um sich zu greifen. Da versammelten sich alle Großen Jerusalems in der Prachtwohnung Rabbi Achiesers, die Hochzeit seiner Tochter zu feiern. Sie führen Bräutigam und Braut unter den Trauhimmel. Licht ist ringsum ausgestreut. Die Musikanten rücken mit den Instrumenten heraus und lassen Sang und Klang ertönen. Aber selbst die Musik hat keine Macht, die Traurigkeit aus dem Herzen zu bannen, es zu läutern und zu klären. Es ist, als hätte da der Kummer unter ihnen Platz gegriffen, als stände er mit den beiden unter dem Trauhimmel, ja als wollte er den Baldachin über ihren Häuptern zerreißen. So sitzen denn viele Leute gelehnt an den Tisch des ehrwürdigen Rabbi Achieser, und sie scheinen an der von ihm bereiteten Festmahlzeit Genuß zu empfinden. Talmudgelehrte letzen den Gaumen mit Süßigkeiten und köstlichen Weinen, von Lied und Jubelsang begleitet. Aber sie tun dies, als ob sie dazu gemietet wären, — sie tanzen der Vorschrift halber, „um Braut und Bräutigam zu erfreuen. . . Aber jenes „holde Paar?" Der Kummer umstrickt sie und weicht nicht von ihnen, er errichtet eine Scheidewand und entfernt gleichsam mit Gewalt einen vom andern. Und sie kommen einander die ganze Nacht nicht nahe, selbst in jener Stunde nicht, da man sie in ein gesondertes Zimmer geführt. . . . Jedes ist wie gefangen, kann seine Gedanken nicht fliehen oder aus dem Herzen bannen. Auf Adlersflügeln schweben ihre Gedanken fort — in Weltfernen. Er — zwei den Abgrund der Nacht durchbohrende Augen brennen vor ihm — er denkt an Frodel, irgendein Mädchen, das jetzt so weit von ihm entfernt ist; denn wieviel Meere und Ströme scheiden sie doch! Und Dinah, sie sieht die zarten Finger Ben Uris vor sich, seine Stimme schneidet wie ein feines Messer in ihre Seele und tönt in ihrem Ohr — und ihre Phantasie schwebt ihm nach, sucht und forscht — wohin ist er gegangen, wohin hat sich der Unselige gewandt? . . . Beim Morgengebete steht der junge Mann, in den Tallis gehüllt und die Tephillin angetan, und er versteht nicht, was dies bedeuten soll. Sieben Tage der Festmahlzeiten ist er nun schon Bräutigam, und man läßt ihn nicht allein, um ihn nur vor den bösen Geistern zu behüten. Und die bösen Geister leben doch, daß sich Gott erbarme, in seinem Herzen, sie lösen sich keinen Augenblick von ihm. Und gerade dann, wenn er dem Sch'ma die volle Andacht weihen will und seine Augen mit der Hand verhüllt, damit es ihm nur gelinge, die letzte Silbe in richtiger Weise zu dehnen, wobei die Gedanken durch nichts Niedriges entweiht werden dürfen — gerade dann sieht er sie, Fradel, die £ELT - 239 sich zwischen seinen Fingern hereinstiehlt und jetzt vor seinen Augen steht. . . . Und da das Bild ihrer Wesenheit an dieser Stelle sich festgesetzt hat, weicht es nicht mehr von da, bis er die Tephillin ablegt und in ihren Beutel tut. Und dann beginnen ihn Tränen zu würgen. Dieses kleine Tephillinbeutelchen war ihm um ihretwillen lieb geworden. Wie schön sind doch die Buchstaben, die Fradel zum Schmucke hineingeflochten. Und jetzt kam dieser große Beutel, der den kleinen, lieben verschlingt und vor den Augen der Welt verbirgt. Vor den Augen der Welt, aber nicht vor den seinen. ... Er hebt den kleinen Beutel in seine Hand und küßt ihn so inbrünstig wie ein Vater, der seinen kleinen Sohn schon lange nicht geküßt, und jetzt kommt er, seine versäumte Liebespflicht nachzuholen. Fradel, Fradel, die Holde, der armen Witwe Tochter, die in ihrem Hofe wohnte — was tut sie? Festmahl und Freude — und der Bräutigam hält wundervolle gelehrte Reden! Man könnte seine Lippen küssen. Die Herzen werden gehoben, und er läßt goldene Wolken aufsteigen, verstrickte Probleme aus Bibel und Gemara, aus Siphre, Siphra und Tosefta, er streut verschwenderisch Edelsteine aus der Fülle, er vergeudet Schätze mit offener Hand — aber plötzlich unterbricht sich seine Stimme, er bleibt stehen, verwirrt und verblüfft, wie jemand, der für einen Kranken Erbarmen zu suchen ging vor die heilige Lade und fand sie leer. .. Ihn betrachtet sein Vater voll Erregung und Sorge, er bemerkt sein seltsames Gebahren. Was kann seinem Sohne nur hier fehlen? Aller Gottessegen ist da, Reichtum und Größe, ein anmutiges und keusches Weib, eine herrliche Wohnung in einem Königspalast — und wo ist sein Behagen? Jecheskel indes bemerkt garnichts in den Augen seines Vaters. Andere Augen blicken beständig auf ihn, und diese sind so traurig, und er selbst versinkt und taucht in ihnen unter, — und siehe, er senkt sein Haupt vor Scham. . . . Mit sieben Segenssprüchen geleitete man Bräutigam und Braut nebeneinander —■ ihre Körper sind nahe, ihre Herzen aber andern hingegeben. V. Niemals näherten sie sich einander! Tage kommen und gehen. Schüler sammeln sich, um aus Jecheskels Munde die Torah zu hören. Die Jeschiwah erfüllt sich mit gottgefälligen Studien, die Stimme der Lehre selbst ist's, die sich da ergießt. Und wenn Rabbi Jecheskel spricht, dann kommt es wie Gesang aus seinem Munde — bei jeder einfachen, spekulativen und Angedeutetes aufdeckenden Erklärung1) ist es, als ob ihn Engel geleiteten und die Worte im Lichte der Torah leuchten machten. Plötzlich aber sinkt er gleichsam in sich zusammen vor Gram, und er ist dann wie ein Weib, das um ihren verstorbenen jugendlichen Gatten trauert: Plötzlich scheint es ihr, als käme er ihr mit holder Miene entgegen, doch erinnert sie sich sogleich, daß er verschwunden ist, verschwunden, und nie mehr wiederkehrt . . . (Schluß folgt) l) Der Talmud nennt vier Arten der Erklärung der heiligen Schrift: Nach dem buchstäblichen Wortsinn, durch spekuhtive Erweiterung, durch Aufhellung von bloß Angedeutetem und auf mystischem Wege.