Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1910-03-18 · 11 (18.3.1910) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
11 (18.3.1910)
Date
1910-03-18
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316406-3316418--53013-3346753
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

238 DIE ELT No. 11 Reiche über das Wesen und Ziel des Zionismus beziehen. Dagegen muß ich allerdings mit Bedauern feststellen, daß ich den andern Teil seines Programms, der zwar nicht den „Bodenerwerb", jedoch den Ankauf von einigen Hektaren Land in Palästina aus Mitteln des Zionismus und die Gründung einer Agrarkreditbank, für die heute alle gesetzlichen Voraussetzungen fehlen, zum Gegenstand hat, für völlig unpraktisch halte und darum nach wie vor auf das allerentschiedenste ablehne. Die Gründe dafür, die ich in der Pariser Versammlung lang ausgeführt, in einer Zuschrift an den „Rasswjet" kurz zusammengefaßt habe*), brauche ich hier nicht zu wiederholen. Programmlos waren also unsere Freunde in Rußland 1908 allerdings nicht; schade, daß sie ihr damaliges, mir und wohl auch vielen anderen leider unbekannt gebliebenes Programm zu Hause ließen, als sie zum IX.Kongreß kamen. Für unpraktisch muß ich sie jedoch weiter halten, solange ihre „praktischen" Vorsätze in dem für die Zukunft des jüdischen Volkes völlig unerheblichen Ankauf einiger Parzellen palästinensischer Erde mit den Geldern unserer Bank und unseres Nationalfonds und in der Gründung einer zurzeit unmöglichen Agrarbank bestehen. Sollte den „Praktikern" die Verwirklichung ihrer Vorsätze gelingen und dem Zionismus wie dem jüdischen Volk aus dieser Verwirklichung ein, wäre es auch nur geringer Nutzen ersprießen, so werde ich der erste sein, der sich an die Brust schlagen und Herrn Tschlenow sagen wird: „Verzeihen Sie mir, ich war blind und töricht und habe die Weite und Tiefe Ihres staatsmännischen und prophetischen Blickes nicht begriffen." .wi> Hochachtungsvoll Dr. Max Nordau. Paris, den 13. März 1910. (□□□□□□ o lV---o , FEUILLETON SEELENVERBANNUNG (Eine Geschichte aus dem heiligen Lande) Aus dem Hebräischen des Sch. J. Agnon übertragen von Ernst Müller (Fortsetzung) o □□□□□□]) o r*— JJ o IV Und die Tage kommen und gehen, „es naht die Zeit der Nachtigall", die Tage der Hochzeit rücken heran, und im Hause des Rabbi Achieser gibt es gar •viele der Vorbereitungen. Man knetet, bäckt und kocht, alles jenem großen Tage zu Ehren, an dem der verehrte, durch seine Studien berühmte und zum Rabbi anerkannte junge Mann Jecheskel mit seiner Altersfreundin und Braut, der gefeierten Jungfrau Dinah, unter den Trauhimmel treten wird. Und alles ist schon zur Trauung vorbereitet, man harrt nur der Ankunft des Bräutigams. „Und siehe die Herolde schreiten schon über die Berge" — ein besonderer Sendbote kommt mit einem kurzen Schreiben: „Seid zum dritten nach dem Sabbath bereit!" und alle, als ob sie sich zur großen Freude einer Pflichterfüllung vorbereiteten, ermuntern einander. Die Boten kommen schon und bald auch jene kostbare Perle, heraufgeholt aus dem Meere des Talmudstudiums im Polenlande. Eine Hochzeit soll es werden, wrie sie Jerusalem nicht gesehen, seit dem Tage, da ihre Söhne in die Verbannung gegangen. Dann kam er selbst. Alle Leute Jerusalems empfingen den Bräutigam mit großen Ehren. Mit Pauken und Reigen, mit Trompeten und Harfen zogen sie ihm entgegen — alle Freude zeigend und Freude verbreitend und dabei empfindend, daß diese Freude doch nur von außen ist und ihrem Munde entstammt. Gewichtige Leute Jerusalems staunen über den jungen Mann und das Vollmaß seiner Weisheit, — ein Mund, dem Perlen entquellen, seine Gestalt königlich, er selbst edel und zart erzogen — und dennoch empfinden sich alle in seiner Gegenwart wie vor einem auf den Tod Kranken, daß Gott es verhüte. Jeder einzelne fühlt es — aber sie bringen es nicht auf die Lippen, und sie stellen sich fröhlich. *) Siehe an leitender Stelle. —■ Die Red. So kam denn der Tag der Trauung. Sie führten, wie es der Brauch ist, die Braut, auf daß sie aus dem Munde des Rabbi den Segen empfange. Der Rabbi will mit seinen gewohnten, dem Munde geläufigen Segnungen beginnen, da bricht die Braut in lautes Weinen aus, daß das Haus ein Zittern vor Gott ergreift. Aber sofort beherrschte sie sich und verlangte, daß man jeden Menschen von ihnen entferne: sie müsse dem Rabbi ein Geheimnis eröffnen. Und wie alle hinausgegangen waren, erzählte sie vor dem Rabbi das ganze Begebnis mit der heiligen Lade, wie sie mit eignen Händen sie hinuntergestoßen — sie erzählte ihm alles, verbarg vor ihm nichts, nicht einmal die Sünde, daß sie „in Herzensneigung Gelüste getragen". Bestürzt und erstaunt stand der Rabbi da, und seine Gedanken und Begriffe verwirrten sich. Dann ermannte er sich und gab ihr Antwort. Er begann, aus Ehrung der Braut, an dem Tage ihrer Entsündigung, mit sänftigeuden, zu Herzen gehenden Worten. Er sagte ihr, daß die Tore der Buße noch nicht verschlossen seien und daß ihr an diesem Tage der Heilige, er sei gepriesen, all ihre Sünden vergeben werde. Auch sprach er zu ihr Worte der Ermahnung und Erweckung: sie müsse einsehen, daß es den Töchtern Israels nicht gestattet sei, den Neigungen ihres Herzens nachzugehen, sondern daß sie verpflichtet seien, den Willen ihrer Eltern, und nachher ihres Gatten zu erfüllen. Und er endete mit der Tröstung, daß, obwohl die Töchter Israels anscheinend der Pflichten ledig und nur dreier gewürdigt sind, ihnen doch der Hochgepriesene in der Erziehung rechtschaffener Kinder eine wichtige Aufgabe überantwortet habe. Und er sprach zu ihr von der großen Gelehrsamkeit des ihr zum Gatten Bestimmten mit der Absicht, ihn ihr wert zu machen, und ihr Herz ihm zuzuwenden. Und betreffs der Lade sagte er, daß sie niemandem davonsprechen müsse,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.